Historischer Überblick: Forst und Umgebung 1945
Anfang 1945 war Forst (Lausitz) noch eine Stadt des Hinterlandes, doch die Front näherte sich mit großer Geschwindigkeit. Östlich der Neiße, hinter Berge und Scheuno, arbeitete der große Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie Forst-Scheuno. Die G.E.O.S.-Studie von 1995 verzeichnet für September 1944 bis Januar 1945 mehr als 6.200 Tonnen Pulverproduktion. Das verdeutlicht, dass die Kriegsproduktion bis unmittelbar vor dem Eintreffen der Front weiterlief. Im Januar zogen Flüchtlingstrecks durch Forst und die östlichen Stadtteile.
Am 8. Februar begann die Niederschlesische Operation der 1. Ukrainischen Front. Am 14. Februar standen nach einer Veröffentlichung der Stadt Forst bereits drei sowjetische Panzer am Ostufer der Neiße zwischen Jähnsdorf und der Brücke bei Sacro. Die Brücke wurde zerstört; es gab Tote. Für den Zeitraum 19.-28. Februar ist außerdem ein deutsches Kriegstagebuch des Grenadier-Regiments 698 erhalten. German Docs in Russia beschreibt es ausdrücklich als KTB zu den Kämpfen im Raum Forst/Lausitz und nennt eine beigefügte Karte von Forst.
Mit dem Erreichen der Neiße wurde der Fluss, der Forst zuvor mit Berge, Scheuno und den Straßen nach Osten verbunden hatte, zur Frontlinie. Ende Februar bis Mitte April folgte eine Phase überwiegend stellungsgebundener Kämpfe, Aufklärung, Artilleriefeuer und Vorbereitung von Übergängen. Gleichzeitig wurde die Stadt geräumt. In der Nachkriegsliteratur findet sich die Angabe, die Wehrmacht habe Forst Ende März zur „Festung“ erklärt. Die von Jeannette Michelmann zitierte Aussage führt jedoch auf Ihlo/Scholze 1972 zurück. Ein ursprünglicher Festungsbefehl wurde in der vorliegenden Recherche nicht gefunden. Deshalb bleibt „Festung Forst“ auf der Website bewusst in Anführungszeichen.
Am 16. April begann die Berliner Operation. Im Forster Abschnitt operierte unter anderem die 3. Gardearmee der 1. Ukrainischen Front. Ein sowjetisches Gefechtsjournal auf Pamyat Naroda meldet, dass die ersten Staffeln bis 8.00 Uhr den Übergang über die Neiße beendet und Brückenköpfe am Westufer gebildet hatten; bis 10.30 Uhr war die deutsche Verteidigung mehrere Kilometer tief aufgerissen. Forst selbst blieb jedoch ein besonderer Widerstandsknoten.
Ein weiterer zentraler Beleg ist ein Auszug aus dem Gefechtsjournal des 76. Schützenkorps mit der Überschrift „Sturm auf Forst und Übergang über die Neiße“. Er beschreibt Kämpfe um vorbereitete Stadtviertel und einen erfolglosen Übergangsversuch unter starkem Maschinengewehr-, Artillerie- und Granatwerferfeuer. Michelmann datiert die Kämpfe in der Stadt auf den 16.-18. April. Spätere sowjetische bzw. russische Darstellungen nennen den 18. April als Tag der Einnahme nach schweren Straßenkämpfen; für die Feinchonologie sollen jedoch die Gefechtsjournale Vorrang haben.
Die Folgen waren verheerend. Michelmann nennt etwa 38 Prozent völlig zerstörte und rund 50 Prozent teilweise beschädigte Gebäude. Der polnische Archivführer zum Magistrat Forst hebt die schweren Zerstörungen im rechts der Neiße gelegenen Berge hervor. Nach Kriegsende wurde die Neiße Staatsgrenze. Der westliche Teil blieb deutsch, der östliche Teil mit dem ehemaligen Forst-Berge kam zu Polen und wurde später Zasieki genannt.
Die Geschichte von Forst 1945 muss deshalb aus deutschen, sowjetischen und polnischen Quellen gemeinsam rekonstruiert werden. Die neun Unterseiten trennen Chronologie, Operationsgeschichte, Kriegstagebücher und persönliche Erinnerungen. Wo eine Aussage nur aus späterer Literatur oder lokaler Erinnerung stammt, wird dies sichtbar gekennzeichnet.
Neun Unterseiten
Die Ruhe vor dem Sturm
Januar bis Mitte Februar: Produktion, Flüchtlinge und herannahende Front.
Lesen → 02Februar 1945
Niederschlesische Operation, Neiße-Front und KTB Gren.Rgt. 698.
Lesen → 03Stellungskämpfe bis 16. April
Die Neiße als Front, Evakuierung und Prüfung des Begriffs „Festung“.
Lesen → 04Berliner Operation
Neiße-Übergang, Kämpfe 16.-18. April und Vormarsch nach Westen.
Lesen → 05Kriegstagebücher
Deutsche und sowjetische Operationsdokumente und ihre Vergleichsmethode.
Lesen → 06Erinnerungen
Erinnerungen, Evakuierung, Rückkehr und quellenkritische Fotodatierung.
Lesen → NEUE UNTERSEITE 07106. Garde-Schützendivision
Stellungen an der Neiße, Aufklärung und Vorbereitung der Offensive.
→ NEUE UNTERSEITE 08121. Garde-Schützendivision
Benau, Scheuno, DSC und Forst in den Unterlagen der Division.
→ NEUE UNTERSEITE09Kämpfe aus deutscher Sicht
342. Infanterie-Division, Generalleutnant Heinrich Nickel, Berge und Scheuno in einer gekürzten Quellenübersetzung.
Lesen →Quellen und Quellenkritik
Vorrang haben Kriegstagebücher und Archivmetadaten. Wissenschaftliche Literatur dient der Synthese; Erinnerungen und lokale Chronologien werden als eigene Ebene gekennzeichnet.
Pamyat Naroda - Berliner Operation und Gefechtsjournale Portal des russischen Verteidigungsministeriums. Verwendet wurden u.a. Auszüge aus dem Gefechtsjournal des 76. Schützenkorps und der 3. Gardearmee zu Forst und zum Neiße-Übergang.
Pamyat Naroda - Niederschlesische Operation Operativer Kontext für Februar 1945: Vormarsch der 1. Ukrainischen Front bis an die Neiße.
German Docs in Russia - KTB Grenadier-Regiment 698 ZAMO, Bestand 500, Findbuch 12482, Akte 190. KTB Nr. 14, 19.-28.02.1945, Kämpfe im Raum Forst/Lausitz, 9 Blätter und Karte von Forst.
Stadt Forst (Lausitz) - Material „Grenzrose“ Städtische Quelle: 14.02.1945 sowjetische Panzer am Ostufer zwischen Jähnsdorf und der Brücke bei Sacro; am 16.04 Beginn der Großoffensive und Neiße-Übergang nördlich der Gedenkstätte.
Jeannette Michelmann - Dissertation zum kommunalen Neubeginn 1945 Wissenschaftliche Sekundärquelle: Front an der Neiße seit Mitte Februar, Evakuierung, Kämpfe 16.-18.04 und Zerstörungen. Die Aussage zur Erklärung von Forst zur „Festung“ Ende März stützt sich dort auf spätere Literatur (Ihlo/Scholze 1972), nicht auf einen hier aufgefundenen Wehrmachtsbefehl.
Szukaj w Archiwach - Magistrat der Stadt Forst Polnischer Archivführer mit Hinweis auf die schweren Zerstörungen im rechtsseitigen Berge 1945 und die Nachkriegsgrenze.
Polnisches Geologisches Institut - Blatt Zasieki Polnische institutionelle Quelle: Zasieki als ehemaliger östlicher Vorort von Forst und Zerstörungen von 1945.
Zeitzeugen Forst - lokale Chronologie „Als der Krieg nach Forst kam“ Lokale Erinnerungs- und Bildchronologie zu Flüchtlingen, Beschuss Ende Februar, Brand von St. Nikolai und Zerstörung der Lange Brücke. Als lokale Quelle gekennzeichnet, nicht gleichrangig mit einem KTB.
Zeitzeugen Forst - „Mein Vater und meine Mutter Forst 1945“ Familiäre Erinnerung an Evakuierung und den Versuch einer Rückkehr Anfang April. Deutlich als persönliche Erinnerung gekennzeichnet.
Zeitzeugen Forst - Diskussion zur Datierung von Kampffotos Beispiel für ein Quellenproblem: Ein bekanntes sowjetisches Foto aus Forst wird unterschiedlich datiert. Eine Bildunterschrift gilt nicht ohne weitere Bestätigung als Datumsbeleg.