1. Forst bereitet sich auf die Verteidigung vor
Im Herbst 1944 rückte der Krieg an die Reichsgrenzen heran. Der Erlass vom 25. September 1944 schuf den Volkssturm aus waffenfähigen Männern zwischen 16 und 60 Jahren. Im Gau Mark Brandenburg wurde im Januar 1945 die Ausgabe von Lebensmittelkarten an die Vorlage eines Nachweises über Volkssturmdienst, Befreiung oder Zugehörigkeit zu einer ausgenommenen Gruppe gekoppelt.
Stadt- und Landwachtkompanien wurden in den Volkssturm übernommen. Die Aufstellung blieb chaotisch: Waffen, Munition, Uniformen und funktionierende Verbindungen fehlten. Viele Forster Volkssturmmänner kämpften in Zivilkleidung mit Armbinde. In Nahberg entstanden Schützenlöcher, Baumsperren, Panzersperren und Barrikaden. Nach Forst gelangten außerdem gepanzerte MG-Stände für das MG 34. Zwei solcher Stände wurden 2013 am Kegeldamm geborgen.
Forst blieb zugleich Industriestandort. Textilbetriebe wurden geschlossen oder für Kriegsproduktion umgestellt; aus Berlin verlagerte Firmen arbeiteten weiter. Werkstätten, Verkehr, Feldpost, Munitions- und Verpflegungspunkte bildeten das Hinterland der Front.
2. Glase und die 342. Infanterie-Division
Seit dem 2. Februar 1945 war Oberstleutnant Willi Georg Glase Kampfkommandant von Forst. Die Quellen belegen keine formelle Erklärung der Stadt zur Festung. Am 21. Februar wurde Glase als Brückenkopfkommandant dem Grenadier-Regiment 698 unterstellt; bereits am folgenden Tag löste ihn Oberstleutnant Stegmann ab. Sein weiteres Schicksal ist ungeklärt.
Die 342. Infanterie-Division unter Generalleutnant Heinrich Nickel erreichte Forst nach dem verlustreichen Rückzug über Glogau und Guben. Sie hatte schwere Waffen und viele Soldaten verloren und war kaum mehr als eine Kampfgruppe. Zu ihr gehörten die Grenadier-Regimenter 554, 697 und 698, Füsilier-, Pionier-, Artillerie-, Panzerjäger-, Nachrichten-, Versorgungs- und Sanitätseinheiten. Volkssturm, Urlauberrückkehrer, Versprengte und Festungs-Pak-Kompanien ergänzten die Verteidigung.
3. 20.-28. Februar 1945
20.-21. Februar
Das Grenadier-Regiment 698 kam nach Kerkwitz und erhielt noch in der Nacht den Befehl nach Forst. Der Kampfteil wurde per Bahn verlegt und um 14 Uhr entladen. Das Regiment übernahm den Brückenkopf Forst sowie die Neiße-Stellung von der Scheunoer Brücke bis zur Kläranlage. Bataillone bezogen Stellungen bei Keune, Noßdorf und am Fluss.
22. Februar
Nach starkem sowjetischem Artilleriefeuer kam es zu Einbrüchen. Der Brückenkopf Jähnsdorf ging verloren und südlich von Scheuno überschritten sowjetische Kräfte die Neiße. Pioniere und Sturmgeschütze gewannen Jähnsdorf zurück; Teile der 16. Panzer-Division beseitigten den Brückenkopf bei Scheuno. Hauptmann Koch fiel, Oberleutnant Schuchardt übernahm sein Bataillon.
23.-25. Februar
Sowjetische Truppen nahmen Gut Berge und brachen bei der Pfortenerstraße ein. Deutsche Gegenstöße gewannen einzelne Abschnitte zurück, doch der schlecht bewaffnete Volkssturm konnte die Linie nicht dauerhaft halten. Flieger, Panzer, Artillerie und Salvengeschütze unterstützten die Angriffe. Die Artillerietagebücher nennen Feueraufträge auf Scheuno, Gut Berge, Breite Straße, Sportplatz, Brücken und Zufahrtswege. Am 25. Februar stand Forst nach den Meldungen in Flammen; Zivilisten befanden sich noch in der Stadt.
26. Februar
Nach einer Feuerbereitung griffen drei deutsche Stoßgruppen an. Eigenes Panzerabwehrfeuer schaltete irrtümlich zwei Sturmgeschütze aus. Die Bataillone Schuchardt, Wilde und Czechowsky erreichten Teile der Bahnlinie, des Friedhofs, der Pfortenerstraße und des Geländes am Sportplatz, blieben aber unter hohen Verlusten liegen. Sowjetische Gegenangriffe mit Panzern gewannen Straßenzüge zurück; Schulgebäude und Hängebrücke wechselten den Besitzer. Der sowjetische Bericht der 106. Schützendivision dokumentiert gleichzeitig deren Ablösung und Neuaufstellung vor Forst und Scheuno.
27.-28. Februar
Am 27. Februar meldete Stegmann mehr als 300 Verluste innerhalb von 36 Stunden und forderte Verstärkung. Munition für schwere Waffen war knapp. Die 106. Schützendivision übernahm den Abschnitt vom östlichen Forst bis Scheuno. Am 28. Februar wurden erneute Angriffe abgewehrt, doch ein Granatwerfertreffer löste die Sprengladungen an der Langen Brücke aus. Zwei Mittelfelder stürzten ein; Versorgung und Verwundetentransport waren zeitweise nur über eine Pontonbrücke möglich.
4. März: Stellungskrieg und Erschöpfung
Im März dominierten Patrouillen, Störfeuer, Aufklärung, Minenlegen und Ausbau der Gräben. Die sowjetischen Regimenter wechselten ihre Abschnitte zwischen Sakrow, Jähnsdorf, Gut Berge, dem Brückenkopf und Scheuno. Deutsche Einheiten hielten die gegenüberliegenden Linien mit Läufern und vorgeschobenen Posten.
Befehle zeigen den Zustand der Truppe: Gräber mussten registriert, Nachlässe gesichert und Verstärkungen an andere Regimenter abgegeben werden. Berichte nennen Wachvergehen, Desertionen oberschlesischer Soldaten und psychische Belastungen. Männer über 60 konnten auf Antrag entlassen werden, während ältere Volkssturmmänner weiter eingesetzt wurden. In Klinge entstanden ein Erholungsheim und eine Sattlerwerkstatt; die Bahn aus Forst funktionierte Ende März offenbar noch.
Am 27. März wurde die Fünf-Kilometer-Zone für Zivilisten gesperrt. Befehle warnten vor feindlichen Agenten und verlangten, Tiefflieger mit allen verfügbaren Infanteriewaffen zu bekämpfen. Diese Dokumente zeigen neben dem Frontalltag auch den fortschreitenden Zerfall von Disziplin und Versorgung.
5. April und endgültiger Durchbruch
Am 1. April wurden Panzerjagdkommandos ausgebildet; der Stoßtrupp „Bär“ führte einen Nahkampfeinsatz durch. Am 2. April endete ein Plünderungsfall in Forst mit der Erschießung eines Feldwebels durch eine Wehrmachtstreife.
Seit dem 8. April erwartete die deutsche Führung die Großoffensive. Meldungen vom 13.-15. April erkannten sowjetische Konzentrationen zwischen Muskau und Forst, starke Artilleriestellungen und Panzerbewegungen. Reserven wie die 21. Panzer-Division wurden in den Raum Roggosen verlegt.
Am 16. April begann nach etwa zweistündigem Trommelfeuer und massiver Luftunterstützung der Angriff der 1. Ukrainischen Front über die Neiße. Mehrere Schützenarmeen, die 4. Panzerarmee und die 3. Gardepanzerarmee stießen westwärts. Deutsche Gegenangriffe konnten lokale Spitzen zurückwerfen, die operative Lage aber nicht mehr wenden.
Am 17. April gingen die Kämpfe in der Stadt, an den Zufahrten und auf den Rückzugswegen weiter. Forst fiel nicht im Februar. Erst am Abend des 17. April war die Verteidigung endgültig gebrochen. Die Reste der Verbände wichen nach Westen und Nordwesten aus.
6. Soldaten, Zivilisten und Quellenkritik
Zwischen den militärischen Einträgen werden die Folgen für die Bevölkerung sichtbar: unvollständige Evakuierung, Brände, Artilleriebeschuss, beschlagnahmte Gebäude, Versorgungskrise und Räumung der Frontzone. Feldpost und Todesnachrichten zeigen die amtliche Sprache, mit der Verluste den Familien mitgeteilt wurden.
Kriegstagebücher sind keine neutrale Gesamtschau. Deutsche und sowjetische Meldungen beschreiben dieselben Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln; Zahlen zerstörter Panzer und gegnerischer Verluste sind zunächst Eigenmeldungen. Die Darstellung kennzeichnet deshalb Unsicherheiten und trennt nachweisbare Abläufe von Wertungen und Propagandasprache.
Quellen
Hauptgrundlage: Christoph Malcherowitz, 1945 - Kampf an der Lausitzer Neiße, Nation & Wissen Verlag, Riesa 2025, ISBN 978-3-944580-65-4. Verwendet wurde eine eigene polnische Arbeitsübersetzung der Abschnitte über Forst, Berge und Scheuno; dieser Artikel ist eine ausführliche Paraphrase, kein Nachdruck.
- Historischer Verein zu Peitz - Buchveröffentlichung
- Bibliografische Angaben
- KTB Nr. 14 Grenadier-Regiment 698; KTB Nr. 10 I./ und II./Artillerie-Regiment 342; Unterlagen II./Grenadier-Regiment 697 und weiterer Teile der 342. Infanterie-Division - nach den im Buch wiedergegebenen Dokumenten.
- Sowjetische Kriegstagebücher, besonders der 106. Schützendivision, sowie Unterlagen weiterer gegenüberliegender Divisionen - nach der Quellenzusammenstellung des Autors.
- Tagesmeldungen der Heeresgruppe Mitte vom 13.-16. April 1945.
- Eigene Quellen der Stiftung Rokita: Fotografien, Dokumentation im Gelände, Ortsnamen- und Kartenvergleich sowie Forschungen zu Scheuno/Brożek und DSC Forst „Wald“.
