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1. Einleitung
Die Vielfalt an regional- und unternehmenshistorischen Studien zur Zwangsarbeit ist
mittlerweile fast unüberschaubar geworden.1 Warum noch eine Betrachtung mehr?
Der Ausländereinsatz in den Kriegsjahren bleibt für die meisten Menschen so
lange abstrakt, wie er nicht in ihrem Umfeld nachvollziehbar wird. Zu Beginn der
Recherche, die mit einer Hausarbeit begann, die unter dem Vorbehalt der
„Spurensuche“2 stand, wurde deutlich, dass sich mit dem Schicksal der ausländischen
Arbeiter in der ehemaligen Textilindustriestadt Forst in den vergangenen sechs
Jahrzehnten niemand wissenschaftlich beschäftigt hatte. Die Information um den
Ausländereinsatz beschränkte sich meist auf persönliche Erfahrungen oder die
Erzählung darüber. Der tatsächliche Umfang des Ausländereinsatzes blieb in der Stadt
Forst dem Einzelnen verborgen.
Diese Betrachtung beschränkt sich geographisch auf den Ausländereinsatz von
1939 bis 1945 in den heutigen Grenzen der Stadt Forst (Lausitz).3 Forst liegt im
Südosten des Landes Brandenburg an der Lausitzer Neiße und ist heute Kreisstadt des
Landkreises Spree-Neiße (SPN). Mit Beginn der Industrialisierung wurde Forst zum
dominanten Textilzentrum in der Lausitz. 1897 wurde Forst Stadtkreis und war
umgeben vom Kreis Sorau. Administrativ gehörten beide Gebietskörperschaften zum
Regierungspräsidium Frankfurt/Oder und damit zur Provinz Brandenburg. Der
Stadtkreis Forst hatte 1939 fast 38.000 Einwohner4, wuchs durch Eingemeindungen
der Dörfer Eulo, Noßdorf, Keune, Domsdorf und Scheuno 1940 um rund 2700 auf
4200 Hektar Fläche, auf der 44.635 Einwohner lebten. Heute umfasst das Stadtgebiet
fast die dreifache Fläche (etwa 110 Quadratkilometer) mit den „neuen“ Ortsteilen
Bohrau, Briesnig, Sacro, Mulknitz und Naundorf im Norden, Groß Bademeusel und
Klein Bademeusel im Süden und Groß Jamno sowie Klein Jamno im Westen. Die
Einwohnergröße beträgt heute etwa 24.000 Einwohner. Durch die Grenzziehung an
der Neiße nach dem Zweiten Weltkrieg liegen die ehemaligen Forster Ortsteile
1 Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz – Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und
Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939 - 1945, Stuttgart/München, 2001, S. 9
2 Die Hausarbeit im Rahmen des Weiterbildungsstudiums am Institut für Publizistik und
Kommunikationswissenschaften der FU Berlin, Studienrichtung Journalistenkolleg, im Sommersemester 2001,
trug den Titel „Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in der Stadt Forst (Lausitz) und Umgebung – eine
Spurensuche“.
3 Nähere Angaben in der Anlage A
4 Hübner, Peter: „Durchhalten“ und „Durchkommen“ – Niederlausitzer Industriearbeiter im Jahre 1945; in:
Stang, Werner (Hg.) und Arlt, Kurt: Brandenburg im Jahr 1945, Potsdam, 1995, S. 140. Hübner schreibt von
37.975 Einwohnern im Jahr 1939. Mit Verweis auf die Volkszählung vom 17. Mai 1943 verweist Hartmut
Ritschel auf eine Einwohnerzahl von 37.868; in: Ritschel, Hartmut: Zeitreise durch die Geschichte der Stadt
Forst (Lausitz) – Eine Chronik in Daten, Forst, 1999, S. 27
Scheuno und Berge nun auf polnischem Territorium und heißen Brozek und Zasieki.
Beide Orte sind Bestandteil dieser Arbeit, da bei Scheuno am Werk der Deutschen
Sprengchemie das wahrscheinlich größte Ausländer-Lager im Stadtkreis Forst lag. In
Berge lag ein Ostarbeiterlager für Familien, auf das noch eingegangen wird.
In dieser Arbeit wird auch auf Daten des ehemaligen Kreises Sorau
eingegangen. Die Gründe liegen vor allem im allgemein schlecht erhaltenen
Quellenbestand und der enklaven Lage des Stadtkreises Forst im Kreis Sorau, aus dem
im April 1940 einige Orte nach Forst eingemeindet wurden. Um den Umfang des
Ausländereinsatzes in der Landwirtschaft zu berücksichtigen, hätte es nicht
ausgereicht, sich allein auf die industriell geprägte Stadt zu beziehen. Ein weiterer
Grund liegt im Zuständigkeitsbereich des Arbeitsamtes Forst, das für die Vermittlung
der ausländischen Arbeitskräfte im Stadtkreis Forst und im Kreis Sorau zuständig
war.5
Ausgehend von der dürftigen Quellenlage, auf die noch konkreter eingegangen
wird, konnte an einigen Stellen nicht darauf verzichtet werden, Aussagen von
Zeitzeugen zu berücksichtigen, um Lager- und Arbeitsorte von Ausländern zu
lokalisieren oder Angaben zu konkretisieren.6 Ansonsten hätte die Gefahr bestanden,
dass ausgehend von der Regel „Quod non est in actis, non est in mundo“, 7 eine
lückenlose Nachzeichnung der Ereignisse nicht möglich gewesen wäre oder teilweise
nicht hätte verdichtet werden können. Eine wesentliche Quelle für eine Hauptintention
dieser Arbeit, die tatsächlichen Lebensumstände von Ausländern während des Krieges
in Forst zu ermitteln, fehlt allerdings: Erinnerungen aus der Opferperspektive. Leider
war es bisher nicht möglich, Aussagen von ehemaligen Zwangsarbeitern zu erhalten.8
5 StadtA Forst, 3145, Bl. 10f. Zum Arbeitsamtsbezirk Forst gehörten nach einer Auflistung vom 6.11.1928 die
Amtsgerichtsbezirke Forst, Sorau, Pförten, Triebel und Sommerfeld. Über eine Gebietsneustrukturierung danach
ist nichts bekannt. Siehe im Anhang: Karte der Arbeitsamtsbezirke aus dem BArch-MA Freiburg.
6 Nach einem Aufruf über einen Artikel in der Lokalausgabe Forst der Tageszeitung Lausitzer Rundschau
meldeten sich fünf Zeitzeugen, ausnahmslos Frauen. Andere Zeitzeugen lehnten teilweise Interviews ab. In der
Arbeit wird wegen der dürftigen Quellenlage an einigen Stellen auf Zeitzeugenaussagen verwiesen, die bereits
an anderer Stelle publiziert wurden, sich aber größtenteils nur am Rande zu ausländischen Arbeitskollegen oder
Ausländern, mit denen sie Kontakt hatten, äußerten.
7 Das Problem des Fehlens von einschlägigen und einsehbaren Quellen für eine lückenlose Nachzeichnung
historischer Ereignisse beschreibt Wolfgang Wippermann in seinem Beitrag „Kirche im Krieg“ in: Schuppan,
Erich (Hg.): Bekenntnis in Not, Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg im Konflikt mit dem totalen Staat
(1933 – 1945), Berlin, 2000, S. 326
8 Eine Anfrage beim International Tracing Service ITS (Internationalen Suchdienst) in Bad Arolsen ergab bisher
keine Antwort. Inwiefern bei Flüchtlings-, Kriegsgefangenen-, Zwangsarbeiter- oder jüdischen Institutionen
noch Zeitzeugenaussagen vorliegen muss an dieser Stelle offen bleiben.
In dieser Arbeit sollen insgesamt sieben Thesen behandelt werden:
1. Forst war wegen der industriellen Struktur und durch den Bau der Pulverfabrik der
Deutschen Sprengchemie ein Zentrum des Ausländereinsatzes in der südöstlichen
Mark Brandenburg.
2. Bedingt durch die politisch-moralischen Vorgaben in der DDR9 gab es in Forst keine
Aufarbeitung des Ausländereinsatzes. Die damit verbundenen Einstellungen wirkten
auch in der Zeit nach der Wiedervereinigung nach.
3. Das Fehlen detaillierter Primär-Quellen sowie die abnehmende Zahl von Zeitzeugen
erschweren eine Aufarbeitung der Umstände des Ausländereinsatzes in Forst.
4. Ulrich Herbert stellte die These auf, dass die Lebensbedingungen der ausländischen
Arbeitskräfte u.a. abhängig von Orts- und Betriebsgröße sowie dem
Gestaltungsspielraum lokaler Machthaber und Institutionen waren. 10 Mark Spoerer
bezog auch den Aspekt der Einstellungen der Bevölkerung ein, um Unterschiede bei
der Behandlung ausländischer Arbeitskräfte zu begründen. 11 Von beiden Thesen
ausgehend, müsste Forst als eher ländlich geprägter Industrieraum mit einer bürgerlich
und sozialdemokratisch/kommunistisch geprägten Bevölkerungsstruktur günstigere
Voraussetzungen und Überlebenschancen für Zwangsarbeiter geboten haben.
5. Es gab Widerstandbestrebungen von Ausländern in Forst, die über den Versuch, zu
überleben, hinausgingen.
6. Ausgehend von polnischen Publikationen wird der These nachgegangen, dass allein
im Bereich der Deutschen Sprengchemie Forst über 2000 Todesopfer unter den
Ausländern zu beklagen waren.
7. Der westlich gelegene Teil der Stadt Forst war nach dem Ende der Kämpfe ein
zentraler Sammelpunkt für „Displaced Persons“ in der sowjetischen Besatzungszone.
9 Demps, Laurenz: Das Thema Zwangs- und Fremdarbeit in der DDR-Historiographie – Eine Skizze, in:
Scholze-Irrlitz, Leonore und Noack, Karoline (Hg.): Arbeit für den Feind – Zwangsarbeiter-Alltag in Berlin und
Brandenburg (1939 – 1945), Berlin, 1998, S. 142
10 Herbert zählt dazu auf regionaler Ebene Gauleiter, Rüstungskommandos und Wirtschaftsverbände, auf lokaler
Ebene die Ortsbauernführer, die Ausländerbeauftragten der Fabriken, die Chefs der Gestapo-Stellen,
Bürgermeister, NSDAP-Kreisleiter und die Chefs örtlicher Wirtschaftsverwaltungen oder -verbände. Innerhalb
von Unternehmen konnte diese individuelle Einflussmöglichkeit bis zum Vorarbeiter hinunterreichen. Herbert,
Ulrich: Zwangsarbeit im Dritten Reich. Kenntnisstand, offene Fragen, Forschungsprobleme; in: Reininghaus,
Wilfried / Reimann, Norbert (Hg.): Zwangsarbeit in Deutschland 1939 – 1945: Archiv- und Sammlungsgut,
Topographie und Erschließungsstrategien, Bielefeld, 2001, S. 20f
11 Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz – Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und
Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939- 1945, Stuttgart/München, 2001
2. Forschungsstand
2.1 Der Arbeitseinsatz von Ausländern im Deutschen Reich 1939 –1945
Relativ früh begannen sich vor allem DDR-Historiker mit der Forschung über den
Zwangsarbeitereinsatz zu befassen. Als maßgebend gilt dabei die Übersicht über die
„Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft“12, in der Dietrich Eichholtz beginnend in
den 1960er-Jahren allerdings ideologisierend vom Krieg des deutschen Finanzkapitals
ausgeht, dessen Interessen maßgeblich für den Einsatz ausländischer Zwangsarbeiter
gewesen seien. Das „Monopolkapital“ sei bestrebt gewesen, „bei notdürftigtester
Unterbringung, Entlohnung und Verpflegung das Letzte an Arbeitsleistung“ aus den
ausländischen Arbeitern herauszuholen;13 der Faschismus habe dies ermöglicht.14
Die westdeutsche Geschichtswissenschaft widmete sich dem Thema intensiv
erst ab den 1980er-Jahren, als Ulrich Herbert seine grundlegende Arbeit vorlegte.15
Anders als Eichholtz geht Herbert allerdings davon aus, dass die Weichen für den
umfassenden Ausländereinsatz auf Referentenebene des nationalsozialistischen
Machtapparates gestellt worden seien und „eine der wesentlichen Voraussetzungen
des von Deutschland fast sechs Jahre lang geführten Krieges“ gewesen sind. Die
deutsche Wirtschaft war „alternativlos auf die Beschäftigung der ausländischen
Zwangsarbeiter angewiesen“, aber ohne Initiative der einzelnen Unternehmen sei es
nicht zur Beschäftigung von Zwangsarbeitern gekommen, so Herbert zur generellen
Mitverantwortung der deutschen Wirtschaft.16 Auch Spoerer sieht den deutschen Staat
als Hauptverantwortlichen für den Zwangsarbeitereinsatz und seine Begleitumstände,
weil er die Rahmenbedingungen weitgehend unbeeinflusst vorgab. Bei den
Lebensumständen der Zwangsarbeiter sei aber durchaus eine Mitverantwortung der
Unternehmen und anderer lokaler Einsatzträger zu sehen.17
Ideologisch geprägt, gab es auch sich widersprechende Erklärungsansätze zur
Einschätzung der Lebensverhältnisse, der Verantwortung und der Formen des
Widerstandes. Nach Ansicht von Eichholtz wurden Arbeitszurückhaltung oder
12 Eichholtz, Dietrich: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 – 1945, Band II, Teil 1, München 1999,
S. 237
13 ebenda, S. 268.
14 ebenda, S. 287
15 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, basierend auf einer Dissertation unter dem Titel „Der Feind als Kollege“ aus dem Jahr 1985,
hier zitiert in der Neuauflage aus dem Jahr 1999
16 ebenda, S. 431
17 Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz – Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und
Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939 - 1945, Stuttgart/München, 2001, S. 234f.
Arbeitsverweigerung höchstens von Kriegsgefangenen und Offizieren der
Wachmannschaften aus den Kriegsgefangenenlagern gegen „die Rüstungskonzerne“
gedeckt.18 Auf der Basis von politisch-moralischen Vorgaben wurde die Rolle der
Wirtschaft in der DDR-Geschichtswissenschaft überbetont, auch um eine gefährliche
Nähe von Industrie und Politik herauszustellen, die von der NS-Zeit bis in die
bundesrepublikanische Gegenwart reichen sollte.19 Selbst als vom Bild des
gemeinsamen Kampfes deutscher und ausländischer Arbeitskräfte zunehmend
Abstand genommen wurde, war dies nicht Gegenstand einer Diskussion in der breiten
Öffentlichkeit.20
Eichholtz geht vor allem von den belastenden Quellen des Reichs- und
Parteiapparates aus, die im Rahmen der Nürnberger Prozesse von der Anklage
verwendet wurden.21 Dies ist nach Ansicht von Herbert unzureichend, da vor allem ab
1942 die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Ausländer maßgeblich von mehreren
Faktoren beeinflusst wurden, die sich auf regionaler und betrieblicher Basis
unterschiedlich bemerkbar machten und von „auskömmlichen Verhältnissen und
geradezu freundschaftlichen Beziehungen“ auf dem Lande bis hin zu „katastrophalen,
den Verhältnissen in den Konzentrationslagern gleichenden Bedingungen“ zum
Beispiel in größeren Industriebetrieben reichten, sowie von regionalen und lokalen
Amtsinhabern und Wirtschaftsvertretern beeinflusst wurden oder werden konnten.22
Spoerer akzeptiert zwar die Existenz eines Stadt-Land-Gefälles,23 beobachtet auf
regionaler Ebene aber auch eine „Mischung von tradierter Ausländerfeindlichkeit und
Streben nach materiellem Eigennutz“, die als Differenzierungsfaktoren im Umgang
mit ausländischen Arbeitern zu berücksichtigen seien.24
Während Eichholtz die These eines geplanten Masseneinsatzes von Polen vor
Kriegsausbruch durch eine Aussage Hermann Görings vor dem Reichsverteidigungsrat
18 Eichholtz, Dietrich: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 – 1945, Band II, Teil 1, München 1999,
S. 289
19 Demps, Laurenz: Das Thema Zwangs- und Fremdarbeit in der DDR-Historiographie – Eine Skizze, in:
Scholze-Irrlitz, Leonore und Noack, Karoline (Hg.): Arbeit für den Feind – Zwangsarbeiter-Alltag in Berlin und
Brandenburg (1939 – 1945), Berlin, 1998, S. 142
20 ebenda, S. 143
21 siehe dazu auch Radandt, Hans (Hg.): Fall 6 – Ausgewählte Dokumente und Urteil des IG-Farben-Prozesses,
Berlin, 1970, der insbesondere unter Heranziehung der Anklagematerialien die Verantwortung der Industrie
belegen wollte.
22 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 418f
23 Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz – Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und
Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939 - 1945, Stuttgart/München, 2001, S. 258
24 ebenda, S. 261
am 23. Juni 1943 bekräftigt sieht25, verweisen westdeutsche Historiker wie Herbert auf
fehlende Belege für eine großangelegte Vorbereitung.26 Herbert sieht erst in der
Leichtigkeit, mit der nach dem Einmarsch in Polen neben Kriegsgefangenen auch
zivile Arbeiter zu rekrutieren waren, den Auftakt für einen dynamischen, aber nicht
langfristig geplanten Prozess des Ausländereinsatzes in Gang gesetzt.27
Relativ nahe liegen Versuche der Quantifizierung des Ausländereinsatzes.
Eichholtz geht davon aus, dass im Laufe des Krieges etwa 14 Millionen ausländische
Arbeiter und Kriegsgefangene nach Deutschland kamen.28 Herbert hält eine Zahl von
etwa 9,5 bis zehn Millionen ausländischen Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen für
realistisch, während die Zahl der eingesetzten KZ-Häftlinge, von denen fast jeder
kurz- oder langfristig zur Zwangsarbeit eingesetzt wurde, seriös kaum schätzbar sei.
Das wären weitere 2,1 Millionen ausländische Zwangsarbeiter.29 Das läuft auf eine
Gesamtzahl von 11,6 bis 12,1 Millionen Zwangsarbeitern hinaus. Spoerer schätzt
vorsichtig,30 dass etwa 13,5 Millionen ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene
und Häftlinge im Großdeutschen Reich eingesetzt wurden, von denen „mit Sicherheit
80 %, eher noch 90 % als Zwangsarbeiter angesehen werden“ könnten.31
2.1.1 Begriffsdefinitionen
Begriffsbestimmungen zur Zwangsarbeit sind kompliziert und umstritten. Spoerer
setzte bei dem Versuch an, zwischen freiwilligen ausländischen Zivilarbeitern und drei
Gruppen von Zwangsarbeitern zu unterscheiden. Die Möglichkeit, Einfluss auf die
eigenen Existenzbedingungen und Überlebenschancen zu nehmen, sei entscheidendes
Kriterium zur Unterscheidung von Zwangsarbeitern gegenüber freiwillig gekommenen
25 Eichholtz, Dietrich: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 – 1945, Band I, München 1999, S. 92;
Eichholtz verweist dabei auf Dok. PS-3787, IMT, Bd. 33, S. 152ff., Sitzungsbericht des OKW (WFA) über die
2. Sitzung des Reichsverteidigungsrates am 23.6.1939, v. 10.7.1939. Demnach habe Göring angekündigt, „dass
im Kriege aus den Nichtwehrwirtschaftsbetrieben im Protektorat Hunderttausende in Deutschland, in Baracken
zusammengefasst, unter Aufsicht, eingesetzt werden sollen, zumal in der Landwirtschaft“.
26 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 43
27 ebenda, S. 403
28 Eichholtz, Dietrich: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 – 1945, Band II, Teil 1, München 1999,
S. 247. Eichholtz bekräftigt dabei die Schätzungen von Jürgen Kuczynski, (Lage der Arbeiter, Band 6, S. 278)
und ergänzt dessen Schätzung um die in den besetzten Gebieten für die Deutschen arbeitenden Ausländer, die
hier aber unberücksichtigt bleiben.
29 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 430
30 Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz – Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und
Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939 - 1945, Stuttgart/München, 2001, S. 219. Spoerer
wies nachdrücklich darauf hin, dass die genannten Zahlen „keinesfalls alle als gesichert gelten dürfen“.
31 ebenda, S. 223. Spoerer räumt ein, dass dies die bisher auch von ihm als übertrieben hoch angesetzte
Schätzung des DDR-Wirtschaftshistorikers Jürgen Kuczynski bestätigt, auf die sich Eichholtz bezogen hatte.
Ausländern oder dienstverpflichteten Deutschen. Letztlich spricht er sich deshalb für
eine Beibehaltung der zeitgenössischen Kategorisierung der ausländischen
Zivilarbeiter, Kriegsgefangenen und Häftlingen aus.32 Dieser Versuch einer
Kategorisierung ist umstritten. Herbert sieht mit der Formel der „Zwangsarbeit“ keine
eindeutige Kategorie oder klar definierbare Gruppe bezeichnet.33
Letztendlich gab es auch ein Hierarchiegefälle unter den ausländischen
Zivilarbeitern.34 „Oben“, und damit rechtlich am besten gestellt, waren Arbeiter aus
verbündeten oder neutralen Staaten sowie aus den besetzten nördlichen, westlichen
und südöstlichen Regionen Europas, denen die gleichen Lebensmittelrationen wie
Deutschen zustanden. Geringere Löhne und Verpflegung erhielten Balten, Ukrainer
und Weißrussen, die vor allem aus dem Generalgouvernement und dem Bezirk
Białystok kamen; Polen waren unterhalb dieser Gruppe angesiedelt. Noch weniger
Lohn, ein „Taschengeld“,35 gab es für die fünfte Gruppe, die Ostarbeiter aus der
Sowjetunion. Juden und „Zigeuner“ zählten zu der untersten Gruppe, die teilweise der
Vernichtung ausgesetzt war. Generell bezieht sich diese Arbeit auf den Einsatz von
Ausländern. Nur in einem Fall, der Sprengchemie, ist überhaupt der Arbeitseinsatz
von polnischen Juden in Forst bekannt.
2.1.2 Phasen des „Fremdarbeitereinsatzes“
Nachdem die Nationalsozialisten zunächst aus arbeitsmarktpolitischen Gründen auf
ausländische Arbeitskräfte verzichteten, änderte sich dies nach 1936, als die
Umsetzung des kriegsvorbereitenden Vierjahresplanes zu Arbeitskräftemangel
führte.36 Versuche, mit einer Dienstpflicht ab Sommer 1938 den Einsatz von
Arbeitskräften zu steuern, brachten keine Abhilfe.37 Im September 1938 gab es kaum
noch nennenswerte Reserven an Arbeitskräften, obwohl der Kräftebedarf für die
Rüstungsindustrie, die Fertigstellung besonderer Bauvorhaben und verstärkte
Förderung der Ausfuhr nach wie vor außergewöhnlich hoch war. Das 1935
32 ebenda, S. 15ff
33 Herbert, Ulrich: Zwangsarbeit im Dritten Reich. Kenntnisstand, offene Fragen, Forschungsprobleme; in:
Reininghaus, Wilfried / Reimann, Norbert (Hg.): Zwangsarbeit in Deutschland 1939 – 1945: Archiv- und
Sammlungsgut, Topographie und Erschließungsstrategien, Bielefeld, 2001, S. 17
34 Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz – Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und
Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939 - 1945, Stuttgart/München, 2001, S. 92f
35 Heinze, Bruno: Die Beschäftigung gewerblicher ausländischer Arbeiter, in: Deutsches Arbeitsrecht, 10, S.
114f, „.... so dass nur noch ein Taschengeld von 0,30 RM pro Tag verbleibt.“ zitiert nach Spoerer, 2001, S. 158
36 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 48
37 ebenda, S. 52
eingeführte Pflichtjahr für Mädchen, das ab 1939 für alle Frauen unter 25 Jahren galt,
blieb ein Spagat zwischen Ideologie und Arbeitskräftesteuerung38 und wurde nicht
ausgeschöpft.39 Vor Kriegsbeginn arbeiteten wieder 435.000 Ausländer in
Deutschland,40 dennoch fehlte eine Million Arbeitskräfte. Dieser Mangel wurde durch
Einberufungen zur Wehrmacht und Dienstverpflichtungen verschärft.41 In der
Tschechoslowakei stand erstmals eine größere Gruppe Ausländer im deutschen
Machtbereich zur Verfügung, die im Juni 1939 tendenziell außerhalb der deutschen
Rechtsordnung gestellt wurde.42 Zwangscharakter bekam der Ausländereinsatz im
Juli 1939, als über eine allgemeine Arbeitspflicht 16- bis 25-jährige Tschechen bis zu
zwei Jahre für staatswichtige Aufgaben herangezogen werden konnten.43
Mit dem Krieg begann die zweite Phase des Ausländereinsatzes. Bis Februar
1940 mussten 294.393 polnische Kriegsgefangene für die Deutschen arbeiten, jeder
Zehnte wurde in der Landwirtschaft eingesetzt. Bis Jahresende 1939 wurden auch
40.000 polnische Zivilisten eingesetzt, bei denen für 1940 ein Anwerbungspotenzial
von einer Million Land- und Industriearbeiter gesehen wurde, die überwiegend in der
Landwirtschaft eingesetzt werden sollten.44 Erstmals war der Ausländer-Einsatz in
größerem Umfang vorgesehen, für den die ab März 1940 geltenden „Polenerlasse“ den
Auftakt eines „immer geschlossener werdenden, nach Nationalitäten
differenzierendem Sonderrecht für ausländische Arbeiter und die Grundlage eines
umfassenden Systems der Beaufsichtigung und Repression der polnischen Arbeiter“ 45
bildeten. Kennzeichnungspflicht, Lebens-Einschränkungen und
Sanktionierungsmöglichkeiten bei „Arbeitsunlust“ bildeten Kernpunkte des
Verordnungspakets, das bis hin zur Todesstrafe bei Geschlechtsverkehr eines Polen
mit einer Deutschen reichte. Spätestens ab April 1940 konnte nicht mehr von
Freiwilligkeit bei der Rekrutierung polnischer Arbeitskräfte die Rede sein, da im GG
die Arbeitspflicht in Deutschland für polnische Jahrgänge zwischen 1915 und 1925
38 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 55
39 Friedrich Syrup, Staatssekretär im Reichsarbeitsministerium, auf der 2. Sitzung des Reichsverteidigungsrates
am 23.6.1939, Dok. PS 3787, IMT, Bd. 33, S153, zitiert nach Herbert 1999, S. 56
40 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 64
41 ebenda, S. 67
42 ebenda, S. 73
43 Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz – Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und
Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939 - 1945, Stuttgart/München, 2001, S. 41f
44 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 79f
45 ebenda, S. 88
angeordnet wurde.46 Im Mai 1940 waren etwa 1,2 Millionen Kriegsgefangene und
ausländische Zivilarbeiter in Deutschland zur Arbeit eingesetzt.47
Die dritte Phase des Ausländereinsatzes begann am 10. Mai 1940 mit dem
Krieg gegen Frankreich, bei dessen Vorbereitung der intensive Einsatz von
Kriegsgefangenen auch in der Industrie einkalkuliert wurde; allein die
Rüstungsinspektionen hatten im Mai 1940 einen Bedarf von etwa einer halben Million
Arbeitskräften ausgemacht. Zwei Monate später waren 200.000 französische und
britische Kriegsgefangene in Deutschland zur Arbeit eingesetzt, vier Monate später
1,2 Millionen,48 für die zunächst zehn Arbeitsfelder außerhalb der Landwirtschaft
definiert wurden.49 Im Herbst 1940 waren mehr als zwei Millionen Ausländer im
Deutschen Reich beschäftigt, was etwa zehn Prozent aller Arbeitskräfte entsprach.50
Im Sommer 1941 waren fast drei Millionen ausländische Arbeitskräfte in
Deutschland,51 davon 743.257 zivile Arbeitskräfte (300.000 aus den besetzten
Westgebieten, 270.000 Italiener, 80.000 Slowaken und 35.000 Ungarn52).
Um den NS-Rassedoktrin überhaupt noch gerecht werden zu können,
unterschied ein im Januar 1941 veröffentlichter Erlass zwischen fünf Kategorien von
Ausländern mit eigenen Behandlungsvorschriften sowie drei Gruppen von Polen.
Regionale Verordnungen, wie beispielsweise die Polizeiverordnung im
Regierungsbezirk Frankfurt (Oder), und eine verschärfte Repression schränkten
insbesondere die Lebensbedingungen der Polen ein.53 Urlaubsansprüche wurden oft
ebenso verweigert wie der Besuch von Gottesdiensten in örtlichen Pfarrgemeinden.
Die Repression wurde bereits ab 1940 auch durch die Errichtung von
„Arbeitserziehungslagern“ (AEL) verschärft, die als Straflager für Arbeitsunwillige
46 Verordnung über die Meldepflicht der Jahrgänge 1915-25 am 15. Mai 1940, nach Herbert 1999, S. 99
47 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 101, mit Verweis auf Der Arbeitseinsatz im Deutschen Reich, Nr. 1 vom
4.4.1940
48 ebenda, S. 111
49 StadtA Forst, 314, Abschrift des Runderlasses zum „Einsatz von Kriegsgefangenen in Arbeitsstellen des
Reicharbeitsministers“, 10.7.1940 /V a 5135/343)
50 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 112
51 ebenda, S. 150
52 ebenda, S. 114, mit Verweis auf Bericht des OKW WiRüAmt vom 9.10.1941/Homze
53 ebenda, S. 123ff
proklamiert wurden.54 Der Strafmöglichkeit folgte eine Welle von Beschuldigungen,55
bei denen nicht die Gerichte, sondern die Gestapo die Entscheidungsgewalt hatte.56
Widersprüchlich blieb die nächste Phase: Zunächst war der Einsatz von Russen
in Deutschland nicht geplant.57 Erst im Juli 1942 gab es erste Überlegungen zum
geschlossenen Kolonneneinsatz von Kriegsgefangenen, weil 400.000 Arbeitskräfte
fehlten.58 Zunächst wurde im August festgelegt, dass nicht mehr als rund 120.000
sowjetische Kriegsgefangene nach Deutschland gebracht werden sollten.59 Die
Pragmatiker im NS-Machtapparat setzten sich aber durch, als mit einem raschen Sieg
nicht mehr zu rechnen und der Bedarf der Kriegswirtschaft auf 800.000 Arbeitskräfte
gestiegen war: Am 15. Oktober wurde der bedingte, zwei Wochen später der
umfassende Russen-Einsatz in Deutschland befohlen,60 wodurch Westarbeiter auf
qualifiziertere Stellen versetzt werden sollten. Die ideologischen Vorbehalte fanden
sich in Bestimmungen für die sowjetischen Kriegsgefangenen wieder, die „maximale
Ausbeutung, denkbar schlechte Behandlung und Ernährung, Todesstrafe auch bei
geringen Vergehen“ vorsahen.61 Wegen der schlechten Ernährung der sowjetischen
Kriegsgefangenen war deren Arbeitseinsatz im Winter 1941 kaum möglich.62 Fast
jeder Dritte der im November 1941 gemeldeten 1,58 Millionen Kriegsgefangenen
starb kurz darauf.63 Angesichts des Arbeitskräftemangels wurde mit den
Ostarbeitererlassen im Februar 1942 die Voraussetzung für den Einsatz von
Zivilarbeitern aus dem Gebiet der Sowjetunion geschaffen, die den geschätzten Bedarf
von 620.000 Personen decken sollten.64 Durch ein „Kombinationssystem aus
Versprechungen, sozialem Druck und brutalem Terror“ wurden allein 1942 etwa 1,5
Millionen Menschen nach Deutschland gebracht, deren Gesundheitszustand sich bis
zum Sommer 1942 bedrohlich entwickelte.65 Zwar sollten im April 1942 neben der
Auflösung des Kolonnenzwangs auch die Stacheldrahtumzäunungen wegfallen und
die Verpflegung verbessert werden66, doch die ohnehin unzureichenden
54 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 138f
55 ebenda, S. 138
56 ebenda, S. 141
57 ebenda, S. 156
58 ebenda, S. 159
59 ebenda, S. 160, mit Verweis auf Befehl OKW/Kgf. Vom 2.8.1941, BArch-MA, RW 19. WI/IF 5/1189 u.a.
60 ebenda, S. 161
61 ebenda, S. 166
62 ebenda, S. 171
63 ebenda, S. 173
64 ebenda, S. 182f
65 ebenda, S.186ff
66 ebenda, S. 194
Verpflegungssätze wurden nach der Kürzung der Lebensmittelrationen für Deutsche
im April 1942 weiter reduziert.67 Lockerungen bei den Restriktionen und der
Versorgung standen Verschärfungen bei den Strafen gegenüber.68
Zwangsmaßnahmen zur Rekrutierung von Arbeitskräften wurden im August
1942 auch für Frankreich, Belgien und die Niederlande angeordnet.69 In Polen kam es
im Verlauf des Jahres 1942 zu regelrechten Verschleppungsaktionen, die teilweise den
jahrgangsweisen Einzug auch von 13- bis 15-Jährigen umfassten.70
Obwohl im Februar 1943 insgesamt 5.743.000 ausländische Arbeitskräfte in
Deutschland waren,71 reichte dies nicht aus: Der Ersatz für die zunehmenden Verluste
an der Front riss Lücken, die auch die Einführung der allgemeinen Dienstpflicht für
Deutsche Anfang 1943 nicht füllen konnte. Die deutsche Kriegswirtschaft war
zunehmend auf arbeitswillige ausländische Arbeitskräfte angewiesen. In dieser
Situation schlossen die verschiedenen politischen Lager innerhalb des NS-Apparates
im April 1943 einen Kompromiss, mit dem eine allgemeine Gleichbehandlung der im
Reich tätigen Ausländer erreicht werden sollte, um auch die „Ostvölker“ als
Verbündete im „antibolschewistischen Kampf“72 zu gewinnen. Gefängnismäßige
Absperrung und Stacheldraht wurden wie die Prügelstrafe verboten; unter anderem
sollten gesundheitliche Betreuung und Verpflegung verbessert werden.73 Das von allen
beteiligten Reichsbehörden getragene Merkblatt bildete zwar bis Ende 1944 die
Grundlage der Ausländerpolitik,74 ab Mitte 1943 waren Polen und Ostarbeiter
trotzdem ohne rechtsstaatlichen Schutz der Willkür der Gestapo ausgesetzt.75
Gleichzeitig wurden die Anwerbemethoden brutaler und flächendeckender und
erfassten teilweise auch Zehn- bis 14-Jährige.76 Die Ausländerpolitik orientierte sich
an der jeweiligen Kriegslage und schob „die Option auf radikale Lösungen im Sinne
67 ebenda, S. 189
68 ebenda, S. 220
69 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 213
70 ebenda, S. 216
71 ebenda, S. 209, mit Verweis auf Bericht des GBA über den Arbeitseinsatz im Jahre 1942, Dok. 1739 PS, IMT
Bd. 27. S. 578 ff. Herbert unterstellt Sauckel, geschönte Zahlen über den Ausländereinsatz vorgelegt zu haben
und benennt Probleme der Ausländerstatistik.
72 Tatsächlich versuchte die NS-Propaganda bereits 1941 Polen für den Arbeitseinsatz zu gewinnen, indem
Plakate vor einer „bolschewistischen Gefahr“ für Europa warnten. Vgl. Hermes Handlexikon: Synchronopse des
Zweiten Weltkrieges, Düsseldorf, 1983, S. 104
73 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 282f
74 ebenda, S. 282
75 ebenda, S. 284ff
76 ebenda, S. 298f
der Rassedoktrin“ lediglich auf. 77 Im August 1944 wurden die Verpflegungssätze für
Polen und Ostarbeiter angeglichen. Die letzten Einschränkungen und
Sondervorschriften für Ostarbeiter fielen im Dezember 1944 weg. Ähnliche
Verbesserungen waren für die Polen im Gespräch, wurden nach Beginn der
sowjetischen Offensive im Januar 1945 aber nicht weiter verfolgt.78 Die Polen- und
Ostarbeitererlasse bestanden aber in allen Kernbereichen weiter. „Die juristischen und
politischen Bedingungen des Ausländereinsatzes im weiteren Sinne erfuhren hingegen
nur unwesentliche Änderung“, so Herbert.79
2.2
Regionale und Lokale Forschungen zum Thema
2.2.1 Regionale und lokale Betrachtungen
Auf dem Gebiet der damaligen DDR gilt die erste prägende Arbeit das 1964
erschienene Buch von Eva Seeber.80 Allerdings sind bis zum politischen Umbruch
1989 so gut wie keine rein lokalen Annäherungen an das Thema bekannt, bis auf die
Arbeit einer Schülerarbeitsgemeinschaft in Lieberose, die sich mit dem ehemaligen
KZ-Außenlager Jamlitz befasste.81 Lokalspezifische Betrachtungen beschränkten sich
auf Fallbeispiele, die darauf ausgerichtet waren, die Verantwortung für Zwangsarbeit
der Wirtschaft zu übertragen, oder befassten sich mit den KZ-Stamm- und
Außenlagern. Ausnahmen sind für Thüringen sowie Wolfen bekannt.82
Bereits vor Veröffentlichung von Herberts Standardwerk behandelten lokale
Initiativen in Westdeutschland die Geschichte der Zwangsarbeit. Unter der Thematik
„Alltag im Nationalsozialismus – Die Kriegsjahre in Deutschland“ befasste sich jede
zweite der 1168 beim Schülerwettbewerb des Bundespräsidenten eingereichten
77 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 287
78 ebenda, S. 311f
79 ebenda, S. 312
80 Seeber, Eva: Zwangsarbeiter in der faschistischen Kriegswirtschaft. Die Deportation und Ausbeutung
polnischer Bürger unter besonderer Berücksichtigung der Lage der Arbeiter aus dem sogenannten
Generalgouvernement, Berlin, 1964
81 Demps, Laurenz: Das Thema Zwangs- und Fremdarbeit in der DDR-Historiographie – Eine Skizze, in:
Scholze-Irrlitz, Leonore und Noack, Karoline (Hg.): Arbeit für den Feind – Zwangsarbeiter-Alltag in Berlin und
Brandenburg (1939 – 1945), Berlin, 1998, S. 144. Das „Arbeitslager Lieberose“ war ein Nebenlager des KZ
Sachsenhausen, siehe: Weigelt, Andreas: Jüdischer Häftlingseinsatz für das SS-Führungshauptamt, Der SS-
Truppenübungsplatz „Kurmark“ und das KZ-Nebenlager „Arbeitslager Lieberose“ in Jamlitz 1944-1945; in:
Meyer, Winfried / Neitmann, Klaus (Hg.): Zwangsarbeit während der NS-Zeit in Berlin und Brandenburg,
Formen, Funktion und Rezeption, Potsdam, 2001, S. 179
82 Demps, Laurenz: Das Thema Zwangs- und Fremdarbeit in der DDR-Historiographie – Eine Skizze, in:
Scholze-Irrlitz, Leonore und Noack, Karoline (Hg.): Arbeit für den Feind – Zwangsarbeiter-Alltag in Berlin und
Brandenburg (1939 – 1945), Berlin, 1998, S. 142
Arbeiten mit dem Thema Zwangs- oder Fremdarbeit.83 Der Wettbewerb beschränkte
sich 1982/1983 auf die Bundesrepublik.
Im Zuge der Entschädigungsdebatte Ende der 1990er-Jahre wurde das Thema
vielerorts wieder intensiver betrachtet. Kommunale Archive waren angesichts der
Anfragenflut überfordert, teilweise wurden dafür Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen
gebildet. Dazu kamen Recherchen und Veröffentlichungen lokaler Initiativen,
Studenten oder Heimatforschern.
2.2.2 Regionale und Lokale Forschungen in Brandenburg und der Lausitz
Eine fundierte Einführung zum Ausländereinsatz in Brandenburg legte 1993
Dietrich Eichholtz vor, die in weiten Teilen seinem Standardwerk zur Geschichte der
deutschen Kriegswirtschaft entnommen war. Schwerpunkte lagen zumeist im Berliner
Umland (z.B. BMW-Motorenherstellung in Genshagen) und griffen auf Dokumente
der Rüstungskommandos und -inspektionen zurück. Abgesehen von einigen aus dem
Berliner Raum verlagerten Rüstungsfabriken findet Forst keinen Niederschlag, auch
nicht, wenn es um den Einsatz von Militär-Internierten in der Niederlausitz geht.84
In der unveröffentlichten Diplomarbeit „Der Ostarbeitereinsatz in der Provinz
Brandenburg von 1939 bis 1945“ beleuchtete Susanne Beermann85 1994 insbesondere
den Einsatz von polnischen Zivil- sowie Ostarbeitern. Da die fast ausschließlich dem
BLHA entnommenen Archivalien teilweise auf regionale Schriftwechsel zurückgehen,
ist eine Übertragung der Aussagen auf den Bereich Forst nicht ohne weiteres möglich.
In ihrer Arbeit verweist Beermann auf das Bergbaugebiet in der Lausitz als
„Sonderfall des Arbeitseinsatzes“. Die Besonderheit macht sie unter anderem daran
fest, dass im Bergbau neben der Landwirtschaft bereits im September 1939 polnische
83 Kenkmann, Alfons: Ein Phänomen in der bundesdeutschen Geschichtslandschaft – Der Schülerwettbewerb
Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten, S. 12
84 Eichholtz, Dietrich: Rüstungswirtschaft und Arbeiterleben am Vorabend der Katastrophe; in: Eichholtz,
Dietrich (Hg.) und Püschel, Almuth: Verfolgung, Alltag, Widerstand - Brandenburg in der NS-Zeit, Berlin,
1993, auf S. 85 zitiert Eichholtz eine Liste von Unternehmen („Luftwaffenfirmen“), denen das
Rüstungskommando Frankfurt/Oder Anfang Oktober Italienische Militärinternierte zugewiesen hatte. Der
Schwerpunkt lag dabei in der Niederlausitz: „ Focke-Wulf, Sorau – 600; Focke-Wulf, Cottbus – 120; Lorenz,
Guben – 200; Eltron, Sommerfeld – 100; Pelzer, Gassen, 100; Focke-Wulf, Gassen – 150; Rheinmetall-Borsig,
Guben – 515; verschied. Spremberger Firmen – 200; verschied. Gubener Firmen – 250; Hirth AG, Neudamm –
35; I.G. Farben, Landsberg/Warthe – 750; Rekord-Gummifabrik, Schwiebus – 150; Nettelbeck, Räschen – 80;
Schlegel, Golssen – 100; Fliegerhorst Königsberg/Neumark – 100“. In einem 30-Kilometer-Radius um Forst
(Sorau, Cottbus, Guben, Sommerfeld, Gassen, Spremberg) waren also über 2200 Italienische Militärinternierte
verteilt worden.
85 Beermann, Susanne: Der Ostarbeitereinsatz in der Provinz Brandenburg von 1939 bis 1945, Schriftliche
Hausarbeit zur Diplomprüfung (unveröffentlicht), Berlin, 1994
Kriegsgefangene86 und seit Ende Februar 1940 polnische Arbeiter87 eingesetzt wurden.
Eine weitere Besonderheit habe in der wesentlich besseren Verpflegung gelegen, mit
der ein Verschleiß qualifizierter Arbeiter verhindert werden sollte.88 Eine Trennung
zwischen deutschen und ausländischen Arbeitskräften wurde vom Oberbergamt im
Revier Cottbus erst drei Jahre nach Beginn des Ausländereinsatzes eingefordert.89
Allerdings verschlechterten sich die Einsatzbedingungen seit Herbst 1944 radikal.90
Zwar lagen auch im Bereich des Forst umgebenden Kreises Sorau mehrere
Braunkohle-Abbaugebiete, die sich allerdings außerhalb des definierten
Betrachtungsbereiches befinden und damit nicht hier berücksichtigt werden.
Eine detaillierte Auflistung über Ausländerlager in der Provinz Brandenburg
wurde für den ehemaligen Regierungsbezirk Potsdam 1996 vorgelegt. Die Potsdamer
Bestände des BLHA sind allerdings wesentlich umfangreicher als die des ehemaligen
Regierungsbezirks Frankfurt (Oder), zu dem der Stadtkreis Forst gehörte. Die
Publikation verzichtet fast gänzlich auf eine Betrachtung des Regierungsbezirkes
Frankfurt fast gänzlich außen vor.91
Ein Bild vom Alltagsleben der Fremd- und Zwangsarbeiter in Berlin und
Brandenburg sollte eine Publikation aus dem Jahr 1996 geben.92 Ausgehend vom
Durchgangslager Berlin-Wilhelmshagen93 wurden Akten und Zeitzeugenerinnerungen
genutzt. Der Fokus liegt auf Berlin und dem brandenburgischen Umfeld der Stadt.
Facetten von Zwangsarbeit in Berlin und Brandenburg sowie ideologische,
politische und wirtschaftliche Aspekte wurden im Auftrag des BLHA und der
Historischen Kommission zu Berlin 2001 beleuchtet.94 Dabei lag der Fokus neben
Berlin auf dem Ausländereinsatz in der brandenburgischen Landwirtschaft,
Sanktionsformen sowie dem Einsatz von Juden in der Industrie und der Zwangsarbeit
86 ebenda, S. 52
87 ebenda, S. 53
88 Beermann, Susanne: Der Ostarbeitereinsatz in der Provinz Brandenburg von 1939 bis 1945, Schriftliche
Hausarbeit zur Diplomprüfung (unveröffentlicht), Berlin, 1994, S. 54
89 ebenda, S. 55
90 ebenda, S. 57
91 Bräutigam, Helmut: Fremdarbeiter in Brandenburg in der NS-Zeit – Dokumentation zum Ausländereinsatz im
früheren Regierungsbezirk Potsdam 1939 – 1945, herausgegeben von: Regionale Arbeitsstellen für
Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule (RAA) Brandenburg e.V., Potsdam, 1996
92 Scholze-Irrlitz, Leonore und Noack, Karoline (Hg.): Arbeit für den Feind – Zwangsarbeiter-Alltag in Berlin
und Brandenburg (1939 – 1945), Berlin, 1998
93 Ob das Lager Wilhelmshagen auch für Ausländer genutzt wurde, die nach Forst kamen, ist nicht belegt. Aus
den Angaben eines Niederländers geht hervor, dass er über das Durchgangslager Potsdam-Rehbrücke nach Forst
kam, wo er die „Wahl“ zwischen den Rüstungsbetrieben der DAG in Christianstadt (Kreis Sorau) und der DSC
in Forst hatte.
94 Meyer, Winfried/Neitmann, Klaus (Hg.): Zwangsarbeit während der NS-Zeit in Berlin und
Brandenburg - Formen, Funktion und Rezeption, Potsdam, 2001
von KZ-Häftlingen. Die südbrandenburgische Region wurde lediglich mit
Fallbeispielen der KZ-Außenlager Schwarzheide sowie Lieberose behandelt. Lediglich
in einem Beitrag findet sich eine der seltenen Erwähnungen der Deutschen
Sprengchemie Forst in der historischen Fachliteratur.95
Eine detaillierte Übersicht zu Lagern in den heutigen Landkreisen Elbe-Elster
und Oberspreewald-Lausitz legte 2001 eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme unter
Leitung von Detlef Ernst vor. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit wurde Material über
Zwangsarbeiter-, Kriegsgefangenen- sowie KZ-Außenlager zusammengetragen, das
auch auf die „wirtschaftlichen und menschlichen Zusammenhänge“ eingeht.96 Dabei
wird allerdings der heutige südostbrandenburgische Bereich (der Landkreis Spree-
Neiße mit der Kreisstadt Forst sowie die kreisfreie Stadt Cottbus) nicht betrachtet.
Ein Beitrag zu Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern in Cottbus erschien
1997. Darin wurden die Lager und deren Standorte benannt und auf die
Lebensbedingungen der Ausländer eingegangen.97
2.2.3 Quellen zum Ausländereinsatz in Forst (Lausitz)
Wissenschaftliche Publikationen zum Ausländereinsatz in Forst gab es bisher
nicht. In der Öffentlichkeit wurden der Ausländereinsatz und seine Umstände kaum
diskutiert, wenn man von gelegentlichen Zeitzeugenberichten in der lokalen Presse98
sowie Randhinweisen in heimatkundlicher Literatur absieht,99 wo der Einsatz von
Ausländern beim Ausbau der Verteidigungsanlagen in Forst und der Evakuierung des
Siechenheimes sowie bei der Sprengchemie Forst erwähnt wurde.100 In einschlägigen
Nachschlagewerken gibt es keine oder nur ungenaue Hinweise auf einen
Ausländereinsatz in Forst.101
95 Schmidt, Frank: Der Ausländereinsatz in der brandenburgischen Landwirtschaft – Reglementierung der
Arbeitsverhältnisse, in: Meyer, Winfried/Neitmann, Klaus (Hg.): Zwangsarbeit während der NS-Zeit in Berlin
und Brandenburg – Formen, Funktion und Rezeption, Potsdam, 2001, Seite 69 – 80, S. 79
96 ABM-Arbeitsgruppe unter Anleitung Detlef Ernst: NS-Lager in Finsterwalde und Orte in der Region
Südbrandenburg 1939 –1945, Massen, 2001
97 Rückert, Jutta und Otto: Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Cottbus (1939 – 1945), in: Niederlausitzer
Studien, Heft 28, Cottbus, 1997, S. 120 - 135
98 Einzelbeispiele im Forster Wochenblatt, in der Nachbarstadt Guben wurden Erkenntnisse aus der
Zwangsarbeiterforschung vornehmlich in der Lokalausgabe der Lausitzer Rundschau veröffentlicht.
99 Schulz 1996/1999 und Schulz 1998 sowie Rochlitz und Natusch
100 Ihlo, Richard / Scholz Wilfried: Als die Uhren stehenblieben – Das Ende des Krieges in der Textilstadt Forst
1945, Forst 1996, S. 18
101 Herbert, Ulrich / Orth, Karin / Dieckmann, Christoph (Hg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager,
Band I und II (Lizenzdruck des Fischer Taschenbuch-Verlags), Frankfurt, 2002
Weinmann, Martin: Das nationalsozialistische Lagersystem, 4. Auflage, Frankfurt, 2001
Internationaler Suchdienst Arolsen: Verzeichnis der Haftstätten unter dem Reichsführer-SS, Arolsen, 1979
Polnische Publikationen betreffen vor allem das Werk der Deutschen
Sprengchemie. Die genannten Zwangsarbeiter- und Opferzahlen wurden aber auch auf
mehrfache Anfrage des Autoren nicht mit Quellenangaben belegt, so dass sie als nicht
verifizierbar behandelt werden müssen.102 Hinweise auf Sommerfeld im Kreis Sorau,
nur wenige Kilometer von Forst entfernt, lassen allein dort auf sieben Arbeitslager mit
1500 Häftlingen schließen, wo es auch „einen offenen Aufruhr“ gegeben haben soll.103
Sommerfeld gehörte neben Sagan, Kunzendorf, Sorau, Laubnitz, Gassen, Klein-
Drehne, Oberklinge, Groß Särchen, Simmersdorf, Neuhausen, Madlow, Cottbus,
Eichow, Friedrichshain, Niesky und einigen anderen sächsischen Orten zu
Ausweichstandorten der aus Bremen verlagerten Focke-Wulf-Produktion.104 Auffällig
ist, dass diese Orte sich in einem 30-Kilometer-Umkreis um Forst befinden, Forst
selbst aber nicht in dieses Netz einbezogen war. Einer weitergehenden Beschäftigung
mit polnischer Sekundärliteratur standen leider sprachliche Grenzen im Weg.
Erschwert wurde die Recherche durch lückenhafte Archivbestände. Durch
Auslagerungen und Aufteilungen sowie teilweise Wiederzusammenführungen von
Beständen sind viele Primärquellen verschollen oder nicht auffindbar. Die relevanten
Bestände des Stadtarchivs Forst, des Kreisarchivs Zary (ehemals Sorau), des
Kreisarchivs Spree-Neiße sowie des BLHA sind nach derzeitigem Kenntnisstand in
dieser Arbeit berücksichtigt. Für die Bundesarchive gilt dies nur eingeschränkt. Der
vergleichsweise hohe Aktenverlust auf lokaler und regionaler Ebene ist offenbar auch
durch die wochenlange Frontlage der Neißeregion zurückzuführen.105 Das scheint ein
Vergleich der Bestände des ehemaligen Regierungsbezirkes Potsdam im BLHA mit
denen des ehemaligen Regierungsbezirkes Frankfurt (Oder) zu bestätigen. Ein
Lagerverzeichnis, wie es für den Potsdamer Regierungsbezirk vorhanden ist, existiert
für den Frankfurter Regierungsbezirk nicht. Auf Statistiken und Vermittlungsakten
des Arbeitsamtes Forst konnte nicht zurückgegriffen werden, was kaum überrascht.106
102 Majchrzak, Jerzy Piotr: Miasto ze Złotym lwem w herbie, Zary, 1998
103 Mochocki, Władisław: Lubsko we Wspomnieniach / Lubsko in Erinnerungen, Lubsko, 2003, S. 74
104 BArch Berlin-Lichterfelde, R4603, Pläne von Fertigungs- und Verlagerungsstätten, Stand 3.2.1945
105 Das Forster Wochenblatt verkaufte die im Mai 1945 in Schleswig-Holstein geschriebenen Erinnerungen des
Forster Oberbürgermeisters Friedrich als Kopiensammlung. Demnach packte Friedrich am 16. April 1945, als
die sowjetische Offensive bei Forst begann, „einen Karton mit den wichtigsten Akten und Büroutensilien, alle
Geheimsachen werden sorgfältig entfernt und später von Golz in der Küche verbrannt.“ Auch die Geheimakten
der NSDAP-Kreisleitung seien zerrissen worden.
106 Herbert, Ulrich: Zwangsarbeit im Dritten Reich. Kenntnisstand, offene Fragen, Forschungsprobleme; in:
Reininghaus, Wilfried / Reimann, Norbert (Hg.): Zwangsarbeit in Deutschland 1939 – 1945: Archiv- und
Sammlungsgut, Topographie und Erschließungsstrategien, Bielefeld, 2001, S. 21. Herbert stellt fest, dass trotz
intensiver Bemühungen keine einzige Überlieferung eines deutschen Arbeitsamtes gefunden wurde.
Auch Unterlagen der Allgemeinen Ortskrankenkasse, wie sie bei vergleichbaren
Recherchen in Nordrhein-Westfalen genutzt wurden, gibt es in Forst nicht.107
Als hilfreich zur Lokalisierung von Ausländern, die nicht in größeren Lagern
untergebracht waren, sowie zur Identifizierung von Firmen, die Ausländer einsetzten,
hat sich die Forster „Zielenzig-Liste“ erwiesen. Auf ihr wurden vereinzelt auch
Ausländer geführt, die im Rahmen der Notdienstbeordnung für den Bau von
Verteidigungsanlagen im äußersten Osten der Provinz Brandenburg eingesetzt werden
sollten. Grundsätzlich waren „alle Männer heranzuziehen einschließlich Ausländern
und Kriegsgefangenen“; Ausnahmen galten für Mitarbeiter der Rüstungsindustrie und
in Schlüsselaufgaben.108 Ähnlich aufschlussreich war ein Bestand mit Rechnungen der
Stadtverwaltung Forst an Betriebe, deren Ostarbeiter in einem städtischen Lager
untergebracht waren.109 Weitere Aufschlüsse zur Lokalisierung einiger Lager brachten
Daten aus Bestattungsbüchern und des Sterberegisters.
Inwiefern das Forschungsthema betreffende Akten in das Sonderarchiv
Moskau oder in den Besitz polnischer Archive und Behörden gelangt sind, ließ sich
nicht abschließend klären. Während einem polnischen Archivar im Beisein des
Autoren beispielsweise von der Gemeinde Brody die Existenz von Material über das
Sprengchemie-Werk Forst bestätigt wurde, wurden anschließende Anfragen des
Autoren nicht oder negativ beantwortet. Zumindest drängt sich der Verdacht auf, dass
auch in deutschen Archiven teilweise Akten, die das ehemalige Werk „Wald“ der
Deutschen Sprengchemie bei Forst betreffen, systematisch dezimiert 110 oder von
deutscher Seite gezielt vernichtet wurden.
107 Reininghaus, Wilfried: Archiv- und Sammlungsgut zur Geschichte der Zwangsarbeit in Deutschland
1939 -1945. Eine Anmerkung an den Gesamtbestand der Quellen; in: Reininghaus, Wilfried / Reimann,
Norbert (Hg.): Zwangsarbeit in Deutschland 1939 – 1945: Archiv- und Sammlungsgut, Topographie
und Erschließungsstrategien, Bielefeld, 2001, S. 38 – 49. Auf telefonische Nachfrage bei der AOK wurde
erklärt, dass die Akten nicht mehr vorhanden seien.
108 StadtA Forst, 3037 (A1984), künftig nur 3037 genannt
109 StadtA Forst, 2707
110 BArch-Berlin-Lichterfelde R154, 10697, Die Archivalien aus der Landesanstalt für Wasser-, Boden- und
Lufthygiene betreffen den Antrag auf Wasserentnahme und Abwassereinleitung der Verwertgesellschaft am
Werk „Wald“ (Forst) der DSC aus dem Jahr 1940. Im gleichen Karton finden sich Akten zu einem ähnlichen
Verfahren für das Werk „Tanne“/Torgelow. Für „Tanne“ sind die als Anlage beigefügten Pläne vorhanden, für
„Wald“ fehlen sie fast komplett. So ist beispielsweise ein Anhang, auf dem die Gebäude des Barackenlagers
Scheuno-Ost gekennzeichnet waren, nicht mehr vorhanden. Die russische Übersetzung des Akteninhaltes legt
nahe, dass die Akte zum Werk Forst von Vertretern der Besatzungsmacht durchgesehen wurde.
3. Der Ausländereinsatz in Forst (Lausitz) 1939 –1345
3.1 Zahlenangaben
Eine direkt verwendbare Statistik über den Ausländereinsatz in Forst gibt es nicht.
Insofern muss auf vorhandenes Datenmaterial zurückgegriffen werden, das aus
unterschiedlichen Motiven und teilweise mit nicht deskriptablen Methoden
zusammengestellt wurde. Ein zentrales Problem ist dabei die Dynamik in der
Kategorisierung der Ausländer in Gruppen.111 Zur Verfügung stehen folgende Daten:
-
Die Stadtverwaltung Forst stellte 1940 insgesamt 1525 Kennkarten aus, 1941
waren es etwa 2400 und bis zum November 1942 waren es 4036.112 Da aus der
Statistik nicht hervorgeht, wie viele der Kennkarten „grün“ (für Polen), „blau“
(für Ungarn) oder „rot“ (für andere Ausländer) waren, bleiben die Zahlen ohne
Aussagekraft.
-
Am 1.11.1941 wohnten nach Angaben des Ausländeramtes im Stadtbezirk
Forst 263 Ausländer; am 31.10.1942, waren es 337, per 1.11.1942 nur noch
183. Zwar wurden in dieser differenzierten Auflistung auch Polen erwähnt
(1941: 106; 1942: 120, 1942: 33), aber polnische Zivilarbeiter noch einmal
gesondert ausgewiesen (1.11.1941: 604 polnische Zivilarbeiter, am 1.11.1942
noch 385). Tatsächlich kamen in diesem Zeitraum aber 793 polnische
Zivilarbeiter nach Forst. Der Zugang von November 1941 bis November 1942
betrug 189 Personen; im gleichen Jahr verließen 408 polnische Zivilarbeiter die
Stadt mit unbekanntem Ziel. Es ist also eine relativ starke Fluktuation
bemerkbar.
-
Ab November 1941 kamen 1363 russische Zivilarbeiter in die Stadt Forst, von
denen am 1.11.1942 nur noch 779 im „Bestand“ geführt wurden. Als
„Gesamtbestand an Ausländern im Stadtbezirk“ wurden per 1.1.1942
insgesamt „1347 Ausländer“ geführt („183 Ausländer, 385 polnische
Zivilarbeiter, 779 russische Zivilarbeiter“).113
111 Maßgeblich war zunächst das Volkstumsprinzip, erst danach griff das Territorialprinzip. Spoerer, Mark:
Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz – Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen
Reich und im besetzten Europa 1939- 1945, Stuttgart/München, 2001, S. 94
112 StadtA Forst, 3231 (A2101), Bl. 49
113 StadtA Forst, 3231 (A2101), Bl. 50 und RS
-
Zwischen 1.11.1941 und 31.10.1942 erwarben 92 Personen die deutsche
Staatsangehörigkeit. Für polnische Zivilarbeiter wurden im gleichen Zeitraum
253 Urlaubsscheine ausgestellt.114
-
Nach einer Statistik des Wirtschaftsamtes Forst vom 3. Dezember 1942 wurden
im Jahr 1942 insgesamt 621 Spinnstoffkarten für Polen ausgegeben (564
Männer, 33 Frauen, 8 Knaben, 10 Mädchen, 6 Kleinkinder). Außerdem wurden
420 Ostarbeiter eingekleidet, an die im Laufe des Jahres 543 Kleidungsstücke
ausgegeben wurden (98 Anzüge, 26 Hosen, 167 Frauenkleider, 96
Frauenwäsche, 156 Männer-Unterhosen und -Unterhemden).115
-
In der 43. Zuteilungsperiode des Jahres 1942 wurden 1000 Wochenkarten für
ausländische Zivilarbeiter ausgegeben (abgerundet auf volle 100
beziehungsweise 1000).116 Daneben wurde auf sechs Arbeitskommandos für
Gemeinschaftsverpflegte in Forst hingewiesen,117 aus der nicht hervorgeht,
wie viele Ausländer dort versorgt wurden. Diesen Arbeitskommandos und dem
Gemeinschaftslager der „Sprengchemie Scheuno“ wurde eine ungenannte Zahl
von Seifenbezugsscheinen ausgestellt.118
-
Mitte November 1944 wurden an 157 Ausländer Versorgungsscheine
ausgegeben. Darunter waren 20 Kinder bis drei Jahre, 20 von drei bis sechs
Jahre, 17 von sechs bis zehn Jahre und 26 von zehn bis 18 Jahre.119 Einen
Monat später waren es 79 Ausländer, von denen jeweils 16 Kinder unter drei
beziehungsweise drei bis sechs Jahre alt waren. Elf der Versorgten waren
ausländische Kinder bis zehn Jahre, weitere 21 waren zehn bis 18 Jahre alt. Die
Statistik mit der Alterseinteilung wurde erst am 31. Mai 1943 begonnen und
endet im Dezember 1944. Bemerkenswert ist dabei der Anstieg der drei- bis
sechsjährigen Kindern von zehn im August 1944 auf 55 im September 1944.
Einen Monat später wurden in dieser Alterskategorie nur 15 Scheine für Drei-
bis Sechsjährige ausgeteilt.
-
Eine Übersicht über Flüchtlinge in Forst (Stichtage; 1.12.1945 und 1.1.1945)
war unterteilt in Personen aus den Ost- und aus den Westgebieten und wies
neben Reichs- und Volksdeutschen auch Ausländer aus.
114 StadtA Forst, 3231 (A2101), Bl. 50 RS
115 StadtA Forst, 3231 (A2101), unnummeriertes Blatt zwischen Blatt 36 und 37
116 StadtA Forst, 3231 (A2101), Bl. 40
117 StadtA Forst, 3231 (A2101), Bl. 44
118 StadtA Forst, 3231 (A2101), Bl. 45
119 StadtA Forst A2116, alle weiteren Angaben stammen aus der „Statistik über die vergebenen
Versorgungsscheine“, die am 10.12.1944 endet.
1.12.1944
1.1.1945
Ostgebiete
Ostgebiete
420 Reichsdeutsche
472 Reichsdeutsche
96 Volksdeutsche
105 Volksdeutsche
Ausländer
21 Polen
84 Polen
31 Esten
31 Esten
2 Finnen
2 Finnen
19 Weißrussen
19 Weißrussen
54 Ukrainer
61 Ukrainer
39 Letten
54 Letten
5 Litauer
8 Litauer
2 Dänen
2 Dänen
0 Ungarn
2 Ungarn.
Westgebiete
Westgebiete
226 Reichsdeutsche
419 Reichsdeutsche
10 Volksdeutsche
25 Volksdeutsche
2 Holländer
2 Holländer
19 Italiener
19 Italiener
______________________________________________
946 Flüchtlinge
1305 Flüchtlinge
Mitte November 1944 waren es 538 Flüchtlinge (ohne
Aufschlüsselung).120
In der Region wurden im Jahr 1944 insgesamt 4434 Flüchtlinge
aufgenommen. Der Zustrom hielt im Januar 1945 weiter an, so dass selbst in
den engen Arbeiterwohnungen Flüchtlinge aufgenommen werden mussten.121
In Cottbus, Guben und Forst wurden Aufnahmelager für die Flüchtlinge
eingerichtet.122
120 StadtA Forst, 3032 (A1979), Gesundheitsamt, Bl. 3, 5 und 7
121 Hübner, Peter: „Durchhalten“ und „Durchkommen“ – Niederlausitzer Industriearbeiter im Jahre 1945; in:
Stang, Werner (Hg.) und Arlt, Kurt: Brandenburg im Jahr 1945, Potsdam, 1995, S. 140
122 ebenda, S. 151
-
Für den Bereich des Arbeitsamtes Forst (Stadtkreis Forst und Kreis Sorau)
weist der „Arbeitseinsatz im (Groß)Deutschen Reich“ folgende
Ausländerangaben (insgesamt) aus:
30. September 1942:
5870
31. März 1943:
10274 davon Ostarbeiter:
3419123
30. Juni 1943:
12473 davon Ostarbeiter:
4175
31. Dezember 1943:
13271 davon Ostarbeiter:
3946
31. März 1944:
13028 davon Ostarbeiter:
4056
30. Juni 1944:
14556 davon Ostarbeiter:
4689
30. September 1944:
14538 davon Ostarbeiter:
4356
-
Weil es im Juli 1944 „u.a. 20 g Trockenhefe“ für Italienische Militärinternierte,
sowjetische Kriegsgefangene und Ostarbeiter in Lagern geben sollte, denen
ansonsten aber keine „Schon-(Diät)kost und Zusatzverpflegung“ zustand,124
steht eine der wenigen Statistiken für den Stadtkreis Forst zur Verfügung, die
genauere Zahlen über Lager für Italienische Militärinternierte, sowjetische
Kriegsgefangene und Ostarbeiter nennt.125 Demnach gab es im Juli 1944
insgesamt 475 Menschen in Forst, die allein diesen drei Gruppen angehörten
und in Lagern untergebracht waren;126 162 Italiener bei den
Arbeitskommandos 105 (Hänselhalle: 140 Personen) und 135 (Hammer &
Haebler: 22), 35 sowjetische Kriegsgefangene bei Hammer & Haebler (16)
sowie auf dem Gut Noßdorf (19) sowie 258 Ostarbeiter in den
Ostarbeiterlagern Keune (121 Personen), Rumsch & Hammer (37),
Bahnmeisterei (38), Speer (54) und Windhoff (8). Handschriftlich ist die Zahl
20 hinzugefügt, ohne dass allerdings deutlich würde, wo diese Menschen
untergebracht waren und welcher Gruppe sie angehörten. Auffallend ist, dass
das wahrscheinlich größte Lager, das der Sprengchemie in Scheuno, in dieser
123 Diese Zahlen werden falsch interpretiert, wenn davon ausgegangen wird, dass 1943 im Arbeitsamtsbereich
Forst 3419 Zwangs- und Fremdarbeiter bei insgesamt 10.274 Beschäftigten eingesetzt wurden. So geschehen in:
Meier, Uwe, „Forst/Lausitz“, aus: Engel, Evamaria / Enders, Lieselott / Heinrich, Gerd /
Schlich, Winfried (Hg.): Städtebuch Brandenburg und Berlin, Berlin, 2000, S. 161
124 StadtA Forst, 3261, Bl. 159
125 StadtA Forst, 3261. Bl. 160
126 Hervorhebung des Autors. Denn mit dieser Einschränkung wurden Italiener und Ostarbeiter nicht erfasst, die
nicht in Lagern untergebracht waren. Bei sowjetischen Kriegsgefangenen kann davon ausgegangen werden, dass
sie nur in Lagern verpflegt wurden. Nicht erfasst wurden mit dieser Liste auch alle anderen ausländischen
Arbeiter und Kriegsgefangenen.
Aufzählung fehlt. Dies kann an den Zuständigkeiten liegen oder dass im Juli
1944 dort weder Ostarbeiter noch russische Kriegsgefangene oder Italienische
Militärinternierte lebten.
Anhand dieser Aufzählung wird bereits deutlich, dass eine quantitative
Einschätzung des Ausländereinsatzes allein für den Bereich Forst ohne weitere
Daten nicht möglich ist. Selbst wenn andere Quellen, die in dieser Arbeit auch
genannt sind, hinzugezogen werden, ist lediglich eine vorsichtige Nennung der
Mindestzahlen möglich, die wahrscheinlich übertroffen wird. Wenn man als
Faktoren berücksichtigt, dass bereits 1940 allein im Lager der Deutschen
Sprengchemie etwa 540 Polen lebten – eine Zahl, die in den folgenden
Kriegsjahren durch den Einsatz von anderen Ausländern wohl eher gestiegen
als gefallen sein dürfte – ist von diesem Stamm als Minimum auszugehen.
Nimmt man allein die aus dem Jahr 1944 in Lagern lebenden Italiener,
Ostarbeiter und sowjetischen Kriegsgefangenen hinzu, kommt man in einen
vierstelligen Bereich, ohne dass beispielsweise Franzosen und Belgier
berücksichtigt würden. Allein in der Hänselhalle waren 1943 insgesamt etwa
110 Franzosen untergebracht, von denen die Mehrzahl ein Jahr später immer
noch in Forst gewesen sein dürfte. Nicht berücksichtigt wurden außerdem
Polen, die außerhalb des Lagers Scheuno lebten, was entsprechend der
Auflistung der bekannten Unterkünfte und dem Einsatz in der Landwirtschaft
der Fall gewesen sein dürfte. Da allein zu Jahresbeginn offiziell 1347
Ausländer in der Stadt Forst gemeldet waren, der Arbeitskräftebedarf nach der
Niederlage von Stalingrad aber erheblich stieg, kann davon ausgegangen
werden, dass in den letzten Kriegsjahren wohl mindestens um die 2000
Ausländer in Forst lebten und arbeiteten. Angesichts der Fluktuation,
insbesondere bei Polen in den ersten beiden Kriegsjahren, aber auch bei der
Registrierung russischer Zivilarbeiter (zwischen November 1941 und 1942
allein 1363) liegt die Zahl der in Forst eingesetzten Ausländer wahrscheinlich
noch darüber. Das wäre immer noch eine vorsichtige Berechnung, ohne dass
beispielsweise die in der polnischen Literatur angeführten Zahlen für Scheuno
Berücksichtigung gefunden hätten.
3.2 Unterbringung
Die Unterbringung erfolgte in der Regel in Lagern. Dabei wird bei
dieser Aufstellung von der zeitgenössischen Breite des Lagerbegriffs
ausgegangen, also „verschiedenste Gebilde als Lebenskammern für die
Betroffenen, die amtlich auch genehmigt wurden“. 127 Wo dieser Lagerbegriff
nicht belegt werden konnte, werden Adressen genannt, da es sich offenbar um
Unterkünfte in Wohnungen, Scheunen, Werkhallen, Tanzsälen und dergleichen
mehr handeln konnte. Hinweise auf Außenstellen von Konzentrationslagern im
Stadtkreis Forst und der unmittelbaren Umgebung gibt es nicht.128 Diese
Aussage gilt allerdings nicht für den gesamten Kreis Sorau.129 Ob der Bau von
200 Behelfsheimen Anfang 1944 auch für die Unterbringung von Ausländern
gedacht war, konnte bisher nicht geklärt werden.130
3.2.1 Die Anfänge des Ausländereinsatzes in der Region Forst/Sorau
Erst drei Wochen nach Kriegsbeginn, am 21.9.1939, forderte der
Regierungspräsident Frankfurt (Oder) von den Kommunen in einem
Schnellbrief eine Übersicht über alle vorhandenen Baracken, die für die
Belegung mit Arbeitergruppen geeignet seien (in öffentlichen Betrieben -
Gemeinden, Eisenbahnen, Reichsautobahn u.a. - sowie von Privatunternehmen
(Baufirmen, landwirtschaftliche Betriebe usw.). Ausgenommen waren RAD-
Baracken. Die Ortspolizeibehörde Forst meldete einen Tag später, dass „auf
städtischen Grundstücken [...] keine Baracken frei sind“.131 Demnach war bis
kurz nach Kriegsbeginn der Einsatz von Kriegsgefangenen in Forst weder
geplant und vorbereitet. Auch wurden erst zu diesem Zeitpunkt zwischen
Kreisbauernführer und Arbeitsamt die Standorte für Kriegsgefangenenlager
127 Zum Begriff Lager siehe auch: Kubatzki, Rainer: Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager, Standorte und
Topographie in Berlin und im brandenburgischen Umland 1939 bis 1945, Berlin, 2001, S. 11
128 Herangezogen wurden vor allem Weinmann, Herbert/Orth/Dieckmann, ITS 1979, Schwarz
129 In Gassen und Christianstadt sind Außenkommandos des KZ Groß-Rosen belegt (Weinmann, S. 276). Allein
für das DAG-Werk Christianstadt gab es elf Wohnlager, in denen bis zu 6364 Menschen untergebracht waren.
Die größten waren das „Waldlager“ (Ostarbeiter), das Lager „Am See“, das Lager „Am Hang“ (Italiener), das
Lager „Am Schwedenwall“ (Jüdinnen), sowie ein Lager für jüdische Männer; vgl. Löbner, Martina: „Geheime
Reichssache“ Christianstadt – Das Ende einer Kleinstadt zwischen Oder und Neiße sowie der Sprengstoff-Fabrik
„Ulme“, Dissertation, Hannover, 2002. Das „Frauenarbeitslager“ Christianstadt ist auch bei Schwarz, Band I, S.
321, erwähnt,
130 StadtA Forst, A 2104, Stadtbaurat Stamer berichtete in der Beigeordnetensitzung am 12. April 1944 über den
Bau von Behelfsheimen: „Die Beigeordneten empfehlen, zunächst 200 Behelfsheime aufzustellen, in denen
später Bombengeschädigte oder Umquartierte untergebracht werden sollen. Die Behelfsheime sollen dort
aufgestellt werden, wo sie als Dauergärten für immer bleiben können.“
131 StadtA Forst, A 2057, Briefe vom 21. und 22.9.1939
festgelegt. Mit den ersten Kriegsgefangenen wurde Anfang Oktober
gerechnet.132 Erst Mitte Dezember erhielten die „Herren Lagerunternehmer“ –
so auch der Bürgermeister von Sacro – die Broschüre „Kriegsgefangene“ mit
der eindringlichen Ermahnung, „den unbefugten Umgang von Volksgenossen
mit Kriegsgefangenen sofort zu unterbinden, falls dieser versucht werden
sollte“.133 In dieser Anfangsphase war für den Forst-Sorauer Bereich das
Kriegsgefangenenstammlager Amtitz bei Guben zuständig. Dorthin oder in das
Kriegsgefangenenlazarett Sorau sollten „ernstlich Kranke“ gebracht werden.134
Anfang Dezember wurde das Dulag D Amtitz in Stalag IIIB umbenannt und
nach Fürstenberg (Oder) verlagert;135 Amtitz wurde Durchgangslager für
ausländische Arbeiter. Dort sollten polnische Zivilarbeiter zentral erfasst
werden, um die Ortspolizeibehörden von dieser Aufgabe zu entlasten. Unter
diese Aufgabe fiel die Erstellung der mit den Polenerlassen geforderten
Arbeits- und Karteikarten.136 Der Briefwechsel aus dem April 1940 lässt auf
keine langfristig geplante Vorbereitung schließen.137 Eine Information an die
Landräte und Oberbürgermeister über die Aufgaben im „sogen. Auffanglager
in Amtitz bei Guben“ wurde vom Regierungspräsidium erst am 9. Mai 1940
verfasst.138
Insgesamt gab es im Kreis Sorau Anfang 1940 rund 1600 polnische
Kriegsgefangene, die „truppweise zu mindestens 10 Mann“ hauptsächlich zu
Hofarbeiten eingesetzt wurden und in der „kalten Periode“ im industriellen
Einsatz waren. Wegen ihrer Kenntnisse der deutschen Sprache befürchtete das
Landratsamt Sorau Fluchtversuche. „Um dieser Gefahr vorzubeugen, habe ich
132 StadtA Forst, 314, Schreiben des Landrates des Kreises Sorau vom 3. Oktober 1939 an die Bürgermeister und
Amtsvorsteher zu den Vorbereitungen für Kriegsgefangenenlager
133 StadtA Forst, 314, Brief des Landrates des Kreises Sorau an den Sacroer Bürgermeister Woick
134 StadtA Forst, 314, Brief des Landrates des Kreises Sorau vom 11. Dezember 1939
135 Matiello, Gonfranco/Vogt, Wolfgang: Deutsche Kriegsgefangenen- und Internierteneinrichtungen
1939 –1945, Band 1, Koblenz, 1986, S. 12, sowie im gleichnamigen Band 2, Koblenz, 1987, S, 68.
136 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Blatt 82 RS
137 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl. 85; so schrieb der Landrat von Guben am 16.4.1940 an den
Regierungspräsidenten in Frankfurt (Oder), dass „...die Photographen Simon und Engel in Guben bereit und in
der Lage sind, innerhalb von 30 Stunden zusammen rund 500 Paßbilder herzustellen. Die Aufnahmen könnten in
Amtitz erfolgen. (...)“ Gleichzeitig bat der Gubener Bürgermeister um 12000 Trioklammern, um die Bilder
befestigen zu können sowie einen Dolmetscher und gegebenenfalls zwei weitere Photografen (Bl. 85RS). Gegen
eine gut vorbereitete Aktion spricht auch, dass der Gubener Landrat bereits vier Tage später, am 20.4.1940,
meinte, dass „jetzt mindestens sechs Dolmetscher nötig“ seien (Bl. 86 und RS). Die Kosten wurden auf die Polen
umgeschlagen, die eine Reichsmark für die Photographien sowie 0,10 Reichsmark für fünf Abzeichen zahlen
mussten (Brief der Gestapo vom 17.4.1940, Bl. 94 RS). Der Spremberger Landrat hatte noch am 16. Mai 1940
keine konkreten Informationen, sondern bat darum, weil er vom Arbeitsamt Cottbus von der Existenz der
Verordnung (zur Kennzeichnung, d.A.) erfahren habe (Bl. 98).
138 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl 82 und RS
versucht, die Polen mit intellektuellem Einschlag, die ohnedies für die
Landwirtschaft wenig tauglich waren, wieder abzuschieben“, schrieb der
Sorauer Landrat an den Regierungspräsidenten in Frankfurt (Oder).139 Um den
„politischen Instinkt“ der polnischen Freiarbeiter nicht in „unerwünschtem
Sinn anzuregen“ schlug er im Februar 1940 vor, die Kriegsgefangenen in einen
Freiarbeiterstatus zu übergeben. Außerdem wandte er sich gegen die
staatspolizeiliche Einweisung von polnischen Arbeitskräften, „die hartnäckig
die Arbeit verweigerten, sich krank stellten oder andere Schwierigkeiten
machten“, in ein „besonderes Lager“ und schlug die örtliche Einsperrung „mit
gewissen Einschränkungen der Verpflegung und mit hartem Lager“ vor.140
Die Forster Betriebe waren zunehmend auf den Einsatz von Ausländern
angewiesen. Der Versuch der Firma Hammer & Haebler, weibliche
Arbeitskräfte in zwei Schichten (Tag- und Nachtschicht) einzusetzen,
scheiterte am Widerstand von DAF und Gewerbeaufsichtsamt.141 Durch die
Stilllegungen in der Textilindustrie waren im April allein in Forst etwa 700
Frauen arbeitslos.142
Die „Freilassung“ der polnischen Kriegsgefangenen sollte in den Stalag
Luckenwalde und Fürstenberg am 3. Juni 1940 beginnen,143 verzögerte sich
aber um drei Wochen.144 Über 10.000 polnische Kriegsgefangene aus
Fürstenberg sollten auf etwa 200 Arbeitskommandos verteilt und bevorzugt
den bäuerlichen Betrieben zugeführt werden.145 Aufschluss über die Verteilung
im Bereich des Kreises Sorau gibt eine Liste des Stalag IIIB zur ungefähren
„Reihenfolge der Arb.-Kdos bei der Entlassung der polnischen
Kriegsgefangenen“. Für den Kreis Sorau waren 26 Kommandos mit einer
Gesamt-Gefangenenzahl von 1079 vorgesehen.146 Im Forster Umfeld waren
139 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl. 14ff, Brief des Landrates Sorau an den Regierungspräsidenten Frankfurt
(Oder), vom 13. Februar 1940
140 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl.14ff, Brief des Landrates Sorau an den Regierungspräsidenten Frankfurt
(Oder), vom 13. Februar 1940
141 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 21, Eintragung vom 10.4.1940
142 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintragung vom 14.4.1940
143 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl. 89 – 104, Niederschrift über die Besprechung im Landesarbeitsamt
Brandenburg am 30 Mai 1940 über die Freilassung der polnischen Kriegsgefangenen
144 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl. 138 RS
145 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl. 89 – 104, Niederschrift über die Besprechung im Landesarbeitsamt
Brandenburg am 30 Mai 1940 über die Freilassung der polnischen Kriegsgefangenen
146 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl. 109; (Kdo.Nr./Ort/Gefangenenzahl) 241 Sackrow [Sacro?], 61; 168,
Simmersdorf, 70; 169, Kl. Kölzig, 88; 42, Kromlau, 61; 296, Kemnitz, 18; 230, Triebel, 26; 229, Haasel, 18;
228, Eckartswalde, 16; 105, Albrechtsdorf, 40; 353, Wilhelmshütte, 12; 166, Kunzendorf, 47; 104, Goldbach,
57; 373, Wellersdorf, 16; 62, Reinswalde, 44; 43, Benau, 52; 103, Laubnitz, 45; 102, Droskau, 35; 227,
„Sackrow“ [Sacro?] mit 61 Gefangenen, Simmersdorf mit 70 Gefangenen oder
Klein Kölzig mit 88 Gefangenen aufgeführt. Eine Liste für den Stadtkreis Forst
ist nicht auffindbar. Die Karteikarten sollten den Ortspolizeibehörden
übergeben werden, sind aber weder im Stadtarchiv Forst noch im Kreisarchiv
Zary auffindbar.
Im Dezember 1941 gab es „60 bis 70 Kriegsgefangenenarbeitslager für
Industrie und Landwirtschaft sowie für Landeskultur“ im Kreis Sorau, für die
nach der Umbesetzung („Anstelle von Franzosen und Serben sind Russen
vorgesehen.“) nach Ansicht des Kreisbauamtes „die günstige Möglichkeit
[bestand], neue Kriegsgefangenenarbeitslager (Russen) zu beantragen und
einzurichten“.147 Man rechnete damit, „dass die russischen Kriegsgefangenen
für eine lange Zeit, in der Hauptsache als einzige Arbeitskräfte, zur Verfügung
stehen werden. Es ist nicht zu erwarten, dass nach dem Kriege volksdeutsche
Arbeiter in genügender Zahl vorhanden sein werden“. Die Russen seien „in der
ersten Zeit körperlich schwächlich und arbeitsunfähig“, allerdings sei nach den
Erfahrungen in anderen Bezirken zu erwarten „dass der Arbeitswille und die
Geschicklichkeit sich durch entsprechende strenge Behandlung und
regelmäßige Verpflegung bessern“ werde. Der Kreisbaumeister machte klar:
„Ich erwarte, dass die Gemeinden des Kreises bei der Verteilung der
Gefangenen nicht zu spät kommen und vielleicht aus diesem Grund nicht mehr
berücksichtigt werden können.“ Die „Herren Bürgermeister“ sollten sich
„umgehend mit der Landwirtschaft, der Industrie und meinem Kreisbauamt
aussprechen“.
In der Stadt Forst gab es im Juni 1942 mindestens drei
Kriegsgefangenen-Arbeitskommandos (930, 634 und 863).148 Bei der
Bewachung der Kriegsgefangenen wurden Hilfswachmänner eingesetzt. Die
Verwaltungspolizei in der Stadtverwaltung Forst hat bis zum November 1942
insgesamt 367 Personen auf ihre Zuverlässigkeit überprüft. Wie viele davon
Gersdorf, 19; 63, Brestau, 55; 338, Eichenrode, 17; 44, Teuplitz, 61; 165, Nieverle (Drehne), 30; 61, Gassen, 59;
101, Muckrow, 41; 226, Culm, 17; 65, Waltersdorf, 64. gez. Trüstedt, Hauptmann u. Abwehroffizier. Eine Liste
für den Stadtkreis Forst ist nicht vorhanden.
147 StadtA Forst, 314, Brief des Kreisbauamtes an die Bürgermeister und Ortsbauernführer vom 11. Dezember
1941
148 StadtA Forst, 3244 (A2113), Bl. 111e
tatsächlich eingesetzt wurden, geht aus der Kriegsaufgabenstatistik nicht
hervor.149
3.2.1.1 Kriegsgefangenenlager
- Sacro
Eine nicht näher bezifferte Zahl von polnischen Kriegsgefangenen des
Kriegsgefangenenkommandos 438 war im Saal des Gasthofs Woitke in Sacro
untergebracht, der ab 1.12.1939 von der Gemeinde Sacro angemietet wurde.
Arbeitgeber war die Genossenschaft Naundorf-Sacro, die den externen
Einsatz in der Landwirtschaft in Rechnung stellte.150 Die Belegungsquote
schwankte zwischen 27 und 65 Gefangenen.151 Mit der Entlassung der
polnischen Kriegsgefangenen wurde vom Kreisbauamt in Sorau und der
Lagergemeinde Sacro bereits die neue Belegung mit 50 Westgefangenen
beim Arbeitsamt Forst beantragt.152
- Simmersdorf
Das Kommando (168) war, von Forst kommend, rechts der Bahnstrecke
Forst – Döbern, an der Straße nach Jethe/Gahry untergebracht. Zunächst
waren es polnische Kriegsgefangene, französische sollten folgen; in einem
Brief an das Arbeitsamt Forst kündigte das Kreisbauamt Sorau an, die
Meliorationsarbeiten Klein Jamno mit 50 Westgefangenen fortzuführen.153
Später gehörte Simmersdorf zu den Ausweichstandorten für die Bremer
Focke-Wulf-Produktion, die wegen der Gefahr durch Luftangriffe nach
Cottbus und den Kreis Sorau verlagert worden war.154
- Mix & Genest, Forst
Im Januar/Februar 1942 gab es bei der Firma Mix & Genest ein
Kriegsgefangenen-Arbeitskommando (Kgf.Arb.Kom. 930). Ob sich dort
auch die Unterkunft befand, ist unklar. Allerdings wurde dorthin Verpflegung
149 StadtA Forst, 3231 (A2101), Bl. 47
150 Rechnung des Wasser und Bodenverbandes Naundorf-Sacro vom 23. Januar 1941, in Besitz Reinhard
Natusch, Forst-Sacro
151 StadtA Forst, 314, Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen, unnummeriert, Brief des Bürgermeisters von Sacro
an den Landrat in Sorau vom 20.9.1941 und Bestätigung der Kommandostärke vom 14.4.1940
152 StadtA Forst, 314, Brief des Kreisbauamtes Sorau an das Arbeitsamt Forst vom 15. Juni 1940
153 StadtA Forst, 314, Brief des Kreisbauamtes Sorau an das Arbeitsamt Forst vom 15. Juni 1940, mit
Melioration war vor allem der Bau von Entwässerungsgräben gemeint.
154 BArch Berlin-Lichterfelde, R4603, Pläne von Fertigungs- und Verlagerungsstätten, Stand 3.2.1945
geliefert.155 Für das Kriegsgefangenen-Arbeitskommando 930 gab es im Juni
1942 eine Großküche.156
- Hänselhalle, Forst
Die Reithalle des Kavalleristenvereins An den Hainen war von 1934 bis
1936 SS-Reitschule.157 Ein weiterer Ausbau auf Kosten der Stadt, der mit
etwa 130.000 Reichsmark veranschlagt war, wurde in der Forster
Beigeordnetensitzung abgelehnt.158 Die SS zog sich daraufhin zurück. Die
Reste des Reitbahngeländes wurden im April 1940 an die Firma Hänsel &
Co verkauft.159 Kurz darauf wurde der Unterbringung von Kriegsgefangenen
in den Nebenräumen der Hänselhalle zugestimmt. Die Kriegsgefangenen
sollten bei der weiteren Neißeregulierung eingesetzt werden.160 Das
Reithallengelände war offenbar schon vorher eingezäunt gewesen.161
Bis zum 30.6.1943 waren französische Kriegsgefangene in der
Hänselhalle untergebracht, die ab diesem Tage als beurlaubte französische
Kriegsgefangene galten. Das französische Kriegsgefangenen-
Arbeitskommando wurde vom Stalag IIIB an die Zivilbehörden (Arbeitsamt
für den Arbeitseinsatz, DAF für die Betreuung) übergeben. Träger des
ehemaligen Kriegsgefangenen-Arbeitskommandos war das Tiefbauamt der
Stadt Forst gewesen. Auch die Bewachungstätigkeit des Kommando-Führers
(Obergefreiter Ossenbrink) endete, für die Betreuung der französischen
Zivilarbeiter war fortan die DAF, namentlich Herr Röder, zuständig. Durch
den Statuswechsel reduzierten sich die Unterbringungskapazitäten der
Hänselhalle wegen der Richtlinien für französische Zivilarbeiter („1 Bett, 1
Schrank, ausreichender Luftraum“) von 110 Mann auf 75 bis 80 Mann.162
Damit galt das Lager Hänselhalle als „überbelegt“. Es sollten „30 bis 35
Mann umgelegt und in andere Gemeinschaftsunterkünfte untergebracht
werden“, bestimmte das Tiefbauamt der Stadt Forst. Hintergrund war, dass
die beurlaubten französischen Kriegsgefangenen grundsätzlich nur in
155 Rechnung der Firma Emil Andrack auf Bezugschein 13974 vom 12. Januar und 8. Februar 1942, in Besitz
von Hagen Pusch, Forst
156 StadtA Forst, 3244 (A2113), Bl. 111e
157 StadtA Forst, 3043 (A1990), „SS-Reitschule“
158 StadtA Forst, A2104, Protokolle der Dezernenten-Besprechung vom 17.3.1936 sowie 12.5.1936
159 StadtA Forst, A2104, Beigeordnetenbesprechung 22.4.1940: Mit dem Verkauf des restlichen
Reitbahngeländes in Größe von 16.052 qm zum Preis von 0,60 RM/qm an die Firma Hänsel & Co erklärten sich
die Anwesenden einverstanden.
160 StadtA Forst, A2104, Beigeordnetensitzung 26.7.1940
161 Zeitzeugenbericht Nummer 1, im Anhang
162 StadtA Forst, 3261, Bl. 89
Gemeinschaftsunterkünften untergebracht werden sollten. Den
„Handelsbetrieben (Bäckereien, Fleischereien usw.) soll eine
Einzelunterbringung in sogenannten Gesellenstube nicht [sic!] gestattet
werden“.163 Das könnte den Schluss zulassen, dass die Unterbringung in den
Kleinbetrieben oder Privatunterkünften durchaus praktiziert oder erwünscht
war. Diese Schlussfolgerung lässt auch die Abschrift eines telefonisch
durchgesagten Rundschreibens an die Beschäftigungsbetriebe zu. Darin
wurde betont, dass „der gesamte Wohnraum deutschen Vg. [Volksgenossen,
d.A.] vorbehalten werden soll [...]“. Nur wenn es für den betrieblichen
Einsatz unbedingt notwendig erschien, könne die Unterbringung in einer
Unterkunft innerhalb des Betriebes genehmigt werden. Als Voraussetzung
galt, dass „keine für Wohnzwecke bestimmten Räume in Anspruch
genommen werden“.164 Zumindest ein Teil der Franzosen wurde später im
Lager Noßdorf an der Spremberger Straße untergebracht.165 Im Mai 1944
war in der Hänselhalle das Italienische Militär-Interniertenkommando 105
mit 145 Personen untergebracht. Der Lagerführer hieß Göpel.166 Die Insassen
des offenbar immer noch unter Trägerschaft des städtischen Tiefbauamtes
bestehenden Lagers waren „im Einzeleinsatz bei verschiedenen
Betrieben“.167 Am 18. Juli waren 140 IMI untergebracht.168
- Scheuno-Ost
Inn Scheuno ist zumindest für Januar 1941 die Existenz des
Kriegsgefangenen-Arbeitskommandos 619,169 Scheuno bei Forst, belegbar.
Allerdings ist nichts über die Belegungsstärke bekannt. Da das Lager
Scheuno-Ost anscheinend vorwiegend für die Unterbringung von zivilen
Arbeitern genutzt wurde, erfolgt unter 3.2.1.3.8 die nähere Betrachtung.
- Gut Noßdorf
Für das bereits erwähnte Lager „Gut Noßdorf“ liegen keine weitere
Erkenntnisse vor, außer der bekannten Unterbringung eines sowjetischen
Kriegsgefangenen-Kommandos mit 19 Personen im Juli 1944.170
163 StadtA Forst, 3261, Bl. 88
164 StadtA Forst, 3261, Bl. 88a
165 Zeitzeugenbericht Nummer 3, im Anhang
166 StadtA Forst, 3261, 153 und Rückseite, handschriftlicher Vermerk
167 StadtA Forst, 3261, Bl 121 (alte Nummerierung)
168 StadtA Forst, 3261, Bl. 160
169 StadtA Forst, 4309, Bl. 30
170 StadtA Forst, 3261, Bl. 159
- Forst-Domsdorf
Hinweise auf ein Kriegsgefangenenarbeitskommando mit der Nummer 863
ergaben sich in den Personalakten des Stalag III B.171
- Rosengarten
Für das Stalag IIIB sind sieben Kommandos bekannt, die unter der
Bezeichnung „Rosengarten“ geführt wurden. Allerdings fehlen in den
bekannten Unterlagen Hinweise auf eine Ortsangabe, so dass zurzeit nicht
mit Sicherheit belegt werden kann, dass es sich dabei um das ehemalige
RAD-Lager auf dem Sportplatz am Forster Rosengarten gehandelt hat.
Unter dem Begriff Rosengarten sind im Januar 1942 die französischen
Kriegsgefangenenarbeitskommandos 609, 728, 924, 94 und 748 mit einem
Bestand von 162 Personen aufgeführt.172 Wahrscheinlich handelt es sich
aber eher um den Ort Rosengarten bei Frankfurt (Oder). Die
Besuchsberichte der IKRK-Delegation vom 15. und 16.1.1942 beziehen sich
fast ausschließlich auf Kgf.Arb.Kdos., die im Bereich Fürstenwalde,
Frankfurt (Oder), Lieberose/Jamlitz, Beeskow und Lübben lagen.173
3.2.1.2 Arbeiter- und Familienlager
Ausländische Zivilarbeiter, die in der Landwirtschaft arbeiteten, wohnten
beispielsweise in Sacro bei den Bauern.174 Dies dürfte auch für andere Orte
zutreffen. Offenbar gab es erst mit zunehmendem Einsatz von Ausländern im
Februar 1941 auf Anforderung der Gestapo-Leitstellen eine systematische
Erfassung der Lager,175 die für Forst allerdings nicht vorliegt. Unklar ist, ob und
in welchem Umfang auch in Forst wegen Unterbringungsproblemen die in
Handwerk und Dienstleistungsgewerbe tätigen Ausländer privat untergebracht
waren.176 Erschwert wird eine Übersicht auch durch die Aufsplitterung der
171 Ausstellung Stalag IIIB, Städtisches Museum Eisenhüttenstadt, Sammlung Personalkarten
172 Ausstellung Stalag IIIB, Städtisches Museum Eisenhüttenstadt, Sammlung Personalkarten, Information von
Axel Drieschner/Barbara Schulz über ein Dokument aus dem politischen Archiv des Auswärtigen Amtes,
R40991, unpag., Abschrift in der Anlage. Dem Stadtarchiv Frankfurt sind keine Unterlagen über
Kriegsgefangenenunterbringung im Ortsteil Rosengarten von Frankfurt (Oder) bekannt, so die Antwort auf eine
Anfrage. Der Standort Forst kann aber ebenfalls nicht belegt werden.
173 Siehe Anlage
174 Natusch, Reinhard: Sacro, Ortschronik, Schriftenreihe der Stadt Forst, Forst, S. 47
175 Beermann, Susanne: Der Ostarbeitereinsatz in der Provinz Brandenburg von 1939 bis 1945, Schriftliche
Hausarbeit zur Diplomprüfung (unveröffentlicht), Berlin, 1994, S. 28 mit Verweis auf BLHA Pr. Br. Rep. 8
Stadt Oderberg Nr. 806/3, o. Bl., wonach die Gauleitungen seit Kriegsbeginn offenbar keine Übersicht über die
geschaffenen Ausländer-Lager hatten.
176 ebenda, S. 37 mit Verweis auf eine Entscheidung des Potsdamer Regierungspräsidenten in BLHA Pr.Br.Rep.
2A Regierung Potsdam I Pol Nr. 2894 Band I, Bl. 212/218 (Veröffentlichung in Rathenow)
Zuständigkeiten. Demnach war es nach einer Weisung der Oberpräsidenten im
Februar 1943 Aufgabe der NSDAP, Privatquartiere ausländischer Arbeitskräfte
zu erfassen und über jeden Zuzug zu informieren.177 Im Oktober 1943 sollte für
die nach Forst verlagerten Firmen eine RLM-Baracke aufgestellt werden.178
Unklar ist, ob sie für deutsche oder ausländische Mitarbeiter gedacht war und wo
sie aufgestellt werden sollte. Insgesamt waren Mitte Oktober 1943 für die
Arbeitskräfte der nach Forst verlagerten Firmen sechs Baracken in einem nicht
näher genannten Lager fast komplett aufgebaut worden.179 Ende Oktober 1943
wurden im Kriegstagebuch der Rüstungsinspektion III Schwierigkeiten bei der
Hergabe der Kontingente erwähnt. Umänderungen seien wegen der Umstellung
auf zweigeschossige Bauweise nötig.180 Dies könnte auf die Barackenbaustelle in
der Muskauer Straße (heute Am Waldgürtel) schließen lassen. Zwei Baracken im
„Barackenlager Forst“ gingen am 1.2.1944 ihrer Vollendung entgegen.181
- Keune (ehemaliges RAD-Lager)
Das RAD-Lager Keune stand im März 1941 leer, war aber bereits für die
Unterbringung von 200 Arbeitern vorgesehen.182 Im Juli 1944 war das
Ostarbeiterlager Keune mit 121 Menschen belegt.183 Im Zusammenhang mit
der „Zielenzig-Liste“ wird das „Lager Keune“ als Wohnort für einen
Mitarbeiter der Firma Voige & Söhne angegeben184, das im gleichen
Dokument mit der Adresse „Lager Triebeler Str.“ angegeben wird.185 Für den
Oktober 1944 ist auch der Tod eines Kleinkindes belegbar, dessen letzte
Anschrift mit „Lager Keune“ angegeben wurde. Im Juni 1943 starb dort ein 32-
jähriger Ostarbeiter aus der Ukraine, im November des gleichen Jahres eine 32-
jährige Ostarbeiterin aus der Ukraine, im Oktober 1944 eine 23-jährige
Ostarbeiterin, deren Nationalität allerdings mit polnisch angegeben wurde.186
Die genaue Adresse wurde bei einem der erwähnten Sterbefälle mit „Triebeler
177 ebenda, S. 46 mit Verweis auf BLHA Pr. Br. Rep. 2A Regierung Potsdam I Pol Nr. 329, Bl. 377. Ob es eine
entsprechende weitergeleitete Weisung auch im Regierungsbezirk Frankfurt/Oder gab, konnte nicht belegt
werden.
178 BArch-MA, RW 21-20/7, Bl. 12, Eintragung vom 12.10.1943
179 BArch-MA, RW 21-20/7, Bl. 13, Eintragung vom 12.10.1943
180 BArch-MA, RW 21-20/7, Bl. 16, Eintragung vom 28.10.1943
181 BArch-MA, RW 21-20/8, Bl. 30
182 StadtA Forst, 3045 (A1992), Politische Angelegenheiten, Bl. 17
183 StadtA Forst, 3261, Bl. 160
184 StadtA Forst, 3037, Bl. 96
185 StadtA Forst, 3037, Bl. 84
186 Alle Angaben aus dem Beerdigungsregister des Hauptfriedhofes sowie nach ergänzenden Angaben des
Standesamtes anhand der Todesbücher.
Straße 200“ angegeben. Wegen der nahen Front wurde das Lager im Februar
1945 aufgelöst.187
- Turnhalle Noßdorf
Im März 1943 ist eine Rechnung des Lebensmittelhändlers Emil Andreck an
das „Sozialwerk für französische Zivilarbeiter“, Spremberger Straße 109
adressiert. Dieser Standort entspricht der damals noch stehenden Noßdorfer
Turnhalle neben der Radrennbahn. Nach dem Krieg stürzte sie ein, heute
befindet sich dort ein Sportplatz. Die Hausnummer ist aber am noch
vorhandenen Tor zu sehen. Das Lager war eingezäunt, wie einige nachgenutzte
Zaunpfeiler belegen (Anhang). Diese Angaben decken sich mit einem
Zeitzeugenbericht,188 wonach ein in einer Fleischerei beschäftigter Franzose
1943 von der Hänselhalle nach Noßdorf umzog, wo auch Holländer und
Belgier untergebracht gewesen seien. Zumindest zwischen August 1943 und
September 1944 schienen dort auch italienische Zivilarbeiter zu leben, wie ein
Vermerk auf der „Zielenzig-Liste“ nahe legt.189
- Lager des Ostministeriums, Pförtner Straße
Das Lager wird im Sterberegister des Standesamtes Forst im Zusammenhang
mit dem Tod eines 57-jährigen russischen Landarbeiters und einer 48-jährigen
Lehrerin erwähnt.190 Es soll dort auch Mütter mit Kleinkindern gegeben haben,
so dass es sich um das später erwähnte Lager handeln dürfte, in dem Klein-
und Kleinstkinder wegen unzureichender Ostarbeiterverpflegung starben.191
Eine Zeitzeugin192 erinnerte sich daran, dass das eingezäunte Lager außerhalb
des Ortsbereiches Berge etwa 50 bis 100 Meter von der Straße entfernt im
Wald stand und dadurch nicht einsehbar war. In den Baracken hätten
ukrainische Familien gewohnt.
187 Ihlo, Richard und Scholze, Wilfried: Der Einfluss der Hitler-Herrschaft in Keune, in: Forster Wochenblatt
vom 21.November 2003, S. 9
188 Zeitzeugenbericht Nummer 3, im Anhang. Die Lagebeschreibung lautete „vor der Rennbahn (...), direkt an
der Hauptstraße. (...) ein größerer Raum (...)“, was die Turnhalle an der Spremberger Straße 109 gewesen sein
dürfte.
189 StadtA Forst, 3037 (A1984), Bl 50, Notdienstbeorderung „Zielenzig“. Der „Einsatz Zielenzig“ sah im
August 1944 den Einsatz von über 40.000 Männern für Schanzarbeiten in der östlichen Mark Brandenburg vor.
Organisiert wurde der Einsatz von dem NSDAP-Gauleiter und den Kreisleitern der Partei. Der Einsatzbefehl Nr.
3 sah vor, dass allein der NSDAP-Kreis Sorau-Forst 1994 Männer zu stellen hatte. Wörtlich hieß es:
„Grundsätzlich sind alle Männer heranzuziehen einschließlich Ausländern und Kriegsgefangenen. Ausländische
Jugendliche sind ebenfalls heranzuziehen und wie die Männer vom 18. bis 65. Lebensjahr zu behandeln.“ Die
Forster Zielenzig-Liste führt Namen, Kriegstauglichkeit bzw. teilweise Nationalität oder Status sowie
Betriebszugehörigkeit auf.
190 Sterberegister der Stadt Forst, 569 aus 1944, 570 aus 1944
191 StadtA Forst, 3261, Bl. 139
192 Zeitzeugenbericht Nummer 2, im Anhang
- Lager Muskauer Straße (Waldgürtel)
Die gemauerten Unterkünfte entstanden in den Jahren 1943/1944 und waren
als kriegswichtig eingestuft. Im Oktober 1943 rangierten sie in der
Dringlichkeit für Baumateriallieferungen offenbar noch vor dem Bau von
Splitterschutzgräben und der Deutschen Sprengchemie. Für den Bau wurden
auch „polnische Häftlinge“ eingesetzt.193
Im Lager sollen Italiener, Franzosen und Ukrainer „zum Teil mit ihren
Familien“ gewesen sein.194 Gearbeitet haben sie offenbar in der Sprengchemie.
Sie durften zwar das Lager verlassen, aber mit den Lebensmittelkarten, die sie
für Arbeiten bei Deutschen erhielten, nicht selbst einkaufen. Das wurde
teilweise über deutsche Schulkinder gemacht, die auch mit den ausländischen
Kindern spielten.
Das in dem Lager Familien untergebracht waren, bestätigen drei
Todesfälle aus dem Zeitraum November/Dezember 1944, als ein Kleinkind von
drei Wochen, ein zwei Monate alter Junge sowie ein siebenjähriger Pole, die in
dem Lager wohnten, starben.195 Eine Adressangabe in den Sterbebüchern für
ein Lager „Muskauer Straße 200“ konnte nicht überprüft werden: Diese
Hausnummer existiert nicht. Eventuell handelte es sich um eine Verwechslung
mit dem Lager Keune (Triebeler Straße 200) oder mit der Baracke an der
Kreuzung Muskauer/Skurumer Straße („Walderholung“), bei der es aber keine
Belege für eine Unterbringung von Ausländern während des Krieges gibt.
- Eulo
Im August 1944 ging der Schulhausbau in Eulo seiner Vollendung entgegen.
Ausgebaut wurde er vom Reichsminister Speer, und von ihm „für dessen
Zwecke beansprucht“.196 Allerdings wurde der Schulbau während des Krieges
nicht mehr fertiggestellt. Inwiefern die Schule also für die Unterbringung von
193 StadtA Forst, A 2072, Briefe des Bauunternehmers Wilhelm Schulz an die Stadtverwaltung. Am 9.10.1943
beklagt sich Schulz, dass einem Cottbuser Konkurrenten 25 „polnische Sträflinge“ zugeteilt wurden. Ihm fehlten
Hilfsarbeiter, so dass er bat, ihm „2 oder 3“ davon zuzuteilen. „Sollten diese nicht mehr vorhanden sein, so bitte
ich Sie, mir Italiener zu geben.“ Im Brief vom 22.10.1943 beruft sich Schulz auf die Aussage der
Kalksandsteinfabrik Frischbutter, Simmersdorf, dass diese vom Arbeitsamt die Anweisung habe, „erst die
Baracken mit Steinen zu beliefern, dann die Splitterschutzgräben und danach die Deutsche Sprengchemie.“
194 Forster Wochenblatt vom 1. Oktober 1993, S. 9
195 Beerdigungsbuch für den Hauptfriedhof, Kinder bis vier Jahre sowie Kinder von vier bis 14 Jahren sowie
Sterberegister des Standesamtes, Nr. 928, 947 und 872 aus dem Jahr 1944
196 StadtA Forst, A2104, Dezernenten- und Bürgermeister-Sitzungen, 1936 – 1945, Protokoll der
Beigeordnetensitzung vom 17.8.1944, Punkt 14: „Es wurde bekannt gegeben, dass der Schulhausbau in Eulo
nunmehr seiner Vollendung entgegengeht [mit handschriftlichem Vermerk], da er vom Reichsminister Speer
ausgebaut und für dessen Zwecke beansprucht wird.“
ausländischen Arbeitskräften genutzt wurde, ist anhand der Quellenlage unklar.
Ebenso wenig konnte eine entsprechende Nutzung des ehemaligen RAD-
Lagers197 in Eulo dokumentarisch belegt werden. Nachgewiesen ist allerdings
die Existenz eines Gemeinschaftslagers für sowjetische Zivilarbeiter im Juni
1942 in Eulo.198
3.2.1.2 Betriebslager
- Hammer & Haebler
Für den Betrieb Hammer & Haebler ist im Mai 1944 das Italienische
Militärinternierten-Kommando 135 mit 24 Personen nachgewiesen. Der
Lagerführer hieß Grünberg.199 Es handelte sich um ein „werkseigenes“
Kommando.200 Das italienische Kommando zählte am 18. Juli 1944 noch 22
Personen. Außerdem gab es zu diesem Zeitpunkt dort ein Lager mit 16
sowjetischen Kriegsgefangenen.201
- Rumsch & Hammer202
Der Lager-Standort war wahrscheinlich auf dem Betriebsgelände in der
Weststraße. Im Juli 1944 wird das Ostarbeiterlager mit 37 Verpflegten in
Akten des Ernährungsamtes Forst erwähnt.203 Es soll nach mündlichen
Überlieferungen eine Baracke am Ende der Weststraße, neben der Gießerei,
gestanden haben, wo zeitweise französische Kriegsgefangene untergebracht
gewesen sein sollen.204 Hinweis auf ein Gemeinschaftslager für sowjetische
Zivilarbeiter gibt es auch in einer Liste der zivilen Großabnehmer für
Bezugsscheine.205 Die Firma stellte unter anderem Granaten her.206 Die
197 StadtA Forst, A2058, in einem Rundschreiben an das Hauptamt/Grundstücksamt vom 7.12.1940 wird
bemängelt, dass noch einige Pacht- und Mietverträge fehlen, „insbesondere die, zur Errichtung des
Reichsarbeitsdienstlagers und des Sportplatzes in Eulo mit dem Grafen Brühl, dem Reichsarbeitsdienst und dem
Turnverein [TV 1861 Forst, Hammer-Groeschke-Platz] abgeschlossen worden sind.“ Für die Unterbringung von
Ausländern im RAD-Lager auf dem TV-Gelände gibt es bislang keine Hinweise.
198 StadtA Forst, 3244 (A2113), Bl. 111e
199 StadtA Forst, 3261, Bl. 153 und Rückseite, handschriftlicher Vermerk „HH“
200 StadtA Forst, 3261, Bl. 121 (alte Nummerierung)
201 StadtA Forst, 3261, Bl. 160
202 Nach zeitweiliger Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg war der Betrieb auf den Waschmaschinenbau
umgestellt worden. Meier, Uwe, „Forst/Lausitz“, aus: Engel, Evamaria / Enders, Lieselott / Heinrich, Gerd /
Schlich, Winfried (Hg.): Städtebuch Brandenburg und Berlin, Berlin, 2000, S. 160
203 StadtA Forst, 3261, Bl. 160
204 mündliche Information von Jonas Ploettner
205 StadtA Forst, 3244 (A2113), Bl. 111e
206 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintrag vom 20.3.1940
Fertigung sollte durch „Einsatz der Handwerkerarbeitsgemeinschaft und
Hinzunahme der Firma Hammer & Haebler gesteigert werden“.207
- Bahnmeisterei
Im Juli 1944 wird das Ostarbeiterlager mit 38 Verpflegten in Akten des
Ernährungsamtes erwähnt.208 Auf Rechnungen des Lebensmittehändlers Emil
Andrack variiert die Adresse von „Bahnmeisterei, Abt. Ostarbeiter“ über
Bahnmeisterei Forst / Wohnlager“ (Juni 1943) bis hin zu „Bahnmeisterei Forst,
Abt. Gefangenenverpflegungskantine“ (Februar 1943). Eine Adresse wird nicht
genannt.209 Im Sterbebuch des Standesamtes gibt es einen Hinweis auf einen
im Mai 1943 verstorbenen Ostarbeiter, der in der „Euloer Str. (Bahnübergang)
wohnte.210 Dort gibt es eine Bahnunterführung gibt, an der eine gemauerte
Baracke steht.211 Die Reichsbahnbetriebsküche wird im Juni 1942 als ein
ziviler Großverbraucher geführt.212
- Speer
Der Standort ist nicht lokalisiert. Im Juli 1944 wird das Ostarbeiterlager mit 54
Verpflegten in Akten des Ernährungsamtes erwähnt.213
- Windhoff
Im Juli 1944 wird das Ostarbeiterlager mit acht Verpflegten in Akten des
Ernährungsamtes erwähnt. 214 Die Apparate- und Maschinenfabrik Hans
Windhoff aus Berlin-Schöneberg wurde im September in die Räume der
Forster Fabrik P.A. Körner verlagert.215
- Scheuno-Ost /Deutsche Sprengchemie
Das Lager der Deutschen Sprengchemie wird unterschiedlich betitelt. Die
„Barackenstadt“ war für 1000 Unterzubringende ausgelegt.216 Das entsprach
einem Drittel des Belegschaftssolls.217
207 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintrag vom 25.4.1940
208 StadtA Forst, 3261, Bl. 160
209 Rechnungen von Emil Andrack, in Besitz von Hagen Pusch, Forst
210 Beerdigungsregister für den Hauptfriedhof Forst sowie Sterberegister Nummer 394 aus 1943
211 Foto in der Anlage. Ob es sich dabei um die Unterkunft der Bahnmeisterei handelt, konnte noch nicht
zweifelsfrei belegt werden, liegt angesichts der Lagebeschreibung aber nahe.
212 StadtA Forst, 3244 (A2113), Bl. 111e
213 StadtA Forst, 3261, Bl. 160
214 StadtA Forst, 3261, Bl. 160
215 BArch-MA, RW 21-20/6, Bl. 50, Eintragung vom 22.9.1943
216 BArch Berlin-Lichterfelde R154/10697, Prüfbericht der Landesanstalt für Wasser-, Boden- und Lufthygiene
Berlin Dahlem vom 18.12.1940. Darin wurde bemängelt, dass Versickerungsflächen teilweise relativ nahe an
den Brunnen für die „Barackenstadt“ gelegen seien. Die Zahl wird auf Seite 16 des Antrages noch einmal
genannt. Das dort erwähnte Messtischblatt, auf dem die Wohnbaracken westlich des Werksgeländes verzeichnet
war, fehlt allerdings im Bestand (im Gegensatz zu den im selben Karton aufbewahrten Unterlagen für das
Ein Jahr nach Kriegsbeginn waren im Lager der Deutschen
Sprengchemie etwa 540 polnische Zivilarbeiter, zumeist „Volksdeutsche“
untergebracht.218
Auf den Unterlagen eines belgischen Hilfsarbeiters lautete die offizielle
Bezeichnung 1945 „Bereitschaftslager Scheuno-Ost“.219 Allerdings existierten
auch die Bezeichnungen „Heidelager“ und „Lager Scheuno“,220 wobei nicht
klar ist, ob es sich dabei noch um weitere Lager, ortsübliche Bezeichnungen
oder Namenswechsel handelte. Nach der Schilderung eines Belgiers221 befand
sich außerhalb des Werkzaunes ein Barackenlager für französische
Kriegsgefangene, ein Lager für zwangsverschleppte ukrainische Frauen, ein
Lager für verschleppte Polen und ein Barackenlager für deutsche
dienstverpflichtete Arbeitskräfte. Der Belgier gab an, selbst im
„Bereitschaftslager“ gelebt zu haben. Rund um die Uhr sei das Barackenlager
von Wachmannschaften mit Schäferhunden beaufsichtigt gewesen. Es wurde
wegen der herannahenden Front in der ersten Februarhälfte 1945 geräumt. Die
Belgier mussten mehrere Tage zu Fuß gehen, bis sie in Beeskow von
sowjetischen Soldaten eingeholt wurden.222 Die Ortsbeschreibung deckt sich
mit der einer Deutschen, die davon berichtete, dass es „außerhalb des Werkes 1
vor dem Haupteingang ein großes Gefangenenlager mit Franzosen“ gab.223
Nachgewiesen ist in Gerichtsakten die Existenz eines
Zwangsarbeiterlagers für Juden im Jahr 1942, eventuell auch noch 1943, aber
auch eines französischen Kriegsgefangenen- und polnischen
Zivilarbeiterlagers.224 Ein jüdischer Zwangsarbeiter berichtete 1952:225 „Das
Sprengchemie-Werk „See“, Torgelow). Gerechnet wurde mit einem Wasserverbrauch von 50 Litern je Kopf und
Tag.
217 BA Berlin-Lichterfelde R154/10697, Unterlagen des Bauführers, Oktober 1940. Als
Grundstückseigentümerin wird die Verwertungsgesellschaft für Montaninindustrie G.m.b.H. München benannt.
Das „Barackenlager (mit Küchenbetrieb)“ lag „in der NW-Ecke“ des Werkes. Auch hier wird die
Unterkunftszahl von „etwa 1000 beschäftigten Arbeitern“ genannt.
218 StadtA Forst, 2446 (4292), „Katholiken“, Bl. 16. Einschätzung des Krim.Ober.Ass. Gericke
219 Passierschein, Arbeitskarte u.a., im Besitz von Hans-Joachim Schulz, Forst
220 ITS 1979 und Sterberegister der Stadt Forst 759 aus 1942, 693 aus 1943 (beides Ostarbeiter) sowie 807 aus
1943. 1944 wird es als „Lager Scheuno“ bezeichnet, Sterberegister Nr. 94 aus 1944.
221 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil II, Forst, 1998, S. 12f
222 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil II, Forst, 1998, S. 14
223 ebenda, S. 19
224 ITS Arolsen: Verzeichnis der Haftstätten unter dem Reichsführer-SS, Arolsen, 1979, mit Verweis auf
Häftlingsaussagen und Ungerer. Dabei dürfte es sich um das Verzeichnis von Ghettos, Zwangsarbeitslagern und
Konzentrationslagern handeln. Vorgelegt nach Beschluss der Vertreter der obersten
Wiedergutmachungsbehörden und der Entschädigungsgerichte der Länder Baden-Württemberg, Bayern und
Lager Schönost [wahrscheinlich phonetisch verfälscht, es dürfte sich um
Scheuno-Ost handeln, d.A.] war mit Stacheldraht umzäunt und es wurde von
Volksdeutschen bewacht. Außerdem war in Schönost ein Lager mit franz.
Kriegsgefangenen und polnische Zivilarbeiter. Wir Juden waren von diesen
getrennt.“
Ein Zeitzeuge sprach von „zwei Waggons jüdische KZ-Häftlinge“,226
die für Transportarbeiten am Werksbahnhof abgeholt werden sollten. Der Lok-
Führer beschrieb den Blick in die Reichsbahngüterwagen als ein Bild des
Grauens: „abgemagerte, nur noch aus Haut und Knochen bestehende, ohne
festes Schuhwerk, in Lumpen gehüllte Elendsgestalten standen dichtgedrängt
in den beiden überfüllten Waggons. [...] Bereits erschöpfte und vor Hunger
kraftlose, nicht mehr gehfähige Juden wurden von der Wachmannschaft
herausgezerrt und wie ein Stück totes Vieh auf die Verladerampe gelegt und
ins Barackenlager abtransportiert.“ Später berichtet er davon, dass die
Geschwächten mit Gummiknüppeln von der Wachmannschaft geschlagen
wurden.
Einige Aufschlüsse über die Situation im Lager bringt ein
Zeitzeugeninterview,227 das im Herbst 2002 mit zwei Schwestern geführt
wurde, die beide als Deutsche im Lager gearbeitet und dort auch gewohnt
haben. Als vorteilhaft erwies sich dabei, dass sich beide im Interview
ergänzten. Das Lager scheint in sich noch einmal unterteilt gewesen zu sein. In
dem vorderen Bereich lebten Italiener, Belgier und Holländer, in einem
zusätzlich abgetrennten Teil weiter hinten Polen und Ostarbeiter. Dieses zweite
Tor soll aber kaum verschlossen gewesen sein, dennoch konnten sich die
Ostarbeiter und Polen nicht frei bewegen. Das Eingangstor zum Lager war
Tag und Nacht vom werkseigenen Wachschutz besetzt. Im Lagerladen, der im
Hessen vom 10.4.1953 von Oberregierungsrat Dr. [A.] Ungerer, Allgemeiner Vertreter des Landesinteresses in
Bayern. München, 1.8.1953. Darin ist die Rede von einem ZAL für Juden zwischen Ende 1942 und 1943, das –
wie in der IST-Veröffentlichung als „Schönost bei Forst (Lausitz)“ bezeichnet wird. Dabei dürfte es sich um eine
Verfälschung des Namens „Scheuno-Ost“ handeln. Ungerer bezog sich auf ein Urteil der
Entschädigungskammer des Landgerichtes München aus dem Jahr 1951 (LG Mü EK 1400/51). Der Kläger war
zunächst im Arbeitslager in Grunow an der Oder, kam dann nach „Schönost bei Forst“ in eine Munitionsfabrik,
wo die Gruppe „etwa fünf bis sechs Wochen“ blieb, bevor sie Anfang 1943 in das Lager einer Zellwolle- und
Zellulose-Fabrik bei Küstrin/Neustadt kamen.
225 Protokoll der Entschädigungskammer des Landgerichtes München I (EK 1400/51, LEA 7541/II/558) vom 19.
August 1952
226 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil I, Forst, 1996, hier Nachdruck von 1999, S. 30
227 Zeitzeugenbericht Nummer 5, im Anhang
vorderen Teil war, konnten offenbar auch westeuropäische Arbeiter einkaufen.
Im Lagerbereich für die Polen und Ostarbeiter, in dem auch Familien lebten,
soll sich auch eine Art Säuglingsstation und Kinderkrippe befunden haben. Für
„kurze Zeit“ wurde auch bestätigt, dass sich Juden im Lager befunden haben,
darunter auch Kinder. Die etwa zwölf bis 15 Quadratmeter großen Zimmer in
den unterkellerten Baracken sollen mit bis zu zehn Ausländern belegt worden
sein. Während der Oberlagerleiter als human dargestellt wird, wurde der
Unterlagerleiter weniger positiv geschildert, weil er unter anderem den
Ostarbeitern am Tor bei Privatleuten erarbeitete Nahrungsmittel abgenommen
habe.
Das „Lager Scheuno“ wurde von der Hauptverwaltung der Deutschen
Sprengchemie allerdings auch als Wohnadresse für deutsche Mitarbeiter
angegeben, wie aus der „Zielenzig-Liste“ hervorgeht.228
Auf dem Stadtfriedhof in Forst sind nachweislich vier Ostarbeiter
bestattet, die ihren letzten Wohnsitz im „Lager Scheuno“ oder „Heidelager“
hatten: ein sechsmonatiges Mädchen, zwei 20-jährige und ein 44-jähriger
Ostarbeiter.229
3.2.1.3 Lagerstandorte ohne Beleg für Ausländerunterbringung
- RAD-Lager Scheuno, Schäferei
Ein ehemaliges RAD-Lager gab es an der Schäferei an der Skurumer Brücke
im Bereich Scheuno.230 Ob das Lager für die Unterbringung von Ausländern
genutzt wurde, konnte bisher nicht geklärt werden.
- Autobahnlager
Erwähnung findet im November 1939 das „Autobahnlager“, wobei weder
Standort noch dessen Belegschaft genauer definiert wird.231 Ob dort im Laufe
des Krieges Ausländer untergebracht wurden, ist nicht geklärt.
- RAD-Lager Hammer-Groeschke-Platz
Belegt ist ein RAD-Lager auf dem Sportplatz des TV 1861 Forst (Hammer-
Groeschke-Platz).232 Ob es Standort der bereits erwähnten
228 StadtA Forst, 3037, Bl. 70
229 Beerdigungsregister für den Hauptfriedhof sowie Sterberegister 807 aus 1943, Nr. 94 aus 1944, Nr. 759 aus
1942 und 693 aus 1943
230 Zeitzeugenbericht Nummer 2 im Anhang
231 StadtA Forst, 3235, Bl. 11, Besprechung des Oberbürgermeisters mit den Fachgruppenleitern des
Einzelhandels am 16. November 1939
232 StadtA Forst, A2058, in einem Rundschreiben an das Hauptamt/Grundstücksamt vom 7.12.1940 wird
bemängelt, dass noch einige Pacht- und Mietverträge fehlen, „insbesondere die, zur Errichtung des
Kriegsgefangenenarbeits-Kommandos „Rosengarten“ war, kann nicht belegt
werden. Derzeit scheint eine Lokalisierung bei Frankfurt, Ortsteil Rosengarten,
wahrscheinlicher zu sein.
3.2.1.4 Sonstige Unterkünfte
- Charlottenstraße 7
Die Adresse wird in der Liste der Notdienstbeorderung Zielenzig als
Wohnanschrift für einen Holländer genannt.233 Dabei scheint es sich um ein
Privathaus gehandelt zu haben.234
- Mittelstraße 4 – 6
Die Wohnadresse wird in der Zielenzig-Liste (1943/44) für einen polnischen
Arbeiter der Firma Josef Haase benannt.235 Das Wohnhaus mit dieser Anschrift
gehörte dem Spinnereibesitzer Josef Haase.236
- Frankfurterstraße 23
Auf der „Zielenzig-Liste“ findet sich die Wohnadresse „Frankfurterstr. 23“ für
zwei polnische Arbeiter der Firma Reinhold Jakeschky.237 Dieselbe Adresse
wird auch als letzter Wohnort eines polnischen Zivilarbeiters genannt, der
Ende Juni 1943, vier Tage nach seinem 26. Geburtstags, starb. Die Häuser
Frankfurter Straße 22 und 23 waren zuvor die „Herberge zur Heimat“ sowie
das Mädchenwaisenhaus gewesen.238 Das Grundstück Frankfurter Straße 22
wurde 1935 als Sitz des Vereins zur Unterhaltung der Waisenhäuser239 geführt.
Im Juli 1941 gab es Gespräche zwischen dem Forster Oberbürgermeister und
Superintendent Kriebel zur Übernahme kirchlicher Einrichtungen an den NSV,
zu den auch das Mädchenwaisenhaus Frankfurterstr. 22 gehörte.240 Später
befand sich dort das Internat der Kinderpflegerinnenschule, weshalb im April
1943 eine Entwesungsanlage des Landesschützen-Batl. 314 auf Kosten der
Stadt auf ein anderes städtisches Grundstück verlagert werden sollte.241
Reichsarbeitsdienstlagers und des Sportplatzes in Eulo mit dem Grafen Brühl, dem Reichsarbeitsdienst und dem
Turnverein [TV 1861 Forst, Hammer-Groeschke-Platz] abgeschlossen worden sind.“
233 StadtA Forst, 3037 (A1984), Bl 44, Notdienstbeordnung „Zielenzig“
234 Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie- und Handelsstadt Forst-Lausitz, 1935, S. 63
235 StadtA Forst, 3037, Bl. 67
236 Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie- und Handelsstadt Forst-Lausitz, 1935, S. 120
237 StadtA Forst, 3037, Bl. 69
238 KreisA SPN, Unterlagen der Baupolizeibehörden zu Frankfurter Straße 22 und 23 (Unterlagen sind nach
Adresse geführt)
239 Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie- und Handelsstadt Forst-Lausitz, 1935
240 StadtA Forst, A 2957, o. Bl., mit Datum vom 25. und 26.7.1941
241 StadtA Forst, 2104, Dezernenten- und Bürgermeister-Sitzungen 1936 – 1945, Protokoll vom 15.4.1943
- Berliner Straße
Eine Ausländerunterkunft, vermutlich für Belgier, gab es im Februar 1945 in
der Berliner Straße. Zumindest wurde einem Wallonen aus dem
Bereitschaftslager Scheuno-Ost der Besuch von „Kameraden in der
Berlinerstrasse“ gestattet. Ob es sich dabei um eine private oder eine
Sammelunterkunft handelte, ist unklar. Eine Hausnummer wurde nicht
genannt.242
- Schützenstraße 13
Auf der „Zielenzig-Liste“ wird die „Schützenstr. 13“ als Wohnadresse eines
polnischen Arbeiters der Firma Richard Naumann KG erwähnt.243 Eigentümer
des Grundstücks waren die Els.-Bad. Wollfabriken.244
- Karlstraße 10
Auf der Zielenzig-Liste wird das Wohn- und Geschäftshaus245 „Karlstr. 10“
als Wohnanschrift für einen Polen angegeben, der bei der Firma Heinrich
Schwiegk beschäftigt war, aber von der Zielenzig-Liste gestrichen wurde.246
Knapp vor dem dritten Geburtstag war dort im August 1942 ein Junge mit dem
gleichen Familiennamen gestorben,247 was auf die Unterbringung zumindest
einer Familie schließen lässt.
- Gubener Straße 40
Auf der Zielenzig-Liste wird der Wohnort eines polnischen Hilfsarbeiters der
Firma Hänsel & Co mit Gubener Straße 40 angegeben.248 Die Firma hatte im
Juni 1942 den Abriss des dortigen Wohnhauses und Stalls wegen Baufälligkeit
beantragt und dies unter anderem mit Gefahren für den allgemeinen Verkehr
begründet. Entsprechend einer handschriftlichen Notiz der Baupolizei sollte die
„Zustimmung des Arbeitsamtes“ eingeholt werden. Außerdem sei zu klären,
242 Besuchsausweis (Kopie), in Besitz von Hans-Joachim Schulz, Forst
243 StadtA Forst, 3037, Bl. 72
244 Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie- und Handelsstadt Forst-Lausitz, 1935, S. 152, es handelte sich
um die Forster Filiale der Elsaß-Badischen Wollfabriken AG (Kehl a. Rhein), die ihren Sitz in der Amtstraße 13
und ein größeres Fabrikgelände an der Richard-Wagner-Straße 17/21 (heute Brachfläche) hatten. Nach den
Angaben eines zeitgenössischen Stadtplanes musste sich die Wohnanschrift auf dem Gelände in der
unmittelbaren Umgebung der Fabrik befinden, wo heute ein Garagenkomplex steht (Foto in der Anlage)
245 Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie- und Handelsstadt Forst-Lausitz, 1935
246 StadtA Forst, 3037, Bl. 91
247 Beerdigungsverzeichnis des Hauptfriedhofes für Kinder bis vier Jahren sowie Nr. 566 aus 1942 aus dem
Sterberegister der Stadt. Dort ist die Nationalität des Kindes allerdings nicht aufgeführt.
248 StadtA Forst 1984 Bl 66
„ob die Räume als Notunterkunft für ausländische Arbeitskräfte Verwendung
finden könnten“.249
- Bahnhofstraße 55
Ein in Russland geborener Zweijähriger, der im Dezember 1943 starb, wurde
zuletzt unter dieser Adresse geführt. 250 Es handelte sich um ein
Mehrfamilienhaus in Privatbesitz.251
- Muskauer Straße 7 – 11
Für einen polnischen Arbeiter, der kurz vor seinem 26. Geburtstag im Juni
1944 starb, ist als Adresse die Muskauer Straße 7 – 11 angegeben.252 Dort
befand sich 1935 das Kontor und der Lagerplatz von Max Kiesling.253
- Frankfurter Straße 54
Auf der „Zielenzig-Liste“ wird ein Mitarbeiter der Firma Louis Schulze
namens Anton Kozlowski aufgeführt, der in der „Frankfurter Str. 54“ wohnt.
Ob der Genannte Ausländer war, ist allerdings offen gelassen.254 Das
Grundstück gehörte der Stadtgemeinde Forst. Dort war der städtische Fuhrpark
untergebracht, dazu noch mehrere Wohnungen, wo der Genannte zumindest
1935 noch nicht wohnte.255 Etwa 50 bis 100 Meter entfernt (auf der anderen
Straßenseite in Richtung Krankenhaus) deuten Zaunpfähle, wie sie am Lager
Turnhalle Noßdorf und am RAD Hammer-Groeschke-Platz bestanden haben,
auf eine eventuelle Lager-Umfriedung hin.
3.3
Arbeitseinsatz
Bereits im November 1939 klagten fast alle Innungsvertreter in der
Stadt Forst über einen zunehmenden Personalmangel.256 Beim nächsten
Treffen mit Fachgruppenleitern des Einzelhandels im Mai 1940 nahm
Oberbürgermeister Friedrich vorweg, „dass Hauptgegenstand aller Klagen der
249 KreisA Forst, Baupolizeiunterlagen, 107, für das Grundstück Gubener Straße 40, nach dem Abrissantrag
wurde nichts weiteres vermerkt. Erst für 1949/51 sind wieder Unterlagen zu einem Antrag zum Ausbau des
„Schuppens“ als Wohnhaus vorhanden.
250 Angaben aus dem Beerdigungsregister des Hauptfriedhofes für Kinder bis vier Jahre sowie Angaben aus dem
Sterberegister, Nr. 872 aus 1943
251 Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie- und Handelsstadt Forst-Lausitz, 1935, S. 51
252 Beerdigungsregister des Hauptfriedhofes Forst sowie Sterberegister des Standesamtes, Nr. 516 aus 1944
253 Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie- und Handelsstadt Forst-Lausitz, 1935
254 StadtA Forst, 3037, Bl. 96, im Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie- und Handelsstadt Forst-Lausitz,
1935, wird der Familienname nicht erwähnt
255 Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie- und Handelsstadt Forst-Lausitz, 1935, S.78
256 StadtA Forst, 3235, Bl. 21, Besprechung des Oberbürgermeisters mit den Fachgruppenleitern des
Einzelhandels am 16.11.1939
fühlbare Personalmangel sein werde. Von Seiten der Ortspolizeibehörde sei er
aus diesem Grunde schon weitgehend allen berechtigten Wünschen bei
Reklamationen entgegengekommen.“257 Von einem Ausländereinsatz im
Handel war keine Rede.
Ab dem Jahresende 1940 nahm die Zahl der geflüchteten polnischen
Zivilarbeiter im Regierungsbezirk Frankfurt (Oder) zu, während der Anteil der
Ergriffenen proportional sank. Von 257 im November 1940 Geflüchteten
konnten noch 145 gefasst werden. Im Dezember verschwanden 378 Polen, von
denen nur weniger als ein Drittel (110) wieder aufgegriffen wurden, im Januar
1941 galten 575 Polen als arbeitsflüchtig, von denen nur noch 89 gefasst
wurden, was die Gestapo Frankfurt erklärte mit „verschiedenartige[r]
Handhabung der polizeilichen Kontrollen an der hiesigen Polizeigrenze ab 15.
Dezember 1940“.258 Der Oberpräsident schätzte im März 1941 die Zahl der
flüchtigen Polen im Bezirk auf etwa 3000 und sah als Motiv: „Offenbar hat in
der Zeit vor Weihnachten die Verweigerung des ursprünglich zugesagten
Urlaubs wesentlich dazu beigetragen, die Polen zur Flucht zu bewegen.“259 Das
Arbeitsamt Forst bezifferte die Zahl der flüchtigen polnischen Arbeitskräfte
zwischen dem 1.12.1940 und dem 24. April 1941 auf insgesamt 69.260 Dabei
handelte es sich um Polen, die aus dem Heimurlaub nicht zurückgekehrt waren.
Wesentlich gravierender war die „Abwanderung von polnischen Zivilarbeitern
aus dem Gewerbe“. „Hier geht die Zahl in die 100te“, schätzte das Arbeitsamt
Forst ein.261 Bereits am 5. April 1941 hatte der Sorauer Landrat die
Staatspolizeileitstelle in Frankfurt (Oder) darüber informiert, dass sich in den
Bereichen der Gruppenposten Teuplitz und des Gend.Einzelpostens Kemnitz
„unter den polnischen Arbeitskräften eine gewisse Arbeitsunlust bemerkbar
macht, die vermutlich auf die Urlaubssperre zurückzuführen ist“.262 Der
Landrat schlug vor, die Gottesdienste für Polen – vor allem in Teuplitz - in
größeren Zeitabständen stattfinden zu lassen, da die Polen dort die Gelegenheit
257 StadtA Forst, 3235, Bl. 25, Besprechung des Oberbürgermeisters mit den Fachgruppenleitern des
Einzelhandels am 24.5.1940. Der Oberbürgermeister wies lediglich darauf hin, dass es sich kaum vermeiden
ließe, dass jüngere Jahrgänge eingezogen würden, „die hier nur schwer entbehrt werden könnten. Auf der
anderen Seite kämen ja auch dafür ältere Jahrgänge zur Entlassung“, heißt es im Protokoll.
258 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 345
259 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 347
260 KreisA Zary, 1282, Bl. 159, Brief des Arbeitsamtes Forst vom 24. April 1941 an den Landrat in Sorau.
Probleme gab es bei der Rückführung u.a. wegen der Frage der Kostenübernahme. Man rechnete damit, etwa 50
Polen wieder zurückführen zu können.
261 KreisA Zary, 1282, Bl. 160
262 KreisA Zary, 1282, Bl. 149
nutzten „ihre Meinungen untereinander auszutauschen und sich gegenseitig
aufzuhetzen“.
3.3.1
Deutsche Sprengchemie Forst
Bereits Anfang 1936 hatte die IG Farben eine Teilbetriebsverlagerung
nach Forst abgelehnt.263 Im Jahr 1939 berichtete Oberbürgermeister Friedrich
über Verhandlungen mit dem Grafen von Brühl „über den Erwerb des
Geländes, das für die Wehrmachtsbauten bestimmt ist sowie von der Absicht,
einen Geländestreifen südlich der Chaussee Forst – Pförten bis zur
Eisenbahnlinie anzukaufen“.264 Der Kaufvertrag zumindest für die Bereiche
„beiderseits der Kunststraße“ scheint im September 1939 abgeschlossen
worden zu sein.265 Im gleichen Jahr begannen die Bauarbeiten. Ende Mai 1941
war der Bau soweit fertiggestellt, dass die Fertigung von Nitroglyzerinpulver in
einer Abteilung anlaufen konnte und ein Antrag auf Erklärung zum
Wehrwirtschaftsbetrieb gestellt wurde.266 Beim Bau wurden auch Tschechen
und Polen bei privaten Baufirmen eingesetzt.267 Auch nach Beginn der
Produktion im Bereich des Werkes I liefen die Bauarbeiten im Bereich des
Werkes II bis 1945 weiter.268 Im April 1940 fehlten der Sprengchemie Forst
885 Arbeiter.269 Im März 1941 wurde der sofortige Arbeitskräftebedarf für das
Heeresbauvorhaben Scheuno mit 560 Personen angegeben.270
Die Deutsche Sprengchemie GmbH (DSC) gehörte zur Westfälisch-
Anhaltinischen Sprengstoffactiengesellschaft (WASAG) und damit zur IG
Farben.271 Die WASAG-Tochtergesellschaft DSC errichtete, pachtete und
263 StadtA Forst, A2104, Mitschrift der Dezernenten-Besprechung vom 17.3.1936
264 StadtA Forst, A2104, Beigeordnetensitzung 27.4.1939
265 StadtA Forst, A2104, Beigeordnetensitzung 14.9.1939: „Mit dem Abschluss des Kaufvertrages mit dem
Grafen von Brühl über das Gelände beiderseits der Kunststraße nach Pförten erklärten [sich] die Anwesenden
grundsätzlich einverstanden.“
266 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl 79, Eintrag von 26.5.1941
267 StadtA Forst, A2072, Brief des Forster Bauunternehmers Wilhelm Schulz an die Stadt Forst, worin er sich
dazu äußert, dass nach August 1939 126 Arbeitskräfte eingezogen wurden. „Es wurden dann die Arbeitskräfte
dringend für kriegswichtige Arbeiten in Scheuno benötigt. Es wurden sogar 36 tschechische Maurer mir vom
Arbeitsamt zugeteilt und später noch 95 polnische Arbeiter.“
268 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil II, Forst, 1996, hier verwendet der Nachdruck von 1999, S. 32f
269 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 21
270 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 71 RS, Eintrag vom 31.3.1941
271 Fischer, Wolfram: WASAG – Die Geschichte eines Unternehmens 1891 – 1966, Essen, 1966, S. 106. Die
Deutsche Sprengchemie GmbH wurde 1934 gemeinsam von der Dynamit AG und der WASAG gegründet, 1936
ganz von der WASAG übernommen. Hauptaktionär der WASAG wiederum war die IG Farben über die
Ammoniakwerke Merseburg GmbH (52,1 Prozent), die Deutsche Länderbank AG (7,2 Prozent) und die Dynamit
AG (5 Prozent), ebenda, S. 94
betrieb Rüstungsfabriken im Auftrag der reichseigenen
Verwertungsgesellschaft für Montan-Industrie mbH.272 Zu den acht DSC-
Werken273, die auf diese Weise gebaut wurden, gehörte auch das Werk in
Forst, das aber zu den kleinsten zählte.274 Drei Monate nach Produktionsbeginn
wurden etwa 400 Tonnen Pulver monatlich bei einer Höchstleistung von 550
Moto275 bei vollbesetzter zweiter Schicht produziert. Von dieser
Mengenangabe ausgenommen waren Flak- und Blättchenpulver.276
Der Anteil der ausländischen Arbeiter dürfte in den letzten
Kriegsmonaten überwogen haben.277 Genaue Angaben dazu gibt es nicht.278
Berichte, wonach zwischen 1940 und 1945 „etwa 600 Bürger der Staaten
Westeuropas, vorwiegend Franzosen, über 1000 Polen, etwa 3000 Russen,
Ukrainer und Juden“ in der DSC Forst gearbeitet haben, konnten ebenso wenig
überprüft werden wie die Zahl von „über 2000“ Zwangsarbeitern die „aufgrund
von Erschöpfung, Hunger und der Infektionskrankheiten“ gestorben seien.279
Offenbar wurden nicht nur Bewohner des eigenen Lagers, sondern auch aus
Unterkünften in der Stadt, wie zum Beispiel aus dem Lager Muskauer Straße,
in der Sprengchemie eingesetzt.280 Seit November 1941 stand für den
Transport auch eine provisorische Werksbahnanlage für die
Mitarbeiterbeförderung zur Verfügung.281
272 ebenda, S. 106f. Die Verwertgesellschaft – also der Staat – stellte die Investitionsmittel zur Verfügung und
war Eigentümerin der Produktionsgelände. Die Industrie betrieb die rein militärisch geforderten Werke, in denen
militärisches Pulver, seit 1942 auch Granatfüllungen und Sprengladungen, produziert wurden. Die DSC zahlte
einen Pachtzins, der zwischen einem Drittel und der Hälfte des Betriebsgewinns lag.
273 ebenda, S. 107, seit 1937: Klietz über Schönhausen und Moschwig bei Bad Schmiedeberg; seit 1939:
Oderberg/Mark; seit 1940 Kraiburg/Inn und Torgelow/Pommern; seit 1942: Forst (Lausitz), Geretsried bei
Wolfrathshausen/Oberbayern und Dreetz bei Neustadt/Dosse.
274 ebenda, S. 151; Die Werke Forst und Dreetz produzierten 1942 (Stand: 1. April) 700 Moto Pulver, Moschwig
775 Moto. Oderberg (1300 Moto), Kraiburg (1450 Moto), Klietz (1350 Moto) und Torgelow/Pommern (1500
Moto) hatten jeweils eine doppelt so hohe Produktion wie Forst.
275 Moto = Monatstonnen
276 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintrag vom 5.11.1941
277 Fischer, Wolfram: WASAG – Die Geschichte eines Unternehmens 1891 – 1966, Essen, 1966, S. 165; So
waren von 4500 Betriebsarbeitern im Werk Elsnig im Frühjahr 1945 insgesamt 55 Prozent Ausländer, von den
2500 Bauarbeitern waren 80 Prozent Ausländer.
278 Bereits während des Krieges wurde die WASAG mit der Aufteilung in einen militärischen und einen zivilen
Teil auf die Nachkriegszeit vorbereitet, wie Fischer ausführlich beschreibt. In seinem im Auftrag der WASAG-
Chemie AG herausgegebenen Buch wird auf Forst nicht weiter eingegangen. Auch der Ausländereinsatz an sich
wird nur am Rande erwähnt. Anfragen wurden bereits 2001 von der WASAG-Chemie AG ignoriert. Mittlerweile
ist durch wirtschaftliche Fusionsprozesse die H&R WASAG AG entstanden, die ebenfalls Anfragen ignorierte.
279 Majchrzak, Jerzy Piotr: Miasto ze Złotym lwem w herbie, Zary, 1998, S. 196; auch auf mehrmalige Anfrage
nach den Quellen für diese Zahlen und andere Angaben zum DSC-Werk Forst reagierte der Autor nicht. Die
Angaben sind demzufolge weder verifizier- noch widerlegbar.
280 Zeitzeugenbericht Nummer 3, im Anhang, und Forster Wochenblatt vom 1. Oktober 1993, S. 9
281 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 93, Eintrag vom 8.11.1941
Neben der Explosionsgefahr drohten Mitarbeitern Vergiftungen. So
geht aus den Unterlagen der Ernährungs- und Wirtschaftsämter hervor, dass
„Vollmilchzulage für giftgefährdete Arbeiter mit Genehmigung des Gew.A. in
Form von Milchkarten ausgegeben, und für etwa 300 Arbeiter der DSC in
Form von Bezugscheinen (...)“ ausgereicht wurde.282 Ob dies auch für
Ausländer galt, blieb offen.
Im April 1941 wurden für Bauarbeiten (Kabelverlegung) in der
Sprengchemie Forst bei der Berliner Firma Maximilian Bernard 20
Kriegsgefangene beschäftigt.283 Weitere, bisher bekannte Arbeitsbereiche
waren der Materialtransport innerhalb des Werkes durch Kriegsgefangene,284
der Schnitt der Pulverstangen durch deutsche Frauen und Ostarbeiterinnen,285
französische Kriegsgefangene als Heizer auf werkseigenen Lokomotiven286
sowie Belgier an den Pulverdeckenwalzen.287 Polnische Zivilarbeiter wurden
bereits beim Bau der Wasser- und Abwasserleitungen durch die „Gawa-Bau“
Berlin-Charlottenburg eingesetzt.288 Im Mai 1942 wurden der Deutschen
Sprengchemie für Forst 100 männliche und 60 weibliche Arbeitskräfte aus
Italien angeboten. Die DSC Forst teilte aber mit, dass sie keinen Bedarf an den
Italienerinnen habe, weil aus der stillgelegten Textilindustrie jede gewünschte
Zahl an Frauen zur Verfügung stünde. Allerdings könnten die 100 männlichen
Arbeitskräfte aus Italien eingesetzt werden.289 Anfang März 1942 kamen 150
männliche russische Zivilarbeiter zur DSC Forst.290 Die deutschen Vormänner
bei Russenkolonnen waren als Fachkräfte beziehungsweise Schlüsselkräfte vor
Einberufungen geschützt.291 Selbst eine Überprüfung zur Freimachung von
Schlüsselkräften zur Einberufung hatte im November 1942 keinen Erfolg, da
die Zahl der Schlüsselkräfte äußerst gering war.292
282 StadtA Forst, A2065, (Wirtschaftsamt), Bl. 9
283 StadtA Forst, 3261, Bl. 9
284 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil I, Forst, 1996, hier verwendet der Nachdruck von 1999, S. 23
285 ebenda, S. 23f.
286 ebenda, S. 31
287 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil II, Forst, 1998, S. 13
288 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil I, Forst, 1996, hier verwendet der Nachdruck von 1999, S. 34f
289 BArch-MA, RW 21-20/2, Einträge vom 8.5.1942 und 9.5.1942
290 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 115, Eintrag vom 3.6.1942
291 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 119, Eintrag vom 22.7.1942
292 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 147, Eintragung vom 20.11.1942
Das Gelände war offenbar geologisch nicht für eine Produktion in
diesen Ausmaßen geeignet. Kritik und Zweifel am Ausmaß des anzuzapfenden
Grundwassers gab es 1940 selbst im Regierungspräsidium, aber auch bei der
Forster Brauerei Achilles.293 Bereits im Juli 1944, also etwa zwei Jahre nach
der Inbetriebnahme, wandte sich die Deutsche Sprengchemie an die
Landesanstalt für Wasser-, Boden und Lufthygiene, weil der
„Grundwasserstand seit Inbetriebnahme um 1,80 bis 1,90 Meter gefallen“ war.
3.3.2
Stadtverwaltung Forst
Mitte des Jahres 1941 wurden von der Stadtverwaltung Forst 25
Kriegsgefangene beschäftigt, aber keine weiteren Ausländer und keine
Juden.294 Über die Aufgaben der Kriegsgefangenen ist nichts bekannt.
Offenbar griff die Stadtverwaltung auch auf ausländische Arbeiter von
Unternehmen zurück. So wurden im Januar/Februar 1941 nachweisbar 14
polnische Arbeiter des Tiefbauunternehmens Arthur Becker im Gas-
beziehungsweise im „Eltwerk“ (Elektrizitätswerk) der Stadt beschäftigt. Der
gezahlte Stundenlohn hat --,60 RM betragen.295 Daneben wurden Ausländer in
mehreren städtischen Einrichtungen beschäftigt.
- Gaswerk
Im Februar 1944 wurden im Forster Gaswerk sechs Ostarbeiter beschäftigt, die
für eine Prämie für gute Leistungen und Treue vorgeschlagen wurden. Die
entsprechende Verordnung wurde allerdings bereits am 25. März 1944 wieder
aufgehoben. Ob die Prämie ausgezahlt wurde, ist offen.296
- Forster Verkehrsbetriebe297 / Forster Stadteisenbahn
Insgesamt wurden im Februar 1944 bei den Verkehrsbetrieben 15 Ostarbeiter
beschäftigt, von denen mindestens zehn seit dem 21.6.1942 dort tätig waren
293 BLHA Pr. Br. Rep. 31 B 684, wg. Wasser/Abwasser DSC Scheuno. Nach einer Bekanntmachung im Forster
Tageblatt, dass entsprechende Wasserentnahme- und Einleitungsrechte beantragt wurden, gab es Einsprüche
eines Ehepaares aus Scheuno, des Ortsbauernführers sowie von Amtsvorsteher, Bürgermeister und 1.
Beigeordneten aus Groß Bademeusel. Um die Ergiebigkeit ihrer eigenen Brunnen fürchteten die
Reichsbahndirektion Halle und die Forster Brauerei Achilles. Aber auch im Regierungspräsidium schien man
Zweifel über die Auswirkungen zu haben und verglich, dass die erwünschte Grundwassermenge dem Verbrauch
einer Stadt von 120.000 bis 150.000 Einwohnern entspräche.
294 StadtA Forst, A2057
295 StadtA Forst, 3081 (A2020), Bl. 66
296 StadtA Forst, 3033, Bl. 9
297 StadtA Forst, 3075, Bl. 181, Die Forster Verkehrsbetriebe wurden im April 1940 gegründet und bestanden
aus der Stadteisenbahn, dem Forster Speditions- und Lagerhaus sowie dem städtischen Autoverkehr.
und für die Zahlung einer Prämie vorgeschlagen wurden. Fünf der Ostarbeiter
unterstanden personell dem Tiefbauamt der Stadt.298
- Fahrbereitschaft
Im September 1942 wurden der Stadtgemeinde 40 russische Kriegsgefangene
überwiesen, von denen bis zu 35 vom Fahrbereitschaftsleiter auf Anforderung
als Be- und Entladekolonne eingesetzt wurden.299
- Müllabfuhr
Bei der Müllabfuhr der Stadt wurden im Februar 1944 mindestens zwei
Ostarbeiter beschäftigt.300
3.3.3
Textilindustrie
In der Fachgruppe Tuch- und Kleiderstoffindustrie waren Firmen
zusammengeschlossen, deren russische Zivilarbeiter offenbar in einem
städtischen Lager gemeinsam untergebracht waren, wie aus Rechnungen der
Stadtverwaltung für Verpflegung und Unterkunft hervorgeht. 301 Der
Arbeitseinsatz von Ausländern zeigt Unterschiede, was Dauer und Umfang der
Beschäftigung von Ostarbeitern in einzelnen Unternehmen angeht. Waren im
Juli 1942 noch 22 männliche Ostarbeiter in 21 Unternehmen beschäftigt,
stiegen insbesondere ab Jahresmitte 1943 die Zahlen. Im September umfasst
die Liste mittlerweile 36 Unternehmen, die 32 weibliche und 17 männliche
Ostarbeiter beschäftigten.
Am 15. Oktober 1943 entschieden Rüstungs- und
Wirtschaftsdienststellen, Wirtschaftsgruppen, DAF sowie weitere Beteiligte
unter anderem: „Textilbetriebe weben ab, dann Stillegung.“ Trotzdem wurde in
einzelnen Fabriken in bescheidenerem Umfang weiter produziert.302 In wie
weit dass auch in Forst zutrifft, müsste noch gesondert betrachtet werden. Als
Standorte für aus Berlin verlagerte Rüstungsbetriebe wurden im August 1943
die Tuchfabriken Hugo Pürschel (Werk II), Högelheimer und Paul Altner
genannt.303 Teilweise sollen einzelne Fabriken aber bis zu 40 Prozent ihrer
298 StadtA Forst, 3033. Bl. 9 RS
299 StadtA Forst A2702, Bl. 10
300 StadtA Forst, 3033, Bl. 9 Rückseite
301 StadtA Forst, 5307 (A2702), Bl. 31
302 Eichholtz, Dietrich: Rüstungswirtschaft und Arbeiterleben am Vorabend der Katastrophe; in: Eichholtz,
Dietrich (Hg.) und Püschel, Almuth: Verfolgung, Alltag, Widerstand - Brandenburg in der NS-Zeit, Berlin,
1993, S. 67
303 ebenda, S. 66/67
Flächen für die Einlagerung ihrer Maschinen behalten und teilweise auch für
Produktionen genutzt haben.304 Bei Pürschel (Werk II) und Högelheimer
wurden im August 1943 die Berliner Apparatebau Ges. Neumann & Borm, in
der Tuchfabrik Altner (Am Keuneschen Graben 4) die Firma Franz Rasemann
(Elektro-Akustische Ger.) untergebracht. Launsch & Reiher (Rich.-Wagnerstr.)
war Verlagerungsstätte für die Berliner Klangfilm GmbH.305 Nach Angaben
der Rüstungsinspektion wurde etwa ein Drittel der Fläche in den Tuchfabriken
zum Unterstellen der Maschinen benötigt; die Unterbringung der Mitarbeiter
machte zusätzliche Probleme.306 Im September wurden die Berliner
Telefonbau, Normalzeit GmbH in die Räume der Tuchfabrik Philipp Sauer
(Heinrich-Werner-Str. 10) und die Maschinen- und App.- Fabrik Armin Tenner
in die Räume der Firma Richard Roick verlagert.307 Gleich in drei
Fabrikstandorte wurde Mix & Genest aus Berlin im September 1943 verlagert.
Die Tuchfabrik Theodor Gieschke (Kaiser-Wilhelm-Straße 4) wurde im
September 1943 Verlagerungsstandort für die Norddeutschen Kabelwerke aus
Berlin-Neukölln.308 Im Februar 1944 sollte die gesamte Produktion von
Hochfrequenzkabeln nach Forst verlegt werden, wo zusätzlicher Raumbedarf
gesehen wurde.309 Die Berliner Molkereieinrichtungsfirma Werner Reyher
wurde im Oktober 1943 in die Färberei Forst AG verlagert.310
Aus den Rechnungsunterlagen der Stadt an die Fachgruppe311 lässt sich
entnehmen, dass in folgenden 48 Unternehmen der Fachgruppe Ostarbeiter
eingesetzt wurden:
Adolf Noack, Adolf Wenzel, Adolph Grass Nachflg., Alwin & Otto
Hampe, Artur Eichelmann, C. Ungers Ww., C.O. Ditschke, Carl Gustav Eltze,
Els.-Bad. Wollfabriken, Ernst Fechner, Färberei Forst AG, Franz Mrose,
Friedrich Schmidt KG, Fritz Fabian, Fritz Preusse & Sohn, Gebr. Eberle,
Gottlieb Noack, Hans Apitz, Hänsel & Co, Heinrich Brehmer, Hermann
Bergami, Hermann Renner, Hugo Pürschel, Julius Voige & Söhne, Kern &
Brehmer, Krüger & Mielke, Louis Schulze, Matzdorff & Schöneich, Max
304 ebenda, S. 68, mit Verweis auf Berichte der Rüstungsinspektion III aus dem III. Quartal 1944, damals BA
Potsdam, heute BArch-MA Freiburg
305 BArch-MA, RW 21-20/6, Bl. 32, Eintragung vom 1.8.1943
306 BArch-MA, RW 21-20/6, Bl. 33, Eintragung vom 1.8.1943
307 BArch-MA, RW 21-20/6, Bl. 49, Eintragung vom 22.9.1943
308 BArch-MA, RW 21-20/6, Bl. 51, Eintragung vom 22.9.1943
309 BArch-MA, RW 21-20/8, Bl. 30
310 BArch-MA, RW 21-20/7, Bl. 17, Eintragung vom 30.10.1943
311 StadtA Forst, 5307 (A2702)
Ditschke, Max Lerke, Max Schneider, Otto Strauch Nachflg., Paul Ditschke,
Paul Högelheimer, Paul Müller, Paul Schmidt, Reinhold Jackeschky, Reinhold
Nater, Reissereibes. R. C. Oesterreich, Richard Kochan, Richard Neumann,
Richard Schmolke, Robert Cattien, Schneider & Duch, Theodor Gieschke, W.
Liefke, Werner & Klemm, Wuschack & Wilke.
Für einige der Firmen finden sich auch an anderen Stellen Hinweise für
die Beschäftigung von Ausländern:
- Firma Fritz Preuße & Sohn
Auf der Zielenzig-Liste wird 1944 ein polnischer Mitarbeiter erwähnt, hinter
dessen Namen handschriftlich ein Fragezeichen versehen ist.312
- Gebrüder Eberle
Auf der Zielenzig-Liste wird ein Holländer genannt, der bei der Firma
Gebrüder Eberle arbeitete.313
- Hänsel & Co
Auf der Zielenzig-Liste werden zwei polnische und ein italienischer
Mitarbeiter benannt, wurden aber handschriftlich gestrichen.314 In einigen
Räumen der Firma sollte 1943 die Schweißtechnische Lehr- und
Versuchsanstalt aus Friedenau unterkommen,315 musste aber in die Tuchfabrik
Neubarth umziehen, weil die Deutsche Vergasergesellschaft Berlin die Hänsel-
Fabrik für Fertigungszwecke benötigte.316
- Firma Carl Gustav Eltze, Schlossplatz 7
Auf der Zielenzig-Liste wird ein italienischer Zivilarbeiter geführt, der als
Spinnereiarbeiter tätig war.317
- Firma Reinhold Jakeschky
Auf der Zielenzig-Liste werden zwei polnische Mitarbeiter benannt, die
handschriftlich von der Liste gestrichen wurden.318
- Richard Naumann KG
Auf der Zielenzig-Liste wird ein polnischer Arbeiter geführt.319
312 StadtA Forst, 3037 (A1984), Bl. 62, Notdienstbeordnung „Zielenzig“
313 StadtA Forst, 3037 (A1984), Bl 44, Notdienstbeordnung „Zielenzig“
314 StadtA Forst, 3037, Bl. 66
315 BArch-MA, RW 21-20/5, Bl. 15, Eintragung vom 8.4.1943
316 BArch-MA, RW 21-20/5, Bl. 46, Eintragung vom 22.6.1943
317 StadtA Forst, 3037, Bl. 50
318 StadtA Forst, 3037, Bl. 69
319 StadtA Forst, 3037, Bl. 72
- Julius Voige & Söhne
Auf der Zielenzig-Liste wird ein Ostarbeiter geführt, der als Anleger bei der
Firma beschäftigt war.320
- Firma Heinrich Schwiegk
Auf der Zielenzig-Liste wird ein polnischer Mitarbeiter der Firma erwähnt.321
- Firma Robert Cattien
Auf der Zielenzig-Liste wird ein Mitarbeiter namens Wojciech Kubik geführt,
über dessen Nationalität aber nichts ausgesagt wird.322
- Firma Louis Schulze
Auf der Zielenzig-Liste wird ein Anton Kozlowski aufgeführt, über dessen
Nationalität aber nichts ausgeführt ist.323
3.3.4
Handwerk und Handel
Mit der zunehmenden Zahl der Einberufungen zur Wehrmacht wurde der
Personalbestand auch in kleineren Handwerks- und Handelseinrichtungen
problematischer. Viele mussten schließen, andere Kleinunternehmer bekamen
Fremdarbeiter zugeteilt. Konkrete Zahlen gibt es nicht. Als Beispiel ist eine
kleine Fleischerei bekannt, wo ein Franzose und später auch ein Pole
arbeiteten.324
3.3.5
Landwirtschaft
In der Anfangsphase des Krieges wurden Kriegsgefangene vor allem in der
Landwirtschaft sowie bei der Melioration eingesetzt. Eine Übersicht über den
Einsatz lässt ein Schreiben des Sorauer Landrates zum Arbeitsentgelt für
Kriegsgefangene erahnen, das an die Bürgermeister und Amtsvorsteher des
Kreises Sorau sowie an verschiedene Einzelbetriebe gerichtet war, unter
anderem an die „Genossenschaft Naundorf-Sacro, Herrn Bürgermeister Rattei
in Naundorf“. Eine Ausnahme in dieser Landwirtschaftsliste bildet die „Grube
Viktor in Kemnitz“.325 Die Lagerunternehmer hatten nach den Bedingungen für
320 StadtA Forst, 3037, Bl. 84
321 StadtA Forst, 3037, Bl. 91
322 StadtA Forst, 3037, Bl. 96
323 StadtA Forst, 3037, Bl. 96
324 Zeitzeugenbericht Nummer 3, im Anhang
325 StadtA Forst, 314, Brief des Kreisbauamtes des Kreises Sorau vom 11. Dezember 1939, betrifft:
Arbeitsentgelt für Kriegsgefangene. Zu den Adressaten gehörten neben den Bürgermeistern und Amtsvorstehern
des Kreises Sorau, die Ortsbauernführer des Kreises Sorau sowie der Graf von und zu Egloffstein in Kromlau,
Land- und Forstwirtschaft den Kriegsgefangenenarbeitskommandos freie
Unterkunft und Verpflegung zu gewähren sowie sechs Pfennig je geleistete
Arbeitsstunde zu zahlen. Dabei wurde von einem maximal neunstündigen
Arbeitstag ausgegangen. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde vom Kreisbauamt
davon ausgegangen, dass Gefangene „wegen einer meist schlechten
Ausrüstung bei ungünstiger Witterung, zumal bei durchnässtem Zeug, oft
mehrere Tage ausfallen“ werden. Die Kriegsgefangenen sollten nach einer
Zusage des Oberkommandos des Heers mindestens ein Jahr in den
Arbeitslagern des Kreises Sorau verbleiben und somit im Frühjahr, Sommer
und Herbst 1940 der Land- und Forstwirtschaft zur Verfügung stehen.326
Neben der Landwirtschaft und Meliorationsarbeiten wurden sie aber auch im
Straßenbau eingesetzt.327
Im Juni deutete sich die Entlassung der Kriegsgefangenen an, die aber als
zivile Arbeiter „am Arbeitsort und beim jetzigen Unternehmer vorläufig
weiter“ arbeiten, aber dann dem Arbeitsamt und der örtlichen Polizeibehörde
unterstehen sollten.328 Das Kreisbauamt ging am 15. Juni 1940 davon aus, dass
man den Vorteil habe, „dass die große Zahl polnischer Kriegsgefangener, 1409
Mann, als Freiarbeiter polnischen Volkstums der Landwirtschaft vermittelt
werden können“. Allgemein könne davon ausgegangen werden, dass „bis auf
wenige Zwischenfälle die Durchführung [des bisherigen Einsatzes, d.A.]
reibungslos funktionierte“.329 Welche Zwischenfälle dies konkret waren, ist
nicht bekannt. Auf jeden Fall ging man im Kreisbauamt davon aus, das der
größte Teil der von den Gemeinden und verschiedenen Landwirten
eingerichteten Arbeitslager aufgelöst werde. „Nur einige wenige Lager bleiben
für die Aufnahme von Kriegsgefangenen aus dem Westen für die Industrie und
sonstige Unternehmungen bestehen.“330
die Gräfl. von Brühl’sche Hauptverwaltung in Pförten, Herr von Mosch in Kulm, die Landwirte Oldermann –
Gut Gersdorf, Steinhardt in Eckartswalde und Schaller in Haasel sowie die Grube Viktor, Herrn Seidler im
Kemnitz und die Genossenschaft Naundorf-Sacro, Bürgermeister Rattei in Naundorf.
326 StadtA Forst, 314, Brief des Kreisbauamtes des Kreises Sorau vom 11. Dezember 1939, betrifft:
Arbeitsentgelt für Kriegsgefangene.
327 Natusch, Reinhard: Sacro, Ortschronik, Schriftenreihe der Stadt Forst, Forst, S. 47, zum Arbeitseinsatz der
Kriegsgefangenen in Sacro.
328 StadtA Forst, 314, Brief des Kommandanten des Stalag IIIB an Bürgermeister W. Woick, Sacro-Forst-Land
329 StadtA Forst, 314, Brief des Kreisbauamtes Sorau vom 15. Juni 1940 an sämtliche Lagerträger
330 StadtA Forst, 314, Brief des Kreisbauamtes Sorau vom 15. Juni 1940 an sämtliche Lagerträger
Noch am gleichen Tag kündigte man in einem Brief an das Arbeitsamt in
Forst die Absicht an, „folgende Arbeiten mit Gefangenen aus dem Westen
weiter fortzuführen
1.) Ländl. Wegebau Guschau
30 Westgefangene
2.) Genossenschaft Naundorf-Sacro 50 ’’ ’’
3.) Melioration Kl. Jamno
50 ’’ ’’
4.) Wegebau Gebersdorf – Kemnitz 25 ’’ ’’
“
Zwei der vier verbleibenden Maßnahmen sollten also im direkten
Umfeld der Stadt Forst bleiben (Naundorf-Sacro, in Sacro, und Klein Jamno, in
Simmersdorf). Die Beibehaltung der bisherigen Lager der Stadt Gassen, der
Lagergemeinde Sacro, der Lagergemeinde Simmersdorf und des Lagers Grube
Viktor in Kemnitz waren bereits geklärt.331 Im Februar 1941 wurden die
Aufgaben der Kriegsgefangenenkommandos Sacro und Simmersdorf
konkretisiert. Die Insassen des Lagers Sacro wurden im Gebiet des Wasser-
und Bodenverbandes Naundorf-Sacro „zur Herstellung von Vorflutgräben und
Entwässerungseinrichtungen“ eingesetzt, die Insassen des Lagers Simmersdorf
im Gebiet des Klein Jamnoer Teiches „zur Moorkultivierung und Herstellung
von Entwässerungseinrichtungen, Gräben usw.“.332 Die Genossenschaft Sacro
war auf billige Arbeitskräfte angewiesen.333 Im August 1943 wurde das
Vorhaben konkreter, dass die Julius Pintsch KG die stillgelegte Fabrik in der
Nähe des Simmersdorfer Bahnhofes für Reichsbahnfertigungen nutzen sollte.
Bis dahin war es für die Lagerung von Einrichtungsgegenständen für Baracken
des OKH genutzt worden.334 Später wird die Verlagerung der Julius Pintsch
KG in die Forster Tuchfabrik Gustav Avellis erwähnt.335
Konkrete Daten für die Zahl der in der Landwirtschaft eingesetzten
Ausländer in der Stadt Forst konnten bisher nicht gefunden werden. In
Privatbesitz befindet sich eine Übersicht über die bei Bohrauer Bauern
331 StadtA Forst, 314, Brief des Kreisbauamtes Sorau an das Arbeitsamt in Forst vom 15. Juni 1940
332 StadtA Forst, 314, Brief des Kreisbauamtes Sorau an die Kriegsgefangenenlohnabrechnung der
Kommandantur des Stalag IIIB in Fürstenberg vom 15. Februar 1941. Durch den Hinweis, dass „die
Meliorationsarbeiten eng mit der Landwirtschaft verbunden sind und die Arbeiten in der Hauptsache für
Kleinlandwirte ausgeführt werden“, erhoffte man sich die günstigere Abrechnung nach den Bestimmungen für
die Land- und Forstwirtschaft.
333 BLHA Pr.Br. Rep. 31 B, Bl. 699
334 BArch-MA, RW 21-20/6, Bl. 29, Eintragung vom 27.8.1943
335 BArch-MA, RW 21-20/7, Bl. 17,Eintragung vom 30.10.1943
eingesetzten Ausländer.336 Allerdings ergeben sich aus vorliegenden
Aktenfragmenten Rückschlüsse auf den Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft.
Demnach standen einem Bauernhof mit 35 Morgen „höchsten 2 ausländische
Arbeiter als Gesinde“ zu. „Im Normalfall können auf 50 – 75 Morgen 1 –2
ausländische Arbeiter als Gesinde angerechnet werden. Es müssen dann die
Eigentümer des Hofes voll arbeitsfähig sein“, erklärte der Oberpräsident der
Provinz Mark Brandenburg im September 1943. In einem konkreten Forster
Fall stimmte er aber einer Ausnahme zu, da der 78-jährige Landwirt maximal
noch in der Lage sei, Aufsicht zu führen. „Unter diesen Voraussetzungen lässt
es sich verantworten, die 3 beschäftigten Arbeitskräfte als Gesinde anzusehen.“
Es liege ein Sonderfall vor, auf den Berufungen nicht zu befürchten seien.337
Der Landrat von Sorau nannte für den Kreis genaue Zahlen, der
vermittelten polnischen Zivilarbeiter zwischen dem 1. September 1939 bis zum
31. März 1941:
Poln. Zivilarbeiter
poln. Zivilarbeiterinnen
Landarbeiter
1454
360
Industriearbeiter
1204
45
Sonstige Berufe
171
keine338
__________________________________________________________
gesamt
2829
405
Insgesamt arbeiteten (abzüglich der Geflüchteten) also bereits 3234
Polen im Bereich des Kreises Sorau. Zahlen für den landwirtschaftlichen
Einsatz im Bereich des Stadtkreises Forst sind nicht bekannt.
3.3.6
Sonstige
- Russische Hilfswillige
Für den März 1943 ist der Einsatz von 40 russischen Hilfswilligen bei der
Krankentransportabteilung (mot) 532 in Forst nachgewiesen. Die ehemaligen
russischen Kriegsgefangenen trugen eine deutsche Uniform ohne Abzeichen
und eine weiße Armbinde mit der Aufschrift „Im Dienste der Deutschen
Wehrmacht“. Der Kommandeur riet dem Forster Oberbürgermeister, der
336 Telefonische Aussage von Dr. Richard Ihlo, der eine entsprechende Liste hat.
337 StadtA Forst, 3261, Bl. 98a
338 KreisA Zary, 1282, Bl. 149
Bevölkerung davon Kenntnis zu geben, dass für die Hilfswilligen „das Verbot
jeden intimen Verkehrs mit der deutschen, insbesondere weiblichen
Bevölkerung“ gelte.339 Über Unterbringung, Dauer des Einsatzes und
Lebensumstände ist nichts bekannt.
- Wehrkreissanitätspark
Im „Wehrkreissanitätspark“ waren 1943/1944 mindestens neun Ausländer
beschäftigt, dem Namen nach wahrscheinlich Franzosen.340
- Brandenburgische Provinzial-Flußbauverwaltung, Spremberger Str. 37
Im Juni/Juli 1943 wurden von der Flussbauverwaltung Unterkunft- und
Verpflegungskosten für drei bis vier Ostarbeiter sowie ein Ostarbeiterkind von
der Stadt verlangt.341
- Gemeinschaftseinrichtungen der Forster Betriebe e.V.
Der Verein forderte vom Gartenamt der Stadt Forst für den Zeitraum vom 26.
Juli bis 31. August 1943 für Verpflegung und Unterbringung, sanitäre
Lagerbetreuung, Zeitungsbeitrag und Umlage 52 RM. Vorsitzender des
Vereins war Unger. Um welches Lager es sich handelte, und wo die Ostarbeiter
sonst eingesetzt wurden, geht aus dem Schreiben nicht hervor.342 Die vier
Arbeiter scheinen zum Teil in der Gartenverwaltung sowie bei der
Stadteisenbahn beschäftigt gewesen zu sein.343
- Hammer & Haebler
Die Firma sollte 3,7-Zentimeter-Sprenggarnaten herstellen und hatte dafür
Gewindefräsmaschinen und kleine Drehbänke in Eigenfertigung hergestellt.344
Bereits vier Monate später musste die Fertigung wegen der Umsteuerung der
Rüstung eingestellt werden.345 Da die Kapazitäten nicht ausreichten, wurde
auch die ursprünglich zugesagte Bombenfertigung nicht an das Unternehmen
vergeben.346 Im Oktober 1940 wurden die Vorbereitungen zur Fertigung eines
Sondergeräts (2500 Stück, DOV T) abgesprochen.347 Im Januar 1941 erhielt
die Firma den Auftrag, 10500 Turbinen (DOV) für Daimler-Benz herzustellen,
339 StadtA Forst, 3026 (A1974), Bl. 13
340 StadtA Forst, 3037 (A1984), Bl. 37, Ausländerliste der Notdienstbeordnung „Zielenzig“
341 Stadt A Forst, 2702, Bl. 84, 88, 91RS
342 StadtA Forst, 3033, Bl. 10
343 StadtA Forst, 3033, Bl. 10 RS
344 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintrag vom 25.4.1940
345 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 34, Eintragung vom 3.8.1940
346 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintragung vom 9.8.1940
347 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintragung vom 14.10.1940
der kurz darauf aber widerrufen wurde.348 Im Juni 1941 trafen sich der
Kommandeur der Rüstungsinspektion, der Abwehroffizier und Gestapo wegen
einer Anzeige gegen den Inhaber, „betr. Verfehlung in der Betriebsleitung“.349
Im Februar 1942 erhielt das Unternehmen von der Germaniawerft Aufträge
über Fluteinrichtungen für U-Boote.350 Außerdem war die Firma Ende 1942
Zulieferer für das „Maultier-Programm“.351 Im November 1943 wurden
monatlich 20 Revolver-Drehbänke, 50 Bohreinheiten für die Straßenfertigung
und zehn Waschmaschinen hergestellt. Die Firma konnte „ungelernte Kräfte
aufnehmen, Unterkünfte [waren] vorhanden“.352
- Rumsch & Hammer
Das Unternehmen stellte 15-Zentimeter-Grananten (Gr.19) her. Unter anderem
wegen Krankheit blieb es im Dezember 1940 um 500 Stück hinter dem
monatlichen Soll (2500 Stück) zurück.353 Das Unternehmen stellte Ende 1943
auch Scheinwerferuntersätze für die Fimag (Finsterwalde) her.354
- „Deutsche Vergaser“
Die Deutsche Vergasergesellschaft Berlin erhielt im Juni 1943 die Räume der
Fabrik Hänsel & Co (Heinrich-Werner-Straße 20) für Fertigungszwecke.355
Nach Zeitzeugenberichten wurden dort italienische Militärinternierte aus dem
Lager Hänselhalle eingesetzt.356 Außerdem arbeitete ein Mitarbeiter der
italienischen Botschaft in Berlin nach dem Kriegs-Ausscheiden Italiens ab
1943 im Lohnbüro des Betriebes, war aber zusammen mit anderen Italienern
im Lager Hänselhalle untergebracht.357
- Emil Schmidt
Bei der Maschinenfabrik Emil Schmidt war 1943/1944 ein Ausländer für den
Notdienst in Zielenzig aufgeführt.358 Belegt ist außerdem durch Unterkunfts-
und Verpflegungsrechnungen der Stadt Forst, dass die Firma mit Sitz in der
Gubener Straße 9 im Zeitraum von Juli 1942 bis Januar 1943 zwischen neun
348 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintragung vom 10.1.1941 und Bl. 61 vom 13.1.1941
349 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 81, Eintragung vom 16.6.1941
350 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintragung vom 9.2.1942
351 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 148, Eintragung vom 28.11.1942
352 BArch-MA, RW 21-20/7, Bl. 41, Eintragung vom 19.11.1943
353 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintragung vom 30.12.1940
354 BArch-MA, RW 21-20/7, Bl. 41, Eintragung vom 19.11.1943
355 BArch-MA, RW 21-20/5, Bl. 46, Eintragung vom 22.6.1940
356 Zeitzeugenbericht Nummer 1, im Anhang
357 Ergänzung zum Zeitzeugenbericht Nummer 1 vom 6.10.2002
358 StadtA Forst, 3037 (A1984), Bl. 37, Ausländerliste der Notdienstbeordnung „Zielenzig“
und 18 Ostarbeiter beschäftigte.359 Die Firma belieferte unter anderem
Flugzeugwerke mit Revolverbänken. Ende August 1940 ruhte ein Teil des
Betriebes wegen Arbeitskräftemangels. Die zivile Fertigung nahm zu diesem
Zeitpunkt einen relativ geringen Anteil ein.360 Durch falsche Angaben über den
Arbeitseinsatz in der Wäschereimaschinenabteilung ermittelte die
Rüstungsinspektion im November 1940 gegen das Unternehmen.361
- Mix & Genest
Bei der Maschinenfabrik Mix & Genest, Alberstraße 29, waren 1943/1944
zwei Ausländer für den Notdienst in Zielenzig aufgelistet; Louwrenz de
Nooyer und Fedor Bekadorow.362 Im Januar/Februar 1942 war dort das
Kriegsgefangenen-Arbeitskommando 930 tätig, wie Rechnungen belegen.363
Außerdem wurden mindestens im Zeitraum Juli 1943 dort drei Ostarbeiter
beschäftigt, wie Unterkunfts- und Verpflegungsrechnungen der Stadt
belegen.364
Im ersten Halbjahr 1943 wurde mit der Verlagerung der
Gleichrichterfertigung von Mix & Genest Berlin nach Forst begonnen.365 Im
September hatte die Mix & Genest AG in Forst drei Verlagerungsstandorte: die
alte Fabrik von Gottlieb Noack (Heinrichstraße 1a)366, die Fabrikräume von
Werner & Klemm (Blücherstraße 1) sowie die erste und die dritte Etage der
Tuchfabrik Schmidt (eventuell am Schlossplatz 2/3). Im November 1943 hatte
die Firma weitere Kräfteanforderungen zur Steigerung der Fertigung.367
- Armin Tenner
Die Berliner Maschinen- und Apparate-Fabrik wurde im September 1943 in die
Räume der Firma Richard Roick (Triebeler Straße) verlagert.368 Bei der Firma
Armin Tenner wurden 1944 für die Notdienstbeorderung nach Zielenzig zwei –
wahrscheinlich niederländische – Arbeiter benannt.369
359 StadtA Forst A2702, Bl. 7, 66, 82, 86
360 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl 39, Eintrag vom 31.8.1940
361 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 51
362 StadtA Forst, 3037 (A1984), Bl. 37, Ausländerliste der Notdienstbeordnung „Zielenzig“
363 Rechnung der Firma Emil Andrack auf Bezugschein 13974 vom 12. Januar und 8. Februar 1942, in Besitz
von Hagen Pusch, Forst
364 StadtA Forst, A2702, Bl. 83, 87 und 91
365 BArch-MA, RW 21-20/5, Bl. 54
366 Firmenadressen nach Einträgen aus dem Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie- und Handelsstadt
Forst-Lausitz, 1935
367 BArch-MA, RW 21-20/7, Bl. 41, Eintragung vom 19.11.1943
368 BArch-MA, RW 21-20/6, Bl. 49
369 StadtA Forst, 3037 (A1984), Bl. 37, Ausländerliste der Notdienstbeordnung „Zielenzig“
- Firma Josef Haase
Auf der Zielenzig-Liste (1943/44) wird von dem Unternehmen in der
Mittelstraße ein polnischer Arbeiter benannt.370
- Firma Gustav Matzko
Auf der Zielenzig-Liste wird ein Josef Gruschinsky aufgeführt, über dessen
Nationalität aber nichts ausgeführt ist.371
- Firma Wilh. Biegler
Auf der Zielenzig-Liste wird ein Stanislaus Trozinsky aufgeführt, über dessen
Nationalität aber nichts ausgeführt ist.372
- Firma Werner Hückstedt (Lohnwalke)
Auf der Zielenzig-Liste wird ein Kasimir Gorski aufgeführt, über dessen
Nationalität aber nichts ausgeführt ist.373
- Maschinenfabrik Julius Scobel, Rüdigerstraße 8
Abrechnungsunterlagen für Verpflegung und Unterkunft im Juli 1942 führen
zwei russische Zivilarbeiter auf.374 Ab Mitte Juli bis April 1942 wird allerdings
nur noch für einen Ostarbeiter Unterkunft und Verpflegung von der Stadt
verlangt.375
- Firma Robert Voge jr., Roonstraße 2-6, Schrotthandel
Abrechnungsunterlagen der Stadt für Verpflegung und Unterkunft im Juni/Juli
1942 führen sechs russische Zivilarbeiter auf.376
- Dachdeckermeister Wilh. Körner, Cottbuser Straße
Abrechnungsunterlagen für Verpflegung und Unterkunft im Juli 1942 führen
lediglich für zwei Tage zwei russische Zivilarbeiter auf.377
- Schützenhaus
Auf der „Zielenzig-Liste“ wird ein belgischer „Hausdiener“ aufgeführt, dessen
Wohnadresse auch das Schützenhaus war.378
- Firma E. A. Demmrich, „Vulkan“, Spremberger Str. 56
Für den Zeitraum von Dezember 1942 und Juli 1943 konnte der Einsatz von
zwei Ostarbeitern nachgewiesen werden.379
370 StadtA Forst, 3037, Bl. 67
371 StadtA Forst, 3037, Bl. 96
372 StadtA Forst, 3037, Bl. 97, im Adressbuch der Stadt Forst, 1935, wird dieser Familienname nicht geführt
373 StadtA Forst, 3037, Bl. 97, im Adressbuch der Stadt Forst, 1935, wird dieser Familienname nicht geführt
374 StadtA Forst, 5307 (A2702), Bl. 7
375 StadtA Forst A2702, Bl. 7, 66, 82, 86, 90
376 StadtA Forst, 5307 (A2702), Bl. 7
377 StadtA Forst, 5307 (A2702), Bl. 7
378 StadtA Forst, 3037, Bl. 98
- Fritz Zwitke, Moltkestr. 7, Fahrradhandlung
Von Dezember 1942 bis Juli 1943 konnte der Einsatz von einem Ostarbeiter
nachgewiesen werden.380
- Elektrowarengeschäft Georg Schwarz, Mühlenstr. 22
Für Juni/Juli 1943 konnte der Einsatz eines Ostarbeiters nachgewiesen
werden.381
- Sägewerk H. C. Drebenstedt, Muskauer Str. 81
In dem Sägewerk kann für Juni/Juli 1943 der Einsatz eines Ostarbeiters belegt
werden.382
- Opel-Generalvertretung Herbert Pingel, Kaiser-Wilhelm-Str. 3
Für den Zeitraum von November 1942 bis Juli 1943 kann der Einsatz eines
Ostarbeiters belegt werden.383
- Dampfmolkerei H. Krautwald, Pförtener Str. 16
Lediglich für drei Tage konnte der Einsatz eines Ostarbeiters belegt werden.384
- Glühbirnenfabrik Julius Pintsch, Fabrik Avellis
Zwischen Oktober 1942 und Juli 1943 kann der Einsatz von Ostarbeitern
belegt werden. Dabei schwankten die Zahlen zwischen einem und 19
russischen Zivilarbeitern, für die Unterkunft und Verpflegung an die Stadt
gezahlt werden musste.385 Das Unternehmen wurde 1942 nach Forst verlagert,
belegt ein Eintrag ins Kriegstagebuch der Wehrwirtschaftsinspektion vom Juni,
wonach „der Anlauf programmgemäß fortschreitet. Normaler Weise ist mit der
Aufnahme der Röhrenfertigung ab 1.7.1942 zu rechnen“.386 Anfang September
1942 war die Glühbirnenfertigung als Vorbereitung für die Röhrenfabrikation
angelaufen. Die für später vorgesehene Fertigung der Spannungsregler für die
Luftwaffe sollte wesentlich gesteigert werden, wofür weitere Räume der
Tuchfabrik Avellis notwendig wären.387 Diese weitere Verlagerung von Berlin
in die Avellis-Fabrik erfolgte im Oktober 1943.388
379 Stadt A Forst, 2702, Bl. 66, 82 RS, 86 RS, 90 RS
380 StadtA Forst, A2702, Bl. 66, 82 RS, 86 RS, 90 RS
381 StadtA Forst, A2702, Bl. 82 RS, 86 RS, 91
382 StadtA Forst, A2702, Bl. 83, 87, 91
383 StadtA Forst, A2702, Bl. 66, 82 RS, 86 RS, 90 RS
384 StadtA Forst, A2702, Bl. 91 RS
385 StadtA Forst, A2702, Bl. 66, 82, 86, 90 RS
386 BArch-MA, RW 21-20/2, Eintragung vom 11.6.1942
387 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 124, Eintragung vom 2.9.1942
388 BArch-MA, RW 21-20/7, Bl. 14, Eintragung vom 30.10.1943
Eine Verbindung zur gleichnamigen Firma aus Fürstenwalde liegt nahe,
ist aber nicht belegbar. Im Juli 1944 erhielt die Julius Pintsch KG,
Fürstenwalde/Spree, 31 russische Familien (30 Männer, 57 Frauen und 30
Kinder).389 Die Firma beschwerte sich im Sommer 1944 über die Verpflegung
der Ostarbeiter: „Obwohl sie unter den Ausländern die besten Arbeitskräfte
darstellen, werden sie am schlechtesten verpflegt“.390 Die Firma gehörte, wie
Hammer & Haebler, zu Unternehmen, die an der U-Boot-Fertigung beteiligt
waren.391
- Schuh- und Pantoffelfabrik Karl Bandel, Metzer Str. 3
Für den Zeitraum von Oktober 1942 bis April 1943, sowie im Juni/Juli 1943
kann der Einsatz von zwei Ostarbeitern belegt werden.392
- Bäckerei und Kolonialwarenhandlung Kurt Schneider, Triebeler Str. 211
Für den Zeitraum von November 1942 bis April 1943 sowie Juni/Juli 1943
kann der Einsatz eines Ostarbeiters belegt werden.393
- Baugeschäft Otto Fickler, Akazienstr. 5
Für Juni/Juli 1943 kann der Einsatz eines Ostarbeiters belegt werden.394
- Otto Richter, Selterwasser, Moltkestr. 45
Für den Zeitraum Juni/Juli 1943 kann der Einsatz eines Ostarbeiters belegt
werden.395
- Baugeschäft Aug. Kutzner & Sohn, Spremberger Str. 56
Im Juni/Juli 1943 wird ein Ostarbeiter beschäftigt, für den die Stadt Unterkunft
und Verpflegungsbeitrag kassierte.396
3.3
Lebensbedingungen der Ausländer
3.4.1 Kinderarbeit
Noch im April 1940 wurde betont, dass das Gesetz über die Kinderarbeit
und über die Arbeitszeit von Jugendlichen für alle Jugendlichen gelte. Allerdings
wurde bereits angekündigt, dass die Geltung des Jugendschutzes für polnische
389 Eichholtz, Dietrich: Rüstungswirtschaft und Arbeiterleben am Vorabend der Katastrophe; in: Eichholtz,
Dietrich (Hg.) und Püschel, Almuth: Verfolgung, Alltag, Widerstand - Brandenburg in der NS-Zeit, Berlin,
1993, S. 72, mit Verweis auf Dokumente aus dem RüKo III Frankfurt/Oder, Juli 1944
390 ebenda, S. 88
391 BArch-MA, RW 21-20/2, Bl. 118
392 StadtA Forst, A2702, Bl. 66, 82, 86, 90
393 StadtA Forst, A2702, Bl. 47 RS, 66, 82 RS, 86 RS, 90 RS
394 StadtA Forst, A2702, Bl. 83, 86RS, 91
395 StadtA Forst, A2702, Bl. 83, 87, 91 RS
396 StadtA Forst, A2702, Bl. 83, 86 RS, 91
Arbeitskräfte [...] in einer besonderen Anordnung geregelt werde.397 Im Juni 1942
wurde der Arbeitseinsatz auch auf die Kinder von Ostarbeiter- und Polenfamilien in
Landwirtschaft und Industrie ausgedehnt.398 Der GBA Fritz Sauckel sah keine
Bedenken, wenn polnische Kinder über die vorgesehenen Grenzen hinaus
beschäftigt würden399 und erteilte 1943 die Erlaubnis, auch Kinder ab 10 Jahren in
der Industrie zu beschäftigen.400 Inwiefern dies in Forst praktiziert wurde, ist unklar.
3.4.2 Verpflegung
Bei der Firma Maximilian Bernard im April 1941 eingesetzte
Kriegsgefangene im Bereich der Sprengchemie Forst erhielten neben den
Normalsätzen 2/3 der den deutschen Lagerarbeitern zustehenden (bei Fett und Brot
herabgesetzten) Sätze als Schwerarbeiter, sollten aber den vollen Brotsatz
erhalten.401 Sie nahmen an der Sammelverpflegung im Lager teil.
Sowjetische Kriegsgefangene, die in der Industrie, dem Gewerbe oder der
Landwirtschaft eingesetzt waren, blieben von solchen Zulagen ausgeschlossen.402
Den Forstämtern, wo sowjetische Kriegsgefangene eingesetzt werden sollten, wurde
im Dezember 1941 die Empfehlung gegeben: „Die Vorbereitung für die Ausgabe
warmen Essens und warmer Getränke vor den Augen der Kr.gef. ist ein Mittel, um
Fluchten zu verhindern“, weshalb vorgeschlagen wurde, Feldküchen oder
Kochkessel in unmittelbarer Nähe der Arbeitsstellen aufzustellen.403
Im Februar 1942 wurde vom Ernährungsamt B des Kreises Sorau mit
Verweis auf den Viehwirtschaftsverband Kurmark angeordnet, dass den
sowjetischen „Kriegsgefangenen von sofort an nur Freibankfleisch zu verabfolgen“
sei. Erst wenn dies nicht mehr ausreichte, durfte wieder Pferdefleisch
herausgegeben werden.404
397 StadtA Forst, 2462 (A4312a), Bl. 32, Ausschnitt aus: Nachrichtendienst des Deutschen Gemeindetages,
5.7.1941
398 Beermann, Susanne: Der Ostarbeitereinsatz in der Provinz Brandenburg von 1939 bis 1945, Schriftliche
Hausarbeit zur Diplomprüfung (unveröffentlicht), Berlin, 1994, S. 41, wonach dies auf einen Erlass des GBA
zurückzuführen sei, mit Verweis auf Seeber 1964; BLHA Pr. Br. Rep. 2A Regierung Potsdam I Pol Band 1 Nr.
2804, Bl. 256.
399 Reiche, Brigitte: Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten
Weltkriegs eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, Dissertation, Karl-
Marx-Universität Leipzig, 1990, S. 119a, mit Verweis auf Przygad lekarski, Krakow, Jahrgang 1/1975, S. 235
400 ebenda, S. 119a
401 StadtA Forst, 3261, Bl. 9
402 StadtA Forst, 3261, Bl. 14, Eiliger Sonderrunderlaß des Oberpräsidenten der Mark Brandenburg
403 BLHA Pr. Br. Rep. 3 B FF/O III F, 353, Bl. 4
404 StadtA Forst, 314, Brief des Ernährungsamtes B des Kreises Sorau vom 14. Februar 1942 an die
Kriegsgefangenen-Arbeitskommandos im Kreise
Im Juli 1942 wurde für ausländische Zivilarbeiter, die nicht in
landwirtschaftlichen Betrieben tätig waren oder Gemeinschaftsverpflegung
erhielten, die Einführung einer „Wochenkarte für ausländische Zivilarbeiter“
angekündigt. Die Betriebe mussten deshalb eine Woche vorher vollständige
namentliche Listen der bei ihnen beschäftigten ausländischen Zivilarbeiter an die
zuständigen Ernährungsämter einreichen. Davon ausgenommen waren die
Zivilarbeiter aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion.405 Die Stadt Forst
meldete für die 41. Zuteilungsperiode (Anfang September 1942) einen Bedarf von
„voraussichtlich 500 Stück“ dieser Lebensmittelkarten. Daneben wurden noch zehn
Exemplare des REM-Erlasses angefordert, was auf die Zahl der nicht
landwirtschaftlichen Betriebe Rückschlüsse zulassen könnte, die keine
Sammelverpflegung anboten.406 Die Namenslisten sind nicht auffindbar.
Die unzureichende Versorgung führte offenbar zu Diebstählen von den
Feldern. Unter diesen Umständen sah man sich in Noßdorf Ende Juli 1942 zur
Aufstellung einer Landwacht gezwungen und bat die NSDAP „um Hilfe zur
Bewachung der Felder“.407 Als Grund wurden offenbar fünf entlaufene
Kriegsgefangene angesehen.408 Ähnliche Probleme gab es in Scheuno, wo Ende
1942 die Diebstähle nach Angaben des Stadtrates Giermann überhand nahmen und
nachts durch bewaffnete Scheunoer Einwohner Streifen eingesetzt wurden. Die
Teilnehmer an diesen Streifen wurden zu Hilfspolizeibeamten ernannt.409
Es gab auch Beispiele, wo Zwangsarbeiter nach ihrer eigentlichen Schicht
für Nahrungsmittel oder Kleidung bei Privatpersonen, aber auch in Gärtnereien
arbeiteten.410 Allerdings wurde jegliche nicht genehmigte Arbeit ausländischer
Arbeitskräfte gegen Geld oder Naturalien vom Präsidenten des Landesarbeitsamtes
405 StadtA Forst 3261, Bl. 53, Lebensmittelkarten-Regelung für ausländische Zivilarbeiter des Reichsministers
für Ernährung und Landwirtschaft. Die erwähnten Namenslisten konnten bisher weder im Stadtarchiv Forst,
noch im Kreisarchiv Zary ausfindig gemacht werden.
406 StadtA Forst, 3261, Bl. 53b Rückseite
407 StadtA Forst, 3047 (A1994), Brief d. komm. Ortsgruppenleiters Nossdorf vom 31. Juli 1942 an
„Oberbürgermeister Parteigenossen Friedrich ... (betrifft: Landwacht) ... In meinem Ortsgruppenbereich bin ich
von verschiedener Seite darauf aufmerksam gemacht worden, dass die Ernte in diesem Jahre aus verschiedenen
Gründen besonders gefährdet ist, und die Partei wurde um Hilfe zur Bewachung der Felder gebeten. ...“
408 StadtA Forst, 3047 (A 1994), Brief d. komm. Ortsgruppenleiters Nossdorf vom 31. Juli 1942,
handschriftlicher Vermerk der Verwaltung
409 StadtA Forst, A2104, Beigeordnetensitzung 3.12.1943, Punkt 5: „Stadtrat Giermann berichtet über die im
Stadtteil Scheuno überhand nehmenden Diebstähle und gibt bekannt, dass nunmehr des nachts durch bewaffnete
Scheunoer Einwohner Streifen eingesetzt werden. Die Teilnehmer an diesen Streifen sind zu
Hilfspolizeibeamten ernannt.“
410 Zeitzeugenberichte Nummer 4 und Nummer 5, im Anhang
verboten und die Behörden zu einer strikten Ahndung gemeldeter Vorfälle
aufgefordert.411
Im August 1943 wurden auch für Polen im Gruppeneinsatz
Berechtigungsscheine ausgegeben.412 Das Ernährungsamt B der Stadtverwaltung
bestellte für Anfang August 1943 (53. Zuteilungsperiode) 100 Stück dieser
Formulare.413
Im Mai 1944 gab es einen Richtungswechsel in der Ausländerpolitik. Um
die Versorgung der ausländischen Arbeiter mit „Gemüse und dergl.“ zu verbessern,
wurden Industriebetriebe als beispielhaft hervorgehoben, die „jeden Quadratmeter
anbaufähigen Bodens auf ihrem Betriebsgelände und in den Barackenlageranlagen
mit Gemüse, Kartoffeln, Gewürzpflanzen, Sonnenblumen usw. bestellt haben“.
Gerade 1944 sollten sich die Betriebe „in denkbar größtem Ausmaß sich dieser
Aushilfe bedienen“, hob das Arbeitsamt Forst in einem Schreiben an die
Betriebsführer und Lagerleiter hervor. Insbesondere in den Ostarbeiterlagern sollte
„der Anbau von Sonnenblumen entlang den Baracken und den Lagerumfriedungen,
zu dem Zweck, im Herbst die Kerne zu sammeln und sie als im Osten bekanntes
und beliebtes Kaumittel ihnen [den Ostarbeitern, d.A.] zur Verfügung zu stellen.
Durch den Anbau von Gewürzpflanzen kann manche sonst äußerst einfache
Mahlzeit etwas schmackhafter gemacht werden.“ Der Anbau sollte in der Freizeit
der Arbeiter erfolgen. Die Betriebs- und Lagerleiter im Kreise Sorau-Forst sollten
sich wegen der Beschaffung der „Samen, Sonnenblumenkerne usw.“ an die
Kreisbauernschaft in Sorau wenden.414 Die Frage, ob und in welchem Umfang
dieser Vorschlag umgesetzt wurde, konnte mit den vorhandenen Quellen nicht
beantwortet werden.
Nur zwei Wochen später wurde der Umgang mit Italienischen
Militärinternierten (IMI) verschärft. Die Ernährungsämter bei den Kreisen und
411 Beermann, Susanne: Der Ostarbeitereinsatz in der Provinz Brandenburg von 1939 bis 1945, Schriftliche
Hausarbeit zur Diplomprüfung (unveröffentlicht), Berlin, 1994, S. 49 mit Verweis auf BLHA Pr. Br. Rep. 8,
Stadt Friesack Nr. 2236, Bl. 14
412 StadtA Forst, 3261, Bl. 93
413 StadtA Forst, 3261, Bl. 93 RS
414 StadtA Forst, 3261, Bl. 151 und RS, Schreiben des Arbeitsamtes Forst vom 4.5.1944 an die „Herrn
Betriebsführer/Lagerführer“ in den Kreisen Sorau/Forst und Crossen. Offen ist, ob sich die Zuständigkeit des
Arbeitsamtes Forst erweitert hatte, da die „Betriebe im Kreise Sorau/Forst sich an die Kreisbauernschaft in Sorau
und im Kreise Crossen an die Kreisverwaltung der DAF in Crossen“ wegen des Anbaumaterials wenden sollten.
Dazu kam der Hinweis, dass „die Kreisverwaltungen Sorau-Forst, Crossen und Guben der DAF für weitere
Auskünfte zur Verfügung“ stünden. Noch zum Stichtag 30.9.1944 wurde der Ausländereinsatz für den
Arbeitsamtsbezirk Guben in „Der Arbeitseinsatz im Großdeutschen Reich, Nr. 11/12 vom 30. Dezember 1944“
gesondert aufgeführt.
Stadtkreisen der Provinz Mark Brandenburg wurden vom Oberpräsidenten „in
vertraulicher Form“ darüber informiert, dass die Verpflegung grundsätzlich nach
Leistung abzustufen sei – und zwar „für die gesamte Arbeitseinheit ohne Rücksicht
auf einzelne Willige“. Die Entscheidung wurde dem Unternehmer überlassen, der
Einsparungen „als Leistungszulage für fleißige Kr.Gef. bezw. Ital. Mil. Int. anderer
Arbeitseinheiten zur Verfügung“ hatte. Die Information über den Erlass des
Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft, konnte als ein Freibrief für
vielerlei Handlungen interpretiert werden.415 Offen blieb, wann eine
„unbefriedigende Leistung“ vorlag. Der Lagerführer des werkseigenen Italienischen
Militär-Internierten-Arbeitskommandos 135 der Firma Hammer & Haebler hatte
„mit seinem Betriebsführer und den Wachmannschaften mündliche Vereinbarungen
getroffen“. Das städtische Tiefbauamt als Träger des Arbeitskommandos 105 hatte
sämtliche Betriebe per Rundschreiben informiert. Die Betriebe sollten „die
Arbeitsleistungen der einzelnen Ital. Milit.-Internierten in Prozentzahlen angeben“.
Auf dieser Grundlage sollte „im Einvernehmen mit den Unternehmern und den
Bewachungsmannschaften“ nun „streng durchgegriffen werden“, wurde in einem
Aktenvermerk der Stadtverwaltung am 26. Mai 1944 festgehalten.416 In Forst haben
die IMI daraufhin offenbar versucht, mit nächtlichen Versorgungsaktionen im
Umfeld der Hänselhalle ihre Verpflegung mit Kartoffeln und anderen Feldfrüchten
zu verbessern.417
Den Italienern stand ab Mitte August 1944 der Verpflegungssatz für
ausländische Arbeiter zu, wenn sie sich schriftlich verpflichteten, bis zum
Kriegsende in Deutschland zu bleiben und zu arbeiten.418 Ab Ende November galt
dies für alle IMI mit Ausnahme der Berufsoffiziere. Die Bereitwilligkeitserklärung
für die Überführung in das zivile Arbeitsverhältnis war nicht mehr erforderlich.419
Nach dem Aufbau des Barackenlagers in der Muskauer Straße soll ein
dortiger Kolonialwarenhändler an Zwangsarbeiter Nahrungsmittel (unter anderem
„grün eingelegte Tomaten in Essig“) verkauft haben. Als dies bekannt wurde, soll
415 StadtA Forst, 3261, Bl. 153 und RS. Wörtlich hieß es: „Chef OKW wird jeden Vorgesetzten zur Rechenschaft
ziehen, der bei Klagen über geringe Arbeitsleistungen und Zucht der ital. Mil. Int. nicht scharf durchgreift. Wer
sich nicht durchsetzt, treibt Sabotage an der deutschen Kriegsführung. Chef OKW deckt jeden, der seiner
Autorität Geltung verschafft.“
416 StadtA Forst, 3261, Bl. 121 (alte Nummerierung)
417 Zeitzeugenbericht Nummer 1, im Anhang
418 StadtA Forst, 3261, Bl. 167, Schnellbrief des Oberpräsidenten der Provinz Mark Brandenburg an die Landräte
und Oberbürgermeister vom 17. August 1944.
419 StadtA Forst, 3261, Bl. 179, Information des Oberpräsidenten der Provinz Mark Brandenburg an die Landräte
und Oberbürgermeister vom 27.11.1944
der Kaufmann bestraft und sein Laden zur Abschreckung für andere Händler
geschlossen worden sein.420
Gerade bei kleineren Unternehmen aus dem Lebensmittelbereich scheint die
Versorgung besser gewesen zu sein, wie zumindest das Beispiel einer Fleischerei
vermuten lässt, wo die Mahlzeiten nicht nur gemeinsam eingenommen, sondern
dem französischen Mitarbeiter zum Feierabend auch ein Päckchen mit
Lebensmitteln geschnürt wurde.421
Auch bei Kindern fiel die Verpflegung nach Volkszugehörigkeit aus. Für
polnische Kinder wurde im Mai 1943 auf Verfügung des Forster
Oberbürgermeisters die Versorgung eingeschränkt. Polen über 10 Jahre erhielten
keine Weizenerzeugnisse mehr, Kindern vom 10. bis 14. Jahre wurden anstelle von
Kuchenkarten nun Reisebrotmarken ausgegeben, Ältere – „sofern sie in einem
Arbeitsverhältnis stehen“ – erhielten die „A.Z.Wochenkarten für Polen“. Für Kinder
bis zum 10. Jahre wurde der Bezug von Weizenerzeugnissen nicht eingeschränkt.
Eierkarten durften grundsätzlich nicht an Polen ausgegeben werden, während Milch
polnischen Kindern bis zum 14. Jahre in der gleichen Menge wie deutschen Kindern
zustehe.422 Am 28. August 1943 wurde vom Oberpräsidenten der Mark
Brandenburg klargestellt, dass für die Kinder sowjetischer Zivilarbeiter der Erlass
des RmfEuL vom 21.6.1942 (-II/1-7734) gelte. Kinder von ausländischen Arbeitern
„einschließlich der Polen, sowie der aus dem Distrikt Lemberg und den baltischen
Gebieten stammenden Arbeitskräfte sind hinsichtlich der Beköstigung wie die
Kinder der Normalverbraucher zu behandeln“.423
Dass die Verpflegung von Kindern auf der Basis der Ostarbeiter-Rationen
nicht ausreichte, war offensichtlich. So beklagte der Sonderbeauftragte für die
Arbeitskräfte aus den besetzten Ostgebieten am Jahresende 1943, dass sich die
Verpflegung der Arbeiterfamilien des „bei dem von mir geführten Lager“ dank der
städtischen Unterstützung nun „erträglich“ gestalte, die Zuweisung aber immer
noch auf der Basis Ostarbeiter erfolge, obwohl die dort „befindlichen Ostland-
Angehörigen nicht unter die Bestimmungen der Ostarbeiter fallen, sondern als unter
deutschen Schutz genommene Flüchtlinge gelten, und zwar auf Grund ihrer
Bewährung während der Besatzungszeit“. Seine Forderung: „Für sie muß die
420 Zeitzeugenbericht Nummer 1, im Anhang
421 Zeitzeugenbericht Nummer 3, im Anhang
422 StadtA Forst, 3261, Bl. 81, Der Forster Oberbürgermeister bezog sich bei seiner Verfügung auf eine
Anordnung des Oberpräsidenten vom 3.5.1943.
423 StadtA Forst, 3261, Bl. 57
deutsche Lagerverpflegung gelten, wie sie bei den übrigen fremdvölkischen
Arbeitskräften üblich ist.“ Für die „Klein- und Kleinstkinder langt die allgemeine
Verpflegung in keiner Weise hin, und es haben sich wohl nicht zuletzt dadurch
bereits einige Todesfälle ergeben. Dieses ist aus politischen Gründen untragbar“.
Zwar liege die Verpflegungslage in Zuständigkeit der bauausführenden Firma [die
nicht genannt wurde], man habe aber für eine Übergangszeit einige zur Verfügung
stehende Nährmittel nach Forst geschafft. Den Forster Oberbürgermeister bat der
Sonderbeauftragte um Unterstützung bei der „Kinderverpflegung auf Grund der von
mir geltend gemachten Gesichtspunkte“.424 Bei dem Lager dürfte es sich um das
Lager des Ostministeriums in der Pförtener Straße gehandelt haben. Handschriftlich
vermerkt wurde von der Stadtverwaltung die Zahl von 88 Kindern, von denen
sieben Kinder bis drei Jahre und weitere 28 zwischen drei und 14 Jahre alt waren.
Die Stadtverwaltung forderte daraufhin beim Sonderbeauftragten den von ihm
zitierten Erlass für die erwähnte Regelung ein, da dieser „hier nicht bekannt“ war.425
Eine Einzel-Regelung für Ostkinder gab es Anfang des Jahres 1944. 426 Eine
vorübergehende Erleichterung machte sich im Jahre 1944 durch eine etwas
abwechslungsreichere Kost und kleine Sonderzuteilungen an Zuckerwaren und
Äpfeln für Kinder bemerkbar.427 Eine einheitliche Regelung für schwangere Frauen
und stillende Mütter scheint es zuvor nicht gegeben zu haben.428
Dass es Probleme mit der Versorgung der Kleinkinder gab, bestätigt auch
ein Zeitzeugenbericht.429 Eine Forsterin, deren Sohn im März 1944 geboren wurde,
traf auf der Pförtener Straße mit ihrer Schulfreundin eine junge Mutter aus dem
dortigen Ostarbeiterlager, die den beiden deutschen Frauen zu verstehen gab, dass
sie nichts für ihr Kind hätte. Zweimal soll es dann zu einer heimlichen Übergabe
von Zwieback, etwas Trockenmilch und einer Babyflasche gekommen sein.
Danach brach der Kontakt ab.
424 StadtA Forst, 3261, Bl. 139
425 StadtA Forst, 3261, Bl. 139 RS
426 Reiche, Brigitte: Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten
Weltkriegs eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, Dissertation, Karl-
Marx-Universität Leipzig, 1990, S. 19, mit Verweis auf einen Erlass des RmfEL vom 6. Januar 1944,
Verpflegung Ostarbeiterkinder. Demnach standen pro Kopf und Woche Kindern bis zu einem Jahr 800 Gramm
Weizenmehl/Brot, 100 Gramm Butter, 250 Gramm Nährmittel, 300 Gramm Zucker, 7 Gramm Tee-Ersatz, 3,5
Liter Vollmilch und 2500 Gramm Kartoffeln zu. Für Kinder von einem bis zehn Jahren galten folgende
Verpflegungssätze: 1250 Gramm Roggenbrot, 250 Gramm Weizenbrot, 100 Gramm Fleisch, 100 Gramm Butter,
150 Gramm Nährmittel, 225 Gramm Zucker, 14 Gramm Tee-Ersatz, 3,5 Liter Vollmilch und 3500 Gramm
Kartoffeln.
427 ebenda, S. 20
428 ebenda, S. 19
429 Zeitzeugenbericht Nummer 2, im Anhang,
3.4.3 Medizinische Versorgung
Die medizinische Betreuung von Polen und Ostarbeitern beschränkte sich
auf Maßnahmen der ersten Hilfe und auf den Erhalt ihrer Arbeitskraft bei
geringstem medizinischen Aufwand, stellte die Medizinerin Brigitte Reiche 1990
fest.430 Das Leitprinzip der medizinischen Betreuung reduzierte sich dabei auf
zwei Grundgedanken: Schutz der deutschen Bevölkerung vor Infektionen und
Epidemien sowie Erhalt der Arbeitsfähigkeit mit finanziellem und personellem
Mindestaufwand.431 Dazu kam für polnische und russische Zivilarbeiter, dass sie
auf minimale Formen der Unterstützung keinen Rechtsanspruch hatten und die
russischen Kriegsgefangenen außerhalb jeglicher Unfallversicherung eingesetzt
wurden.432 Für den Raum Leipzig wies Reiche mit Verweis auf Berichte des
dortigen Gesundheitsamtes meist die gleichen Unzulänglichkeiten bei der Lager-
Hygiene nach: Fehlen ausreichender sanitärer Anlagen, von Waschgelegenheiten
mit warmem Wasser, die völlige Überfüllung der Lager sowie deren mangelnde
Sauberkeit. Die einzigen verwirklichten Maßnahmen waren „umfangreich
durchgeführte Entlausungsaktionen, die das Kernstück der hygienischen und
medizinischen Versorgung darstellten und mit Nachdruck betrieben und
kontrolliert wurden“.433 Gehäuft traten außer Tbc auch Epidemien von Ruhr,
Typhus, schwere Grippeerkrankungen, Durchfallserkrankungen, aber auch
Neurosen auf.434
Ein besonderes Problem war auch die Versorgung mit Kleidung und vor
allem Schutzkleidung.435 Durch den steigenden Leistungsdruck in der
Rüstungsindustrie „nahm die Anzahl der Arbeitsunfälle unter den ausländischen
Arbeitskräften gegen Kriegsende immer weiter zu“, beobachtete Reiche für den
Raum Leipzig, und ging davon aus, dass ein Großteil der tödlichen Arbeitsunfälle
430 Reiche, Brigitte: Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten
Weltkriegs eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, Dissertation, Karl-
Marx-Universität Leipzig, 1990, S. 120
431 ebenda, S. 24f
432 ebenda, S. 81
433 Reiche, Brigitte: Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten
Weltkriegs eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, Dissertation, Karl-
Marx-Universität Leipzig, 1990, S. 13
434 ebenda, S. 90
435 ebenda, S. 21
von Kriegsgefangenen vertuscht oder mangels Meldepflicht nicht bekannt
wurden.436
Da „ein Teil der polnischen Arbeiter mit vorgeschrittener Tuberkulose und
mit Geschlechtskrankheiten vorwiegend chronischer, aber auch frischer Art
behaftet war“, ordnete der Regierungspräsident Ende Juni 1940 an, 437 dass „ die
nationalpolnischen Arbeitskräfte im Wege der Tuberkulosefürsorge und
Geschlechtskrankenfürsorge regelmäßig und zwar in einem Zeitabstand von etwa
4 – 5 Wochen oder gegebenenfalls in geringeren Zwischenräumen untersucht und
überwacht werden“. Dabei „können auch Feststellungen über einen für den
Arbeitseinsatz ausreichenden Kräfte- und Gesundheitszustand, sowie ferner über
das Vorkommen von Krätze und Läusen und anderer Krankheiten getroffen
werden und entsprechende Maßnahmen“ ergriffen werden. Dafür sollten
besondere Untersuchungstermine genutzt werden. Eine Behandlung war allerdings
nicht vorgesehen: Akute Tbc-Fälle, Träger ansteckender Krankheiten sowie
Arbeitskräfte, die sich „in unzureichendem Kräfte- und Gesundheitszustand
befinden und damit durch häufiges Kranksein den Arbeitsgang nur unnötig
belasten“, sollten nach Polen abgeschoben werden. Stationäre Behandlungen von
Tbc waren eine Seltenheit und meist den Patienten vorbehalten, die aufgrund ihrer
krankheitsbedingten Hinfälligkeit nicht mehr abgeschoben werden konnten.438
Seit dem 12. April 1943 gab es in den Ausländerbaracken des
Krankenhauses Forst eine Ärztin, die dem Krankenhaus durch das Arbeitsamt
Forst „für die Behandlung der ostischen Patienten“ zugewiesen worden war.439 Die
damals 24-jährige Elena Jantschewskaja kam aus Simferopol (Krim), wo sie beim
russischen Stadtarzt mehrere Monate „in zufriedenstellender Weise die
Untersuchung der zum Arbeitseinsatz nach Deutschland bestimmten Personen
durchgeführt hat“440 und war danach Lagerärztin in Christianstadt.441 Im Forster
Krankenhaus war sie für die ärztliche Betreuung „der Ausländer (Ostarbeiter,
436 ebenda, S. 83 u. S. 86
437 BLHA Rep. 3B pol I, 1362, Bl 199 und RS, Brief des Regierungspräsidenten Frankfurt/Oder vom 29. Juni
1940 an die Gesundheitsämter des Bezirks. Die Existenz von Statistiken aus dem Stadtkreis Forst oder dem
Kreis Sorau sind nicht bekannt.
438 Reiche, Brigitte: Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten
Weltkriegs eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, Dissertation, Karl-
Marx-Universität Leipzig, 1990, S. 62, bezieht sich auf den Raum Leipzig, dürfte aber auch Relevanz für andere
Regionen haben
439 StadtA Forst, 5727, Bl. 2
440 StadtA Forst, 5727, nicht nummeriert, Abschrift von Personalunterlagen
441 StadtA Forst, 5727, Bl. 3
Franzosen, Belgier usw.)“ eingesetzt worden.442 Bereits Ende Januar hatte der
Reichsinnenminister eine getrennte Unterbringung von kranken Ausländern
gefordert. Nötigenfalls könne eine „behelfsmäßige Unterbringung“ erfolgen. In
Forst wurden für diesen Zweck Baracken aufgestellt.443 Davon ausgenommen
waren lediglich Arbeitskräfte nordischer, niederländischer und flämischer
Volkszugehörigkeit.444
Die medizinische Betreuung der Kriegsgefangenen oblag der Wehrmacht,
die dafür Krankenreviere, Kriegsgefangenenlazarette und Reservelazarette
schuf.445 Ein Kriegsgefangenenlazarett gab es beispielsweise in Sorau.446 Wo die
Behandlung für in Forst schwer erkrankte oder verunglückte Kriegsgefangene zu
erfolgen hatte beziehungsweise erfolgte, ist noch nicht geklärt.
Ende Oktober 1943 bat die Deutsche Sprengchemie Forst den Chefarzt des
Krankenhauses, dass die „russische Ärztin die ärztliche Versorgung der
Ostarbeiter übernähme und zu diesem Zweck zweimal wöchentlich hier eine
Sprechstunde abhielte“. Aus nicht näher genannten Gründen hatte der Forster
Mediziner Dr. med. Rössner seine zwei Mal wöchentlich stattfindenden
Sprechstunden im Ausländerlager der Sprengchemie eingestellt, „so dass z.Zt. eine
ärztliche Betreuung der Ostarbeiter nicht erfolgt“.447 Dies wurde von der Stadt „bis
auf Widerruf“ und gegen Entschädigung genehmigt. „Der Revierdienst darf die
russische Ärztin jedoch nur so lange an diesen Tagen in Anspruch nehmen, dass
ihr noch Zeit zur Betreuung der im Krankenhaus untergebrachten Ostarbeiter
bleibt.“448 Der Zeitaufwand wurde von der Betriebsleitung der Deutschen
Sprengchemie Forst für die Tätigkeit „in unserem Ostarbeiterlager einschließl. der
notwendigen Fahrzeiten nicht mehr als 2 halbe Tage in der Woche“ eingeschätzt.
Die Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands (KVD) trage auch die Kosten der
442 StadtA Forst, 5727, Bl. 5
443 StadtA Forst, A2072, Abschrift des Briefes von der Baufirma Wilhelm Schulz an das Stadtbauamt vom 4.
November 1943. Über die Anzahl der Baracken ist nichts bekannt. Allerdings bezieht sich Schulz darauf, dass er
die „Baracken für Krankenhaus ohne Holzscheine“ billig geliefert habe, die „ich für die Großbaustelle
Fürstenberg/Od. für meine eigenen Leute dringend gebraucht hätte“. Es soll sich um zwei bis drei Holzbaracken
gehandelt haben, die hinter dem Krankenhaus standen.
444 Reiche, S. 50 mit Verweis auf einen Brief des Reichsministers des Innern an den Regierungspräsidenten
Leipzig vom 27.1.1941
445 Reiche, Brigitte: Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten
Weltkriegs eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, Dissertation, Karl-
Marx-Universität Leipzig, 1990, S. 86ff
446 StadtA Forst, 314, Brief des Landrates des Kreises Sorau vom 11. Dezember 1939
447 StadtA Forst, 5727, Bl. 1.15
448 StadtA Forst, 5727, Schreiben des Krankenhauses an den Oberbürgermeister vom 29. Oktober 1943
revierärztlichen Betreuung der Ostarbeiter.449 Mitte Juni hielt Dr. Jantschewskaja
ihre letzte Sprechstunde in der Sprengchemie ab, war bis zum 26. Juni 1944
beurlaubt, wurde am 26. Juni von der Kriminalpolizei in Untersuchungshaft
genommen und von der Stadt per 7. Juli fristlos entlassen.450 Ihr wurden
„Hehlerei, Abtreibung und andere Vergehen“ vorgeworfen.451 Inwieweit diese
Vorwürfe nur vorgeschoben waren, lässt sich nicht klären. Denn per 11. März
1943 war der Schwangerschaftsabbruch bei Ostarbeiterinnen, per 22. Juni 1943
auch bei Polinnen vom Reichsgesundheitsführer legalisiert, unter anderem, um die
Arbeitsfähigkeit aufrecht zu erhalten. Die Schwangerschaft musste zum
frühestmöglichen Zeitpunkt mitgeteilt werden, ebenso der Name des Vaters, damit
die „Eindeutschungsfähigkeit“ des Kindes beurteilt werden konnte. Reiche
zweifelte die Freiwilligkeit zu Schwangerschaftsabbrüchen, deren „Wunsch“ fast
immer von einer Gutachterkommission befürwortet wurde, an.452 Möglicherweise
wurde dieser Weg nicht eingehalten. Aufschluss könnten voraussichtlich nur
Akten der Gestapo geben, da ausländische Ärzte unter deren besonderer
Beobachtung standen.453 Ein Grund für diese Aufmerksamkeit war, dass
ausländische Ärzte in einigen anderen Lagern es offenbar geschickt verstanden
hatten, die Eigenschaften von Krankheitssymptomen ihren Landsleuten so zu
vermitteln oder ihnen bei der Vortäuschung zu helfen, dass es selbst bei
Überprüfungen nicht auffiel.454 Nach einem Zeitzeugenbericht455 soll die Ärztin
Polinnen und Ostarbeiterinnen des öfteren von wiederholten
Schwangerschaftsabtreibungen abgeraten haben, was diese aber mit Verweis auf
deutsche Väter ablehnten. Ob die Ärztin in Scheuno selbst Abtreibungen – in
diesen Fällen also von „eindeutschungsfähigen“ Kindern – vornahm, bleibt unklar.
Zumindest bestand 1943 eine Weisung des Reichsgesundheitsführers
Leonardo Conti an Krankenhäuser und Entbindungsheime, keine
449 StadtA Forst, 5727, Bl. 2 (Nummerierung doppelt), Brief der Deutschen Sprengchemie an die
Stadthauptkasse Forst vom 12. November 1943
450 StadtA Forst, 5727, Bl. 26
451 StadtA Forst, 5727, Bl. 36
452 Reiche, Brigitte: Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten
Weltkriegs eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, Dissertation, Karl-
Marx-Universität Leipzig, 1990, S. 113f
453 ebenda, S. 70ff
454 ebenda, S. 103f. So wurde mit einer Mischung aus Speichel, Urin und Blut eine Nierenbeckenentzündung
vorgetäuscht, die eine Arbeitsbefreiung von drei Wochen verschaffen konnte.
455 Zeitzeugenbericht Nummer 5, im Anhang
Fremdarbeiterinnen mehr aufzunehmen.456 Wenn es doch geschah, dann zuweilen
unter zweifelhaften Bedingungen. In Forst soll es nach Aussage einer Zeitzeugin
den Fall gegeben haben, dass eine Zwangsarbeiterin unter äußerst primitiven
Umständen in einer gusseisernen Badewanne entbinden musste, die in einem
Raum mit Steckbecken, Urinflaschen, Abfalleimern und schmutziger Bettwäsche
stand. Teile des Krankenhauspersonals müssen darüber so empört gewesen sein,
dass die Information in der Stadt kursierte, aber aus Angst vor der Gestapo wohl
nicht laut geäußert wurde.457
Vor allem Anfang 1945 ist in Forst eine Häufung von Totgeburten zu
beobachten. Generell galt: Ostarbeiterinnen hatten keinerlei Schutz während oder
nach der Schwangerschaft, durften ihren Arbeitsplatz bis zum Tag der Niederkunft
nicht verlassen und mussten kurz nach der Entbindung wieder einsatzfähig sein.
Auch für Polinnen wurde der vorgeschriebene Mindestschutz weiter gekürzt.458 In
der zweiten Hälfte des Jahres 1943 entstanden zahlreiche „Ausländer-
Kinderpflegestätten“.459 Für den Raum Leipzig gibt es Hinweise auf eine hohe
Säuglingssterblichkeit, die, bedingt durch hygienische Verhältnisse,
Ernährungsstörungen und Epidemien, zwischen 30 und 100 Prozent lag.460 Im
Lagerbereich der Polen und Ostarbeiter in Scheuno soll es eine solche
Säuglingsstation und Kinderkrippe gegeben haben, „weil ja auch viele Frauen
schwanger waren“. Die beiden deutschen Zeitzeuginnen461 gehen aber davon aus,
dass sich um die Kinder „wirklich richtig gekümmert“ wurde. Dabei verweisen sie
auf den Oberlagerleiter, der beispielsweise dafür gesorgt habe, dass eine 13-jährige
Ukrainerin nicht im Werksbereich der DSC, sondern zum Saubermachen im
ungefährlichen Magazinbereich eingesetzt wurde. Er hatte eine gleichaltrige
Tochter. Wie viele Kinder im Lager Scheuno lebten, konnten die beiden
Zeitzeuginnen nicht abschätzen. Gegen diese positive Einschätzung der
Kinderversorgung spricht eine andere Zeitzeugenaussage. Demnach bekamen
456 Reiche, Brigitte: Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten
Weltkriegs eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, Dissertation, Karl-
Marx-Universität Leipzig, 1990, S. 46f
457 Zeitzeugenbericht Nummer 1, sowie Ergänzung vom 24.9.2002, im Anhang
458 Reiche, Brigitte: Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten
Weltkriegs eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, Dissertation, Karl-
Marx-Universität Leipzig, 1990, S. 117
459 ebenda, S. 118
460 ebenda, S. 119
461 Zeitzeugenbericht Nummer 5, im Anhang
Frauen, die ein Kleinkind hatten beziehungsweise im Lager zur Welt brachten, nur
Wassersuppe, aber keine Milch oder Babynahrung.462
3.4.4 Freizeit
Offenbar sehr unterschiedlich wurde mit Beurlaubungen umgegangenen.
Den polnischen Zivilarbeitern wurde im Kreis Sorau zum Jahresende 1940 noch
die Möglichkeit eines Urlaubs eingeräumt. Eine Beurlaubung wurde aber
weitestgehend von der Zuverlässigkeit der Arbeiter und einem Einvernehmen mit
dem Arbeitsamt abhängig gemacht, bei Landwirtschaftsarbeitern auch, dass in der
Regel die Ernte- und anschließenden Außenarbeiten abgeschlossen waren. Bei der
Aushändigung des Passierscheins hatte jeder Pole darauf hingewiesen zu werden,
was ihm drohte, wenn er nicht rechtzeitig an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte:
„...polizeiliche Rückführung auf seine Kosten, strenge Bestrafung sowie
Einweisung in ein K.Z. Lager ...“463 In der Praxis sah es aber anders aus. So gab es
Unzufriedenheit bei in der Landwirtschaft eingesetzten polnischen Arbeitern, dass
gewerblich eingesetzte Landsleute Weihnachtsurlaub erhalten hatten, sie aber
nicht. Als Beispiel nannte das Regierungspräsidium Frankfurt (Oder) Forst: „So
schickte die ,Deutsche Sprengchemie’ in Forst-Scheuno sämtliche auf ihren
Baustellen beschäftigten polnischen Arbeiter in einem von ihr besorgten
Sonderzuge über Weihnachten nach Hause, während die in der Nähe beschäftigten
polnischen Landarbeiter keinen Urlaub erhielten.“464 Im März 1941 verordnete der
Reichsarbeitsminister eine Urlaubssperre – auch für polnische Arbeitskräfte in der
gewerblichen Wirtschaft, denen ein tariflicher Mindesturlaub zustände. Durch die
unterschiedliche Urlaubsbehandlung hätten sich „zwangsläufige Schwierigkeiten
ergeben“, stellte Friedrich Syrup fest.465
Im Stadtbezirk Forst wurden zwischen dem 1.11.1941 und dem 31.10.1942
insgesamt 253 „Erlaubnisscheine für polnische Zivilarbeiter zum Verlassen des
Arbeitsortes“ ausgestellt.466 Ansonsten war die Bewegungsfreiheit der Polen ab
Februar 1940 fast absolut eingeschränkt: In einer Polizeiverordnung des
Regierungsbezirkes Frankfurt (Oder) vom 21. Februar 1940 wurde ihnen das
462 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil I, Forst, 1996, hier Nachdruck 1999, S. 26
463 StadtA Forst, 314, Der Landrat des Kreises Sorau an die Ortspolizeibehörden und die Bürgermeister, Brief
vom 14. November 1940
464 BLHA Rep. 3B pol I, 1362, Bl. 357 RS
465 BLHA Rep. 3B pol I, 1362, Bl. 360, Syrup war Staatssekretär im Reichsarbeitsministerium
466 StadtA Forst, 3231 (A2101), Bl. 50 RS
Verlassen der Unterkunft zwischen 20 Uhr und 6 Uhr gänzlich untersagt („außer
zum Zwecke der Verrichtung aufgetragener Arbeiten“), in der restlichen Zeit
durfte „die Unterkunft außer zum Zwecke der Arbeitsverrichtung nur mit
besonderer schriftlicher Genehmigung der örtlichen Verwaltungsstelle verlassen
werden“; die Genehmigung sei aber nur in „dringenden Fällen“ zu erteilen.467 Ziel
war „ein das deutsche Gefühl nicht verletzendes und die öffentliche Ordnung und
Sicherheit nicht störendes Verhalten der polnischen Arbeiter“ durchzusetzen.468 In
der Frankfurter Verordnung wurde bereits die Kennzeichnungspflicht
vorweggenommen, die im Rahmen der Polenerlasse am 8. März 1940 reichsweit
verbindlich wurde. Im Mai 1941 wurden die Regierungspräsidien Potsdam und
Frankfurt (Oder) vom Oberpräsidenten aufgefordert, Polen Erwerb und Nutzung
von Fahrrädern und Radios grundsätzlich zu verbieten. Außerdem sollte ein
Verlassen des Ortes nur noch mit schriftlicher Genehmigung der
Ortspolizeibehörde möglich sein und der Kauf von „Mangelwaren (Zigaretten,
Bier usw.) für Polen grundsätzlich verboten werden“.469 Während im
Regierungsbezirk Frankfurt Besitz und Benutzung von Fahrrädern bereits seit
Dezember 1940 untersagt war, gab es skeptische Einschätzungen, was die
Untersagung des Kaufs von „Zigaretten, Bier usw.“ anging. Im
Regierungspräsidium Frankfurt ging man davon aus, dass zur Erhaltung der
Arbeitsfreudigkeit und angesichts des in Kürze anstehenden stufenweisen Abzugs
von französischen Kriegsgefangenen aus der Landwirtschaft die Arbeitgeber sich
„vielfach nicht helfen können, ohne in bescheidenem Umfang Zigaretten oder Bier
den polnischen Zivilarbeitern zukommen zu lassen“.470
Im Jahr 1943 galt für Ostarbeiter „weiterhin“ eine Urlaubssperre. Für
polnische Arbeitskräfte wurde vom Arbeitsamt Forst noch einmal auf die
bestehende Urlaubssperre bis zum 1.12.1943 hingewiesen. Für ausländische
Arbeitskräfte war vor Heimfahrten bei Todesfällen und lebensgefährlichen
Erkrankungen von Ehegatten, Eltern oder Kindern die Bescheinigung einer
zuständigen deutschen Dienststelle beizubringen. Allerdings war die Anordnung
467 BLHA Rep. 3B pol I, 1362, Bl. 27ff
468 BLHA Rep. 3B pol I, 1362, Bl. 28
469 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 327
470 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 328
kompliziert und widersprüchlich.471 Trotz der relativen Besserstellung belgischer
Arbeiter gab es in der Praxis für sie auch keinen Urlaub. Ein Belgier, der in der
Sprengchemie Forst arbeitete, berichtete davon, dass er zwar Bescheinigungen für
Stadturlaub erhielt, aber in 27 Monaten keinen einzigen Heimaturlaub bekam.472
Im Winter 1942 wies die Verwaltung des Stalag IIIB darauf hin, dass
seitens der Unternehmer keine Weihnachtsfeiern für die Kriegsgefangenen-
Arbeitskommandos abgehalten werden dürften. Allerdings wurden interne Feiern
gestattet.473
3.4.5
Soziale Kontakte
Relativ viel Freiraum hatten Franzosen. Ältere Forster erinnern sich, dass
ein Treffpunkt für deutsch-französische Pärchen unterhalb der Brücke am
Rathenauplatz/Adolf-Hitler-Platz gewesen sei. Dabei hätten Deutsche Schmiere
gestanden. In einigen Fällen sollen Forsterinnen auch nach dem Krieg nach
Frankreich gezogen sein und dort geheiratet haben.474 Daneben hat es offenbar
auch einen gewissen Tauschhandel an den Arbeitsplätzen gegeben. In einem
Forster Betrieb, wo Watte und Verbandstoffe produziert wurden, nutzten
zwangsverpflichtete Frauen die Gelegenheit zum Tausch von Lebensmitteln gegen
Parfum oder Seife aus Frankreich oder kauften den französischen
Kriegsgefangenen die per Paket zugesandten Waren ab.475
Wurden engere Kontakte mit deutschen Frauen bekannt, hatte dies aber
erhebliche Folgen. Vor der Festnahme von Deutschen war „mit dem zuständigen
Hoheitsträger der NSDAP Fühlung zu nehmen, um festzustellen, ob die
Bevölkerung beabsichtigt, die ehrvergessenen Volksgenossen öffentlich
anzuprangern.“ Nach ihrer Festnahme, so die Stapoleitstelle Frankfurt im April
1940, „hat eine Herausgabe zum Zwecke der Anprangerung zu unterbleiben“.476
471 StadtA Forst, 3033, Bl. 11, Die Anordnung für Familien- und Urlaubsheimfahrten galt für Holländer, Dänen,
Norweger, Franzosen, Belgier, Italiener, Serben und Griechen sowie für Protektoratsangehörige. Ausdrücklich
ausgenommen von der Anordnung waren Bulgaren, Kroaten, Rumänen, Slowaken, Spanier und Ungarn.
472 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil II, Forst, 1998, S. 13
473 StadtA Forst, 314, Brief des Stalag IIIB vom 15. Dezember 1942 an alle Unternehmer von
Kriegsgefangenenkommandos
474 Diese Aussagen fanden sich übereinstimmend in den Zeitzeugenberichten Nummer 1 und Nummer 2, wobei
es sich im Fall 2 um eine Beziehung zwischen einer Deutschen und einem Franzosen handelte, die bei der Arbeit
in der DSC Scheuno entstanden war.
475 Zeitzeugenbericht Nummer 1, im Anhang; die Mutter der Zeitzeugin war in dem Betrieb in der Frankfurter
Straße beschäftigt.
476 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 77
Auch sei die Veröffentlichung einer Pressenotiz „allein Sache der Geheimen
Staatspolizei“. Zumindest eine solche Anprangerung, bei der es sich im wörtlichen
Sinne des Wortes um Teeren und Federn handelte, soll sich auch in Forst
zugetragen haben, wie eine Zeitzeugin sich erinnert.477 Am 13. Dezember 1941
wies die Gestapo-Leitstelle Frankfurt (Oder) die Landräte und Oberbürgermeister
an, dass solche öffentlichen Anprangerungen – die sie selbst zuvor angeregt hatte –
künftig zu unterbleiben hätten und die Hoheitsträger der NSDAP entsprechend zu
unterrichten seien.478 Deutschen Frauen drohte in der Regel die Einweisung in ein
Konzentrationslager.479
Wesentlich gravierender waren die Folgen intimer Kontakte zwischen
Polen und Deutschen. Polen waren sofort festzunehmen,480 polnischen Männern
und Frauen drohte bei Geschlechtsverkehr mit Deutschen die Todesstrafe,481 für
was aber selbst der Oberpräsident der Provinz Mark Brandenburg im Mai 1940 die
Rechtsgrundlage vermisste.482 Um Kontakte zwischen Polen und deutschen Frauen
zu vermeiden, wurde vom Reichsführer SS bereits im März 1940 angeregt, im
ländlichen Raum möglichst polnische Arbeiter und Arbeiterinnen in gleicher Zahl
einzusetzen oder „durch Einrichtung von Bordellen mit polnischen Mädchen den
477 Zeitzeugenbericht Nummer 1, im Anhang: „Wenn Frauen Kontakte zu irgendwelchen Ausländern
aufgenommen haben und es kam raus – und es ist auch hier mal rausgekommen – da wurden den Frauen die
Haare abgeschnitten, der Kopf kahl geschoren, Teer draufgestrichen und Hühnerfedern. Das war eine Frau aus
einem Dorf hier in der näheren Umgebung. Sie wurde dann durch die Stadt geführt von der NSDAP. Keiner hat
sich dagegen aufgelehnt, man hat versucht, sich das Ganze erst mal nicht anzusehen, um nicht irgendwie in
Verdacht zu kommen, dass man nicht eventuell noch Mitleid mit den Frauen hatte. Das wäre wieder verdächtig
geworden.“
478 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 368
479 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl. 174 RS: Antwort des Reichsführers SS auf ein Schreiben des
Oberpräsidenten.
480 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 77
481 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl. 64, Merkblatt über „Pflichten der Zivilarbeiter und -arbeiterinnen polnischen
Volkstums während ihres Aufenthaltes im Reich“: Unter Punkt 7 heißt es wörtlich: „Wer mit einer deutschen
Frau oder einem deutschen Mann geschlechtlich verkehrt, oder sich ihnen sonst unsittlich nähert, wird mit dem
Tode bestraft.“ Das Merkblatt durfte weder den Polen noch den deutschen Arbeitgebern ausgehändigt werden,
sondern war vorzulesen oder vorzulegen; Dolmetscher mussten nicht dabei sein: „Sprach- und schriftkundige
Polen können hierzu mit herangezogen werden.“ Bl. 56
482 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, Bl 169 und RS. Allerdings gab der Oberpräsident der Mark Brandenburg
gegenüber dem Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Inneren zu
bedenken, dass auch ihm „eine einwandfreie Rechtsgrundlage für eine Bestrafung nicht bekannt“ sei. Das
Merkblatt über die Pflichten der Zivilarbeiter und Zivilarbeiterinnen polnischen Volkstums bedrohe zwar unter
Ziffer 7 mit dem Tode, wer mit einem oder einer Deutschen geschlechtlich verkehre oder sich ihnen sonst
unsittlich nähere. „Doch bildet diese Androhung m.E. keine ausreichende Rechtsgrundlage [sic!] für ein
Strafverfahren.“ Trotzdem veranlasste er die Festnahme von einem vermeintlich freigelassenen Pärchen durch
die Gestapo. Der Reichsführer SS sah keine Veranlassung für eine Rechtsgrundlage. Eine Aburteilung der wegen
intimen Verkehrs mit Reichsdeutschen festgenommenen Polen im Wege des ordentlichen Strafverfahrens, die
die Schaffung einer besonderen Rechtsgrundlage erfordern würde, ist nicht beabsichtigt.“ (Antwort auf das
Schreiben des Oberpräsidenten, Bl. 174 RS)
Gefahren“ vorzubeugen.483 Wesentlich sei aber die Unterbringung der Polen in
geschlossenen Unterkünften. Im April wurden von der Stapoleitstelle Frankfurt
„zusätzliche staatspolizeiliche Maßnahmen“ über die Polenerlasse hinaus als
unerlässlich angesehen. Detailliert wurde in einer Sonderanweisung festgelegt, wie
im Falle eines Vergehens gegen Polen und Deutsche vorzugehen sei.484 Dabei
hatten Polen, denen Arbeitsvertragsbrüche vorgeworfen wurden, keine Aussicht
auf ein Strafverfahren; die Ahndung erfolgte „ausschließlich durch
staatspolizeiliche Maßnahmen – Einweisung in ein Arbeitserziehungs-
beziehungsweise Konzentrationslager“. Strafanzeigen waren an die Gestapo, nicht
an Gerichte oder andere Dienststellen zu leiten, forderte die Stapoleitstelle
Frankfurt.485 Bei „strafbaren Handlungen – insbesondere krimineller Art“ [sic!]
sollten die Polen so lange im Polizeigefängnis festgehalten werden, bis die
Gestapo eine Entscheidung zum weiteren Verfahren getroffen hatte. Keinesfalls
seien die Ermittlungsvorgänge sofort an die Gerichte abzugeben.486
Mit der Beurlaubung aus der Kriegsgefangenschaft hatten Franzosen auch
die Möglichkeit Gaststätten und „Rummel“ zu besuchen. Weil sie mit einem
französischen Kriegsgefangenen spazieren gegangen war, mehrfach mit ihm Briefe
und gelegentlich Zärtlichkeiten ausgetauscht hatte, wurde eine Forsterin im Mai
1943 zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.487 Während der Haft im
Frauengefängnis Berlin wurde ihr zweites Kind geboren. Durch Denunziation
einer Nachbarin wurde die Reisserin Ende Oktober 1944 verhaftet, weil sie sich
wieder mit einem Franzosen getroffen hatte. Die Denunziantin ging soweit, dass
sie danach für die Polizei sogar den Mann ausfindig machte. Der Arbeiter in der
483 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl 43, Schnellbrief des Reichsführers SS vom 8. März 1940 an den
Reichsarbeitsminister
484 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 76 – 79; Unterschieden wurden bei Widersetzlichkeit und
Arbeitsunlust in minder schweren Fällen (Verwarnung und Meldung an die Stapoleitstelle), falls das nicht
ausreiche, Schutzhaft bis zu 10 Tagen, in schweren Fällen Schutzhaft „bis auf weiteres“, und in besonders
schwere Fälle („Sabotageverdacht, Sabotageversuche und Sabotage“). Unter „Unerwünschtes Verhalten der
Polen“ wurden sofortige Festnahmen von Polen und Deutschen verlangt, die miteinander Geschlechtsverkehr
ausüben oder „Liebesverhältnisse unterhalten“. Auch für „reichsfeindliches Verhalten“ war in minder schweren
Fällen Schutzhaft angeordnet. Bei Verdacht auf „hoch- und landesverräterische Bestrebungen“ musste die
Gestapo sofort benachrichtigt werden. Auch Maßnahmen gegen die deutsche Bevölkerung wurden festgelegt.
Als Beispiele wurden angeführt: „Besuch der den Polen zugewiesenen Gaststätten und Unterkünfte, das
Vermitteln von Briefen, das Sammeln von Geld oder Bekleidungsstücken, der Kauf von Fahrkarten, der Besuch
polnischer Gottesdienste und die Teilnahme an deren kulturellen und geselligen Veranstaltungen u.ä.m.“ Die
Maßnahmen reichten von einer Verwarnung bis hin zur Schutzhaft und „in besonders schweren Fällen“ bis hin
zur Überführung in ein Konzentrationslager. Ausdrücklich wurde darauf hingewiesen, dass polnische
Zivilarbeiter in Rüstungsbetrieben der gleichen Behandlung unterlägen, wie die anderen polnischen Zivilarbeiter.
485 BLHA Rep. 3B pol I, 1362, 378, Brief der Staatspolizeileitstelle vom 10. Februar 1942
486 BLHA Rep. 3B pol I, 1362, Bl. 436
487 BLHA, Rep. 12C Sondergericht Frankfurt/Oder, 1376; alle weiteren Angaben zu diesem Fall stammen aus
dieser Prozessakte.
Sprengchemie Forst hatte den Status eines beurlaubten französischen
Kriegsgefangenen, trug mit behördlicher Erlaubnis Zivilkleidung und hatte die
Deutsche im Lokal „Zur Traube“ kennen gelernt und sie später offenbar auch
mehrmals über Nacht besucht. Der ermittelnde Kriminalsekretär bezeichnete sie in
seinem Bericht als „liederliche Frauenperson“, für die er es wegen der
Wiederholung ihres Vergehens für angebracht hielt, „sie für einige Monate dem
Arbeitserziehungslager Schwetig zu überstellen, falls nicht die Staatspolizeistelle
schon jetzt die Unterbringung in ein KZ für erforderlich hält“. Da der Ermittler
sich in seiner Rolle des Richters offenbar gefiel, sah er für den Franzosen „21 Tage
Schutzhaft im hiesigen Polizeigefängnis für ausreichend“ an. Schließlich liege die
Hauptschuld bei der Deutschen, der beide Kinder weggenommen wurden. Erst
nachdem sie Wochen später ein Gnadengesuch einreichte, erkundigte sich die
Staatsanwaltschaft nach ihrem Verbleib. Bei der Verhandlung vor dem
Sondergericht Frankfurt (Oder) wurde sie freigesprochen, weil sie entgegen dem
Protokoll des Gestapo-Verhörs glaubhaft machen konnte, dass sie den Status eines
beurlaubten französischen Kriegsgefangenen nicht kannte. Wie lange und wo der
Franzose in Haft blieb, war in der Prozessakte der Deutschen nicht verzeichnet.
„Stadturlaub“ wurde auch belgischen Mitarbeitern aus dem
Bereitschaftslager Scheuno-Ost gewährt. Der Wallone mit der Lagerausweis-
Nummer 321 durfte beispielsweise am 1.2.1945 „Kameraden in der
Berlinerstrasse“ besuchen. Er selbst lebte in der Baracke 450.
In einem Fall wurde ein französischer Mitarbeiter einer Fleischerei
zwar nicht zu Familienfeiern eingeladen, war aber bei der gemeinsamen
Weihnachtsfeier und Bescherung der Fleischerfamilie dabei.488
3.4.6 Gottesdienste
Auf „Wunsch und Veranlassung der Sprengchemie Scheuno“
beabsichtigte der katholische Pfarrer Dr. Max Rauer im Lager der
Sprengchemie „in Abständen von zwei bis vier Wochen für die dort
beschäftigten polnischen Zivilarbeiter im dortigen Lager oder gegebenenfalls
auch in der kath. Kirche Forst/L (getrennt von den örtlichen Pfarrangehörigen)
Gottesdienste abzuhalten. Da ein großer Teil der Arbeiter der deutschen
488 Zeitzeugenbericht Nummer 3, im Anhang
Sprache mächtig ist, wird diese Predigt in deutscher Sprache abgehalten“.489
„Gegen die Abhaltung eines gesonderten Gottesdienstes für die Polen“ hatte
die Gestapo keine Bedenken, schränkte aber ein: „Es darf jedoch keine Predigt
und die polnische Sprache überhaupt nicht angewendet werden.“ Gleichzeitig
erhielt der Forster Oberbürgermeister Angaben zur Überwachung von
Gottesdiensten.490 Nach dem Beginn des Russlandfeldzuges wurden im
Regierungsbezirk Frankfurt (Oder) sämtliche Sondergottesdienste für Polen
wegen der „unruhigen und unsicheren Haltung“ verboten.491 Deshalb
erkündigte sich Pfarrer Rauer bei der Stadt, ob davon auch die bisherigen
Gottesdienste im „Arbeiterlager Forst-Scheuno“ betroffen seien. „Es handelt
sich um ein geschlossenes Lager von mehreren hundert Zivilarbeitern“, erklärte
der Pfarrer. „Der Gottesdienst wird also weder in der Oeffentlichkeit sichtbar
noch ist damit eine besondere Zusammenrottung der Leute verbunden, da sie
ohnedies Tag und Nacht Beisammen sind.“ Die Geistlichen von Forst seien
außerdem der polnischen Sprache nicht mächtig, versuchte Rauer Bedenken zu
zerstreuen.492 Die Antwort fiel negativ aus.
Das generelle Verbot wurde später aufgehoben, die Gottesdienste von
der Gestapo im Juli 1942 aber als „unerwünscht“ betrachtet, da die Polen den
Besuch der Kirche „in erster Linie zum Austausch von Nachrichten und zur
Absprache von Verhaltensmassregeln gegenüber der Polizei und ihren
Arbeitgebern benutzen“. Zwar konnte die Gestapo „mit Rücksicht auf die
höheren Orts getroffene Anordnung den Gottesdienst für Polen nicht [...]
verbieten“, forderte aber die Landräte und Ortsbürgermeister auf, „auf die
Bürgermeister und Amtsvorsteher in geeigneter Weise einzuwirken, dass die
ihnen von den katholischen Geistlichen zugehenden Mitteilungen über die
Abhaltung polnischer Gottesdienste nicht weitergegeben werden.493 Für das
Jahr 1943 sind in Forst Sondergottesdienste „nur für Polen“ an jedem ersten
489 StadtA Forst, 2446 (4292), „Katholiken“, Bl. 15, Brief von Kathol. Pfarramt Dr. Rauer vom 17.9.40
490 StadtA Forst, 2446 (4292), „Katholiken“, Bl. 19, Brief der Geheimen Staatspolizei, Staatspolizeistelle
Frankfurt/Oder, vom 8.10.1940 an den Oberbürgermeister der Stadt Forst.
491 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 319, Geheime Staatspolizei Frankfurt/Oder, Schreiben vom 5. Juli
1941 an die Landräte und Oberbürgermeister
492 StadtA Forst, 2446 (4292), „Katholiken“, Bl. 31, Schreiben von Pfarrer Max Rauer an
Oberbürgermeister/Kriminalpolizei vom 15.7.1941
493 BLHA Rep. 3B pol I, 1362, Bl. 416
Sonntag im Monat „in der hiesigen kath. Kirche“ nachgewiesen.494 Im Sommer
1944 wurden Gottesdienste für ausländische Arbeiter vom
Regierungspräsidenten Frankfurt (Oder) „mit Rücksicht auf die angespannte
Arbeitslage in Industrie und Landwirtschaft“ bis Ende Oktober verboten.495
3.4.7 Verfolgung
Nach den Polenerlassen wurden allein in Forst bis Ende November
1942 insgesamt 69 Strafverfügungen gegen polnische Zivilarbeiter wegen des
Verstoßes über die Kenntlichmachung erlassen. Weitere 42 Verfahren bis
Ende November 1942 wurden wegen Verstößen gegen die Polizeiverordnung
des Regierungsbezirkes Frankfurt (Oder) vom 27.9.1940 eingeleitet.496 Die
Gestapoleitstelle Frankfurt beantragte im Juni 1940, das „Auffanglager
Meseritz in ein stapo-eigenes Lager zu verwandeln, dass so ausgebaut werden
sollte, dass dort „längere Schutzhaft (bis zu 3 Monaten) verbüsst werden
kann“.497 Davon nahm die Gestapo allerdings Abstand, da man im September
1940 die Möglichkeit hatte, „Polen in unbeschränkter Zahl in das Arbeitslager
Wuhlheide bei Berlin zu verbringen“.498 Ab Dezember 1940 wurden Polen
nicht mehr in das (Gestapo)-Gefängnis in Frankfurt (Oder) gebracht, sondern
sollten unmittelbar in das AEL „Oderblick“ in Schwetig an der Oder gebracht
werden – allerdings sollten nur „voll einsatzfähige Personen zur Einlieferung
kommen“, forderte die Staatspolizeistelle von den Landräten und
Oberbürgermeistern.499 Möglicherweise hat das AEL Schwetig schon vorher
bestanden.500 Dort war möglicherweise auch ein französischer Mitarbeiter der
DSC Forst. Eine Deutsche beschrieb ihn nach mehrwöchigem Aufenthalt im
494 StadtA Forst, 2446 (4292), „Katholiken“, Bl. 53 RS, Die Antwort der Kriminalpolizei Forst auf eine Anfrage
der Gestapo Frankfurt (Oder), ob deutsche Jugendliche verbotenerweise als Messdiener herangezogen würden
(Bl. 53), fiel negativ aus.
495 Zitiert nach Beermann, Susanne: Der Ostarbeitereinsatz in der Provinz Brandenburg von 1939 bis 1945,
Schriftliche Hausarbeit zur Diplomprüfung (unveröffentlicht), Berlin, 1994, S. 51, mit Verweis auf BLHA
Pr.Br.Rep. 41 Amtsbezirk Brieske, Kreis Calau Nr. 251, o.Bl.; für Forst ist nicht bekannt, ob es zu diesem
Zeitpunkt noch Gottesdienste für Ausländer gab.
496 StadtA Forst, 3231, (A2101), Bl. 51
497 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol I, 1362, Bl. 119RS und 120, Schreiben der Staatspolizeileitstelle Frankfurt
(Oder) vom 18. Juni 1940 an die Landräte und Oberbürgermeister u.a.
498 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 191
499 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 256
500 Beermann, Susanne: Der Ostarbeitereinsatz in der Provinz Brandenburg von 1939 bis 1945, Schriftliche
Hausarbeit zur Diplomprüfung (unveröffentlicht), Berlin, 1994, S. 22. Beermann beruft sich dabei auf
Dokumente des BLHA, wonach bereits im Mai/Juni der Landrat des Kreises Jüterbog-Luckenwalde
Aufstellungen anforderte, ob aus den Amtsbezirken bereits aufgrund vorgefallener Übertretungen direkte
Einweisungen in das Arbeitserziehungslager Schwetig erfolgt wären; BLHA Pr. Br. Rep. 41 Nr. 13 Amtsbezirk
Gräfendorf/Kreis Jüterbog-Luckenwalde, Bl. 12.
Straflager „mit kahlgeschorenem Kopf, stark abgemagert und sich immer im
Dauerlauf bewegend“.501
Noch 1940 wurde von der Stapo-Leitstelle klargestellt, dass „bei
Überführung in das Auffanglager [Meseritz] nur längere Schutzhaft in Frage
kommt“. Es müsse in den Meldungen klar werden, warum eine Schutzhaft von
10 Tagen nicht ausreiche.502 Weil es Fälle gab, bei denen der Platz in örtlichen
Gefängnissen nicht mehr ausreichte, waren Polen ab Oktober 1940 nur noch
bis zu drei Tagen in örtlichen Gefängnissen unterzubringen.
Trotz der bestehenden Einschränkungen forderte der Landrat von Sorau
eine verschärfte Polizeiverordnung, um den Polen den Zugang zu
alkoholischen Getränken zu erschweren und fügte dem Schreiben an den
Regierungspräsidenten einen Entwurf bei.503 Diese Verordnung wurde am
27.9.1940 vom Regierungspräsidium erlassen.504 Wenig später erweiterte der
Sorauer Landrat sein Anliegen. Weil die „alten Bestände an Spirituosen usw.“
in den Kleinverkaufsstellen aufgebracht wären, seien die Polen dazu
übergegangen, Brennspiritus zu kaufen. Auch die DAF habe gebeten, dass die
Abgabe von Brennspiritus verboten werde. Was den Landrat so bewegte: „Die
Folge ist nun, dass neben der großen Gefahr der gesundheitlichen Schädigung
infolge Genusses von Brennspiritus die Trunksucht immer mehr überhand
nimmt und zu Ausschreitungen, Arbeitsverweigerung und Arbeitsunlust im
vermehrten Maße führt. Entsprechende Beobachtungen müssen insbesondere
501 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil II, Forst, 1998, S. 19
502 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 126
503 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol, 1362, Bl. 201 und RS, Trotz des Gaststättenverbotes versuchten Polen –
teilweise über Kinder – in Gaststätten und anderen Verkaufsstellen an Branntwein, Monopolsprit und Südweine
zu gelangen. Der Landrat von Sorau war der Auffassung: „Da die Trunksucht dieser Arbeitskräfte immer mehr
in Erscheinung tritt und im angetrunkenen Zustande das Verhalten der Polen besonders herausfordernd gegen die
Betriebsführer und heimischen Arbeitskräfte wird, ist der Erlaß einer Polizeiverordnung gegen den Missbrauch
starker alkoholischer Getränke zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit und zur
Beseitigung der Arbeitsunlust dringend notwendig.“ Entwurf für Verordnung 202 und RS: Betriebsführer hatten
Zuwiderhandlungen binnen 24 Stunden zu melden. Den Polen drohte ein Zwangsgeld bis zu 100 Reichsmark,
ansonsten bis zu zwei Wochen Zwangshaft.
504 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol I, 1362, Bl. 205 und 206 bzw. 208. Die Verordnung vom 27.9.1940 schränkte
das Verlassen der Unterkünfte stark ein, verbot die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel außerhalb des
Nahbereichs (es sei denn im Sinne des Arbeitseinsatzes), den Besuch „deutscher Veranstaltungen kultureller,
kirchlicher und geselliger Art“, den Besuch von Gaststätten und den Verkauf von Alkohol an polnische
Zivilarbeiter. Die Strafen gingen weiter, als der Sorauer Landrat vorgeschlagen hatte: Es drohten bis 150
Reichsmark oder bis drei Wochen Haft – auch für Arbeitgeber, die ihrer Meldepflicht nicht nachkamen. (Bl. 208
RS)
an solchen Arbeitsstellen gemacht werden, wo eine größere Anzahl polnischer
Arbeitskräfte eingesetzt sind.“505
3.4.8 Widerstand
Kriegsbedingt kam es seit 1944 zunehmend zu Fällen, wo Unterkünfte
zerbombt oder die Versorgung nicht mehr gewährleistet war und Ausländer,
um zu überleben, teilweise in den Untergrund gingen, Lebensmittel stahlen
oder plünderten.506 Während Herbert darin existenzielle Überlebensstrategien
sah, postulierte Eichholtz bereits den Diebstahl von Nahrungsmitteln als
Widerstand, zu dessen hauptsächlichsten Form in der Lage der Zwangsarbeiter
bereits der Kampf ums Überleben, Arbeitszurückhaltung und
Arbeitsverweigerung, Flucht, Sabotage und Kundschaftertätigkeit gehörten.507
Spoerer sieht als Motiv für Bummelei, Krankmeldung, Absentismus, offene
Arbeitsverweigerung und (seltener) Sabotage vor allem das Motiv, eine
Verbesserung der eigenen Situation zu erreichen, da den Ausländern der
Rechtsweg versperrt blieb.508 Folgt man diesen Ansätzen zum
Widerstandsbegriff, gibt es auch in Forst Beispiele für Widerstand.
Ein Beispiel für gemeinsamen Widerstand könnten die Aufzeichnungen der
Nadja Listopadowa sein. Demnach wurde die damals 17-Jährige von der
Gestapo in der Fabrikhalle von Hänsel & Co verhaftet, weil sie
antifaschistische Flugblätter in die Rosshaardecken steckte, während ein
deutscher Arbeiter am Eingang aufpasste. Um die Namen der Helfer zu
erfahren, habe die Polizei sie gefoltert; der linke Daumen wurde zerquetscht,
Zähne ausgeschlagen und Haut verbrannt. Über einen Wächter im
Polizeigefängnis habe sie aber Briefe weiterleiten können. Sie benannte in dem
Brief aus dem Jahr 1970 auch Forster Familien, die ihr beispielsweise durch
Lebensmittel halfen.509
505 BLHA Pr. Br. Rep. 3B I pol I, 1362, Bl 241. In dem zweiten Entwurf wird deutlich, wie weit das Problem
reichte. Das Landratsamt definiert Brennspiritus als „der im freien Handel erhältliche vergällte Spiritus sowie
spiritusähnliche Fabrikate oder Ersatzspiritus zu Brenn- oder sonstigen gewerblichen Zwecken. Unter das Verbot
fällt auch Sulfitspiritus, synthetischer Spiritus, Karbidspiritus und Mineralspiritus, soweit er für gewerbliche oder
sonstige Zwecke im freien Handel erhältlich ist“. (Bl. 242)
506 Herbert, Ulrich: Fremdarbeiter – Politik und Praxis des Ausländer-Einsatzes in der Kriegswirtschaft des
Dritten Reiches, Bonn, 1999, S. 381ff
507 Eichholtz, Dietrich: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 – 1945, Band II, Teil 1, München 1999,
S. 288
508 Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz – Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und
Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939- 1945, Stuttgart/München, 2001, S. 255
509 StadtA Forst Ch/106, Brief von Nadja Listopadowa vom 29. März 1970
Eher verdeckte Formen des Widerstandes gab es in der Vortäuschung von
Krankheiten510 beziehungsweise einem organisierten Krankenstand, wie er
offenbar in der Hänselhalle von Italienischen Militär-Internierten erfolgreich
praktiziert wurde.511 Ein jugoslawischer Offizier, der sich wegen seiner
Sprachkenntnisse als Italiener ausgegeben haben soll, berichtete einer Forster
Krankenkassenangestellten nach dem Krieg, dass es einen organisierten
Krankenstand gegeben habe. Durch den sei im Vergaserbetrieb (Deutsche
Vergaser) Arbeitsausfall entstanden. Dem Bericht zufolge gab es einen relativ
hohen Organisationsgrad innerhalb des Militärinterniertenlagers, nicht nur was
gruppenweise auftretende Krankheitsfälle anging, sondern auch hinsichtlich
der Nahrungsmittelbeschaffung. Die soll nachts durch ein gegrabenes Loch im
Lager ihren Ausgang genommen haben, damit auf den Feldern unter anderem
Kartoffeln und andere Nahrungsmittel gesammelt werden konnten.
Unter den Begriff Widerstand kann auch eine Art stille Zusammenarbeit
zwischen Deutschen und Ausländern fallen, von der Zeitzeugen512 aus der DSC
Forst berichten. Dabei wurden wie versehentlich Nahrungsmittel abgestellt
oder den Ausländern zugeschoben.
Eine Forster Widerstandsbewegung, deren Mitglieder hauptsächlich aus der
Sportbewegung kamen, sollen sich regelmäßig am Hammerplatz (heute TV-
Sportplatz) getroffen und dabei unter der Tarnung sportlicher Betätigung auch
holländische und italienische Arbeiter einbezogen haben.513
3.4.9 Todesfälle
Eines blieb den Forstern und den dort untergebrachten Ausländern
erspart: Luftangriffe. Während beispielsweise am 29. und 30. Mai 1944 die
Focke-Wulf-Fabriken an den Flugplätzen Cottbus und Sorau Ziele eines
510 Reiche, Brigitte: Zur medizinischen Betreuung und sozialen Lage der im Raum Leipzig während des Zweiten
Weltkriegs eingesetzten ausländischen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlinge, Dissertation, Karl-
Marx-Universität Leipzig, 1990, S. 103f. Als Beispiel wird eine unerkannt in einem Tauchaer
Zwangsarbeiterlager lebende Ärztin genannt, die mit ihren „Patienten“ Symptome einstudierte beziehungsweise
mit Hilfsmitteln vortäuschte. Ähnliche Fälle wurden aus einem anderen Lager bekannt.
511 Diese Informationen beruhen auf den Aussagen einer deutschen Zeitzeugin. Die Abschrift ist unter
Zeitzeugenbericht 1 im Anhang beigefügt.
512 Zeitzeugenbericht Nummer 5, im Anhang
513 Ihlo, Richard / Scholze, Wilfried: Als die Uhren stehen blieben, Das Ende des Krieges in der Textilstadt Forst
1945, Forst, 1996, S. 29
großangelegten Angriffs wurden,514 bei denen auch die Städte selbst
bombardiert wurden , blieb das zwischen beiden Städten gelegene Forst
unbehelligt.
Auf den wichtigsten Rüstungsbetrieb in Forst, die Sprengchemie
Scheuno, hat es keinen nachweisbaren Bomberangriff gegeben. Bisher zu den
Gründen geäußerte Vermutungen dafür sind zweifelhaft.515 Die Folgen wären
für Deutsche wie Ausländer gleichermaßen verheerend gewesen. Noch stärker
hätte ein Bombardement der Unterkünfte die Fremdarbeiter getroffen. Da die
Ausländer meist keine Schutzbunker hatten, waren woanders dagegen auch
unter den ausländischen Rüstungsarbeitern Opfer zu beklagen.516
Angaben in polnischen Publikationen, dass in den letzten Kriegsjahren
bei der Sprengchemie Forst „über 2000 Zwangsarbeiter aufgrund von
Erschöpfung, Hunger und der Infektionskrankheiten gestorben sind“,517
wurden auch auf Nachfrage nicht mit Quellen belegt.
Nicht abschließend konnte eingeschätzt werden, wie viele „Klein- und
Kleinstkinder“ im Lager des Reichsministers für die besetzten Ostgebiete
gestorben sind.518 Bei einer Durchsicht des Beerdigungsregisters auf dem
Forster Stadtfriedhof ergab eine erste Durchsicht, die sich an osteuropäisch
klingenden Namen orientierte, dass für mindestens fünf Kinder im Alter bis
vier Jahren nachgewiesen werden kann, dass sie zuvor in Forster
Ausländerlagern lebten oder in einem Fall einen polnischen Vater hatten. Bei
514 Eichholtz, Dietrich: Rüstungswirtschaft und Arbeiterleben am Vorabend der Katastrophe; in: Eichholtz,
Dietrich (Hg.) und Püschel, Almuth: Verfolgung, Alltag, Widerstand - Brandenburg in der NS-Zeit, Berlin,
1993, S. 74
515 Die Sprengstoffproduktion war kein vorrangiges Ziel der alliierten Luftangriffe. Erst in den beiden letzten
Kriegsjahren gab es Angriffe auf Munitionsfabriken, die offenbar eher wegen ihrer regionalen Lage ausgesucht
wurden. Schwachpunkt der deutschen Produktionskette waren die Rohstoffe, nicht Werke wie Scheuno, die
trotzdem empfindlich für Angriffe aus der Luft waren. Für das Werk Schönebeck reichten am 24. Januar 1944
zwei RAF-Bomber, um schwere Schäden anzurichten. Clausthal-Zellerfeld, wo TNT produziert und Granaten
gefüllt wurden, wurde erst am 7. Oktober 1944 bombardiert. Eine der größten europäischen Munitionsfabriken in
Troisdorf war erst am 27. Dezember 1944 Ziel von Luftangriffen. Was ebenfalls nicht für ein strategisches
Vorgehen spricht: Die Bombardierung der Werke Düneberg und Krümel am gleichen Tag war unnötig. Die
beiden nur wenige Kilometer auseinandergelegenen Werke waren voneinander abhängig; der Ausfall des einen
hätte den Ausfall des anderen verursacht. Erst am 11. April 1945 wurde das DSC-Werk in Kraiburg bombardiert.
In: USSBS: Strategic Air Attack on the German Powder, Explosives an Propellants Industry, im US Strategic
Bombing Survey, Second Edition January 1947. Schulz, und wahrscheinlich auf ihn basierend Majchrzak, hatten
die Beteiligung amerikanischen Kapitals an der IG Farben als Grund vermutet, was unter anderem angesichts des
Angriffes auf andere Produktionsstätten einer Überprüfung nicht standhält.
516Vgl. Eichholtz 1993, S. 75, Beschreibung des Luftangriffes auf die Brabag Schwarzheide, und vor allem
Fuchslocher, Kolja: „Ich hab Berlin in Schutt und Asche fallen sehn“, Der Alltag der Fremd- und
Zwangsarbeiter im Luftkrieg, in: Scholze-Irrlitz, Leonore und Noack, Karoline (Hg.): Arbeit für den Feind –
Zwangsarbeiter-Alltag in Berlin und Brandenburg (1939 – 1945), Berlin, 1998, S. 93ff
517 Majchrzak, Jerzy Piotr: Miasto ze Złotym lwem w herbie, Zary, 1998, S. 196
518 StadtA Forst, 3261, Bl. 139
zwei weiteren Kleinkindern konnte belegt werden, dass sie zuletzt im
Ostarbeiterlager in Friedrichshain (Kreis Spremberg) beziehungsweise im
„Lager am See“ Christianstadt lebten. Für weitere sieben Kleinkinder sind
keine Sterbebücher mehr vorhanden, so dass sehr vorsichtige Schätzungen
davon ausgehen müssen, dass mindestens fünf, wahrscheinlich aber zwölf oder
mehr ausländische Kleinkinder auf dem Forster Hauptfriedhof bestattet wurden
– übrigens auch nicht separat, sondern neben den deutschen Kindern.
Gleichermaßen wurde das Beerdigungsregister für Kinder von vier bis 14
Jahren durchgesehen. Unter den drei Kindern, die nach einer ersten Durchsicht
in Frage zu kommen schienen, war ein siebenjähriger Pole aus dem Lager
Muskauer Straße 200.519 Da für die beiden anderen, im Januar 1945
verstorbenen Kinder dieser Altersgruppe520 keine Sterbebücher mehr
vorhanden waren, sind für diese Altersgruppe keine konkreten Angaben
möglich.
Keine Aussagen können zu möglichen Todesfällen unter den
Kriegsgefangenen in Forst gemacht werden. Generell galt für russische
Kriegsgefangene, dass die Bestattung „auf den Begräbnisplätzen der
Kriegsgefangenenlager“ zu erfolgen habe. Da auch erkrankte oder
„unfallbeschädigte“ russische Kriegsgefangene vom Mannschaftslager
übernommen werden sollten,521 ist nicht auszuschließen, dass entkräftete
Kriegsgefangene erst dort starben. Für den Fall, dass „von Wehrmachtsstellen
das Ansinnen gestellt wird, Leichen russ. Kgf. zu bestatten“, war die Gemeinde
verpflichtet, die Bestattung „nach militärärztlicher Feststellung des Todes
unverzüglich durchzuführen.“ Die Kosten waren „so niedrig wie irgend
möglich zu halten“ und nicht Särge zu verwenden, sondern starkes „Papier
(möglichst Öl-, Teer- oder Asphaltpapier)“.522 Im November 1941 wurde vom
Landrat in Sorau eine vertrauliche Anweisung an die Bürgermeister verschickt,
die den Betreff „Bestattung von Leichen sowjetischer Kriegsgefangener durch
519 Beerdigungsregister des Forster Hauptfriedhofes für Kinder von vier und 14 Jahren und Sterberegister des
Standesamtes Forst, Nr. 872 aus 1944. Eine entsprechende Hausnummer existiert nicht. Es ist offen, ob es sich
um das Lager am Waldgürtel (die Straßenbezeichnung gab es damals noch nicht), das Lager Keune (Triebeler
Straße 200) oder die ehemalige Baracke („Walderholung“) an der Ecke Muskauer/Skurumer Straße handlete.
520 laut Beerdigungsregister des Forster Hauptfriedhofes für Kinder von 4 bis 14 Jahren, Sterberegisternummern
12 und 66 aus 1945
521 StadtA Forst, 3026, Bl. 5 und 6, Allgemeine Richtlinien über den Einsatz russischer Kriegsgefangener,
Schreiben des Oberpräsidenten vom 28.1.1943
522 StadtA Forst, 3026, Bl. 5 und 6, Allgemeine Richtlinien über den Einsatz russischer Kriegsgefangener,
Schreiben des Oberpräsidenten vom 28.1.1943
[sic!] die Gemeinden“ trug. Darin gab es die Weisung: „Als Begräbnisort auf
Friedhöfen einen entlegenen Teil wählen.“ Außerdem sollte die Bestattung
mehrerer Leichen im Gemeinschaftsgrab „nebeneinander – nicht übereinander“
erfolgen.523 Daraus könnte man schließen, dass eine Konkretisierung der
Vorgaben aus gegebenem Anlass nötig wurde. Belege dafür gibt es allerdings
nicht.
Ostarbeiter, die während des Einsatzes starben, sollten „grundsätzlich
auf dem öffentlichen Friedhof des S t e r b e o r t e s bestattet“ werden – und
zwar auf Grabstellen, die „hinreichend getrennt von den für die Bestattung von
Deutschen vorgesehenen Grabstellen liegen“. Dabei sollte den
Glaubensgrundsätzen Rechnung getragen werden.524 Entweder war diese
Regelung in der Stadt Forst nicht bekannt oder sie wurde missachtet. Jedenfalls
wurden die Leichen der Ostarbeiter in Reihengräbern neben Deutschen
begraben.525 Im Begräbnisbuch für Erwachsene des Forster Hauptfriedhofes
sind Bestattungen von 43 Ostarbeitern und Polen beziehungsweise einem
Kroaten aufgeführt. Das Durchschnittsalter betrug 29 Jahre.526 Ein Vergleich
mit dem Sterberegister der Stadt ergab, dass darunter auch Ausländer waren,
deren letzte Anschrift teilweise in den Kreisen Sorau (Schwerpunkt waren
Lager des DAG-Werkes Christianstadt),527 Rothenburg, Sagan und Cottbus
lagen. Für fünf Ostarbeiter und Polen ist kein Sterbebuch beziehungsweise
Eintrag mehr vorhanden.528 Wegen dieser Zusammenstellung müsste in
weiteren Forschungen die Frage vertieft werden, ob auf dem Hauptfriedhof
möglicherweise nur Tote liegen, die zuvor wegen Krankheit oder Verletzungen
in den Ostarbeiter- und Ausländerbaracken des Krankenhauses Forst behandelt
wurden. Darüber hinaus ist nicht auszuschließen, dass noch mehr Menschen an
den Folgen des Arbeitseinsatzes in Forst und Umgebung starben, da bereits seit
523 StadtA Forst, 314, Brief des Landrates an die Bürgermeister des Kreises Sorau vom 21. November 1941, Nur
für den Dienstgebrauch, Veröffentlichung – auch auszugsweise – nicht gestattet.
524 BLHA Rep 3B I pol, 1912, Auszug aus dem Ministerialblatt des Reichs- und Pr. Ministerium des Innern, S.
677, zu: Friedhöfe, Bestattung in Deutschland verstorbener Ostarbeiter, April/Mai 1943
525 Beerdigungsregister der Stadt Forst für Erwachsene auf dem Hauptfriedhof
526 Beerdigungsregister der Stadt Forst für Erwachsene auf dem Hauptfriedhof
527 Eine grundlegende Forschung zum DAG-Werk Christianstadt wurde vor zwei Jahren vorgelegt: Löbner,
Martina: „Geheime Reichssache“ Christianstadt – Das Ende einer Kleinstadt zwischen Oder und Neiße sowie
der Sprengstoff-Fabrik „Ulme“, Dissertation (unveröffentlicht), Hannover 2002
528 Beerdigungsregister des Hauptfriedhofs sowie Abgleich mit dem Sterberegister des Standesamtes Forst
dem 1. Juli 1942 nicht einsatzfähige Ostarbeiter in Sonderzügen aus der ganzen
Provinz in Auffanglager an der Ostgrenze zurückbefördert werden sollten.529
Erst im Oktober 1944 wurden die Unterschiede bei der Beisetzung bei
ausländischen Beschäftigten, zumindest im öffentlichen Dienst, aufgehoben.
Für Polen und Ostarbeiter galten nunmehr die gleichen Regelungen wie für alle
anderen ausländischen Arbeitskräfte.530 Zuvor durften Abordnungen der
Beschäftigungsbehörde oder -dienststelle oder Kollegen gleicher Nationalität
nicht an den Beisetzungen verstorbener oder tödlich verunglückter Polen oder
Ostarbeiter teilnehmen. Kranzspenden für Polen und Ostarbeiter durften nicht
aus öffentlichen Mitteln finanziert werden.531
Die Zwangsarbeiter-Gräber auf dem Forster Stadtfriedhof sind nicht
gekennzeichnet, obwohl es bereits in der DDR 1974 eine grundsätzliche
Anweisung für die Kennzeichnung, Pflege und Gestaltung von Gräbern auch
ausländischer Zivilpersonen gab, die ausdrücklich auch ehemalige
Zwangsarbeiter umfasste.532 Eine Kennzeichnungspflicht besteht heute
offenbar nicht mehr. Für das gesamte heutige Stadtgebiet von Forst wird auch
in der aktuellen Kriegsgräberübersicht nur von 257 auf dem Gräberfeld
russischer Soldaten Bestatteten, zwei in Groß Bademeusel begrabenen Russen
sowie einem Polen auf dem Friedhof Bohrau ausgegangen,533 der mittlerweile
umgebettet wurde.
In den Büchern des Krematoriums Forst finden sich keine Belege dafür,
dass die Anlage auch für die Einäscherung von Ausländern während des
Krieges genutzt wurde.534
Auch die Existenz oder Lage eines „Betriebsfriedhofes“535 des DSC-
Werkes konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Zwei Schwestern, die im
Ausländerlager als Deutsche arbeiteten, ist allerdings die Existenz eines
Betriebsfriedhofes nicht bekannt. Nach ihrer Kenntnis wurden ausländische
529 Beermann, Susanne: Der Ostarbeitereinsatz in der Provinz Brandenburg von 1939 bis 1945, Schriftliche
Hausarbeit zur Diplomprüfung (unveröffentlicht), Berlin, 1994, S. 41 mit Verweis auf BLHA Pr. Br. Rep. 2A
Regierung Potsdam I Pol Nr. 329, Bl. 53
530 StadtA Forst 3033, Bl. 1, die Ausnahmen für Ostarbeiter und Polen im Runderlass des RmdI vom 11.8.1943
(MBliV, S. 1305) wurden aufgehoben
531 StadtA Forst, 3033, Bl. 3 und RS
532 StadtA Forst, Ch/93, Brief des Ministers für Kultur der DDR
533 LK SPN, Übersicht der Kriegsgräber im Landkreis Spree-Neiße, Stand Juli 2002
534 StadtA Forst, 674, Einäscherungsregister 3.4.1934 bis 16.5.1940 sowie 675, Einäscherungsliste vom
18.5.1940 bis 15.2.1944, sowie 676, Einäscherungsregister vom 10.2.1944 bis 31.1.1958 und 677, und
Urnenbeisetzungsregister von 1942 bis 1946.
535 Majchrzak, Jerzy Piotr: Miasto ze Złotym lwem w herbie, Zary, 1998, S. 196
Bewohner des Lagers auf dem Hauptfriedhof in Forst beerdigt.536 Auf dem
Stadtfriedhof Forst sind drei Ostarbeiter sowie ein Kleinkind aus dem (Heide-)
Lager Scheuno begraben. Angesichts der gefährlichen Arbeit im DSC-Werk
über Jahre hinaus, könnte die Zahl der Opfer aber durchaus höher gewesen
sein.
4
Kriegsende und Displaced Persons
Am 17. Februar 1945, als die Rote Armee östlich der Neiße vor Forst
stand, befanden sich noch mindestens 500 Ausländer in Forst.537 Die
Ausländer von Betrieben, „die unrechtmäßig geschlossen haben“, sollten nach
Angaben des Arbeitsamtsleiters „zunächst in ein besonderes Auffanglager
gebracht werden [...]. Dieses Auffanglager befindet sich in der Fabrik von
Faber, Keun.[scher] Kirchweg, und von hier werden sie dann vom Arbeitsamt
dem weiteren Einsatz zugeleitet“. Der Leiter des Ernährungsamtes wies bei
einer Krisensitzung im Rathaus darauf hin, dass die Ernährungsabteilung A der
Kreisbauernschaft Sorau, die für die Ausfertigung der Bezugsscheine für die
Lebensmittelmengen der Ausländerlager zuständig sei, „zur Zeit beim
Bürgermeisteramt in Döbern“ untergebracht sei. Bezugsscheine vom Forster
Ernährungsamt [B] seien nur als Überbrückung für kurze Zeit gedacht. In der
offenbar bereits verlassenen Sprengchemie fanden sich noch 800 bis 1000
Zentner Kartoffeln, die ebenso für die Versorgung der Bevölkerung
beschlagnahmt wurden, wie die ca. 2000 Zentner Speisekartoffeln, die „auf
dem Gelände der Sprengchemie in Scheuno, und zwar bei dem früheren Lager
der Betreuungshelferinnen“ eingelagert waren.538 Ob die Versorgung der
Ausländer in diesen Tagen überhaupt noch funktionierte, scheint eher fraglich:
„Kreishandwerksmeister Lehmann vom Sozial-Gewerk teilte noch mit, dass
die Großküche, die ihren Betrieb vorübergehend eingestellt hatte, in einigen
Tagen wieder geöffnet wird, damit die ca. 500 Ausländer, die sich in Forst
aufhalten, wieder lagermäßig versorgt werden können.“539 Das dürfte nichts
anderes bedeuten, als dass die in Forst lebenden Ausländer in dieser Zeit eben
536 Zeitzeugenbericht Nummer 5, im Anhang
537 StadtA Forst, 3235, Besprechung mit Vertreten des Handels und der gewerblichen Wirtschaft, 17.2.1945
538 StadtA Forst, 3235, Besprechung mit Vertreten des Handels und der gewerblichen Wirtschaft, 17.2.1945
539 StadtA Forst, 3235, Besprechung mit Vertreten des Handels und der gewerblichen Wirtschaft, 17.2.1945
nicht lagermäßig versorgt wurden, also auf sich gestellt waren – und damit in
Gefahr gerieten, als Plünderer gefasst zu werden.
Teilweise kamen die Ausländer bei ihren Arbeitgebern unter, was im
Fall einer Fleischerei belegt ist.540 Offenbar aus Angst vor Widerstand der in
Forst lebenden Ausländer während dieser Belagerungsphase duldete die
Gestapo auch offensichtliche „Tischkontakte“ zwischen den Ausländern und
Deutschen. Angesichts der Frontlage kam es offenbar vermehrt zu Fluchten. So
sollen sich zwei Franzosen in der Nähe von Jocksdorf versteckt haben.
Während die belgischen Arbeiter der DSC Forst nach Beeskow laufen
mussten, schien sich bei der Evakuierung des Werkes um die Ostarbeiter
zunächst niemand zu kümmern.541 Weniger aus Gründen des Widerstands, als
aus reinem Selbsterhaltungstrieb wurden offenbar zwei Franzosen Opfer der
letzten Kriegswochen. Bei der Räumung des Gebietes östlich der Neiße
wurden sie erschossen, weil sie große Mengen Schlachtvieh nicht aufgeben
wollten.542
540 Zeitzeugenbericht Nummer 3, im Anhang: „Im Februar 1945 wohnte der Franzose ganz bei uns; im
Hinterhaus hatte er seine Stube. Eines Tages war er weg, hatte nur einen Zettel hinterlassen, auf dem stand, dass
er mit einem Kollegen von seiner Truppe in Jocksdorf versteckt war. Die Ausländer waren ja bei der Gestapo
registriert und die kümmerten sich jetzt darum, wo sie abgeblieben sind. (...) Bei uns war auch mal einer von der
Gestapo. (...)Er sah auch, dass der Franzose bei uns saß. Es war aber alles in der Auflösung, so dass der Gestapo-
Mann nichts dazu sagte. Sie wollten nur, dass die Ausländer sich nicht irgendwie zusammenrotten (...). Weil es
dem Franzosen aber alles zu heiß wurde, da haben sie sich versteckt. (...) Unser polnischer Mitarbeiter war auch
schon weg, als ich von Christianstadt [Februar 1945] zurückkam.“
541 Schulz, Hans-Joachim: Das verbotene Werk im Bunkerwald – Der Rüstungsbetrieb Deutsche Sprengchemie
GmbH in Forst-Scheuno, Teil II, Forst, 1998, S. 29. Eine Zeitzeugin beschrieb die Szene: „ Auf dem Werk
dorthin [zum Hauptverwaltungsgebäude] sah ich auf den Werksstraßen in Gruppen ausländische
„Fremdarbeiter“ diskutierend stehen, und zwangsverschleppte ausländische Frauen aus dem Osten eingehakt zu
Dritt oder Viert spazieren, es war ein ungewohntes Bild, das sich mir bot.“
542 Abstract von der Internetseite DDR-Justiz und NS-Verbrechen vom 26. Januar 2004,
www.1.jur.uva.nl/junsv/ddr/files/ddr1172.htm (Veröffentlichung in Vorbereitung). Dabei wird Bezug genommen
auf zwei Entscheidungen des Landgerichts Cottbus (LG/BG Cottbus 520421 Az.: IKLs9/51 sowie 510423 Az.:
IKLs9/51) sowie des OLG Potsdam (520205 Az.: Iss30/51). Als Tatzeit wird der Februar 1945 genannt, als
Tatort der Raum Forst (Lausitz). „Verfahrensgegenstand: Bei der Räumung des Geländes östlich der Neiße [wo
Werk und Lager der DSC lag, Anm. d.A.] wurde eine Gruppe von etwa zehn Franzosen mit einer grossen Menge
geschlachteten Viehs angetroffen. Trotz des Befehls, die beiden Anführer der Gruppe zu erschiessen, wurden
alle Franzosen westwärts geschickt. Als sie dem nicht nachkamen, sondern an die gleiche Stelle zurückkehrten,
wurden sie nach kurzer Zeit erneut aufgegriffen und die Anführer nunmehr erschossen.“ Der Angeklagte Richard
Poh. wurde zu acht Jahren Haft verurteilt. Die Akten des Verfahrens liegen nach Auskunft des BLHA
wahrscheinlich bei der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen
DDR, weil die Stasi entlassene Kriegsverbrecher beobachtete und die Gerichtsakten in ihren Bestand übernahm.
Die „Birthler“-Behörde verwies bei Anfrage auf das Bundesgesetz zur Akteneinsicht. Demnach müsse das
journalistische oder wissenschaftliche Interesse in erster Linie dem Wirken der Staatssicherheit gelten. Für diese
Arbeit hieße dies, dass zumindest ein zusätzliches Kapitel eingefügt werden müsste, worauf aus zeitlichen
Gründen verzichtet wurde. Bemerkenswert aus Sicht des Verfassers ist, dass ein berechtigtes wissenschaftliches
Interesse an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit den Umweg über die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit
nehmen oder dies vortäuschen muss. Dass dies im Sinne des Gesetzgebers lag, darf bezweifelt werden.
Im Juli 1945 konnte die Stadt Forst und der verbleibende Restkreis
Sorau wegen seiner verkleinerten Fläche die Bewohner, Flüchtlinge und
Vertriebenen nicht mehr ernähren. Anfang Juli waren weder Roggen noch
Kartoffeln und Fleisch verfügbar.543 Durchziehende Displaced Persons, vor
allem Polen und Ukrainer, sowie sowjetische Besatzungssoldaten eigneten sich
noch funktionsfähige Fahrräder an.544 In Sekundärquellen wird davon berichtet,
dass in der Stadt Forst und Umgebung sowjetische Soldaten und große
Gruppen nach Osten ziehender Polen und Ukrainer auch die letzten
Lebensmittel raubten, Häuser und Inventar demolierten und die Bewohner
terrorisierten. Erst nach und nach vermochten sowjetische Militärstreifen die
Lage zu beruhigen.545 Das war im Nachkriegsdeutschland keine
ungewöhnliche Situation: Durchschnittlich zehn Tage brauchten die
Besatzungsmächte, bis sie die Situation regional unter Kontrolle brachten.546
Ob und in welchem Umfang es in Forst zu Rückführungsweigerungen vor
allem unter ehemaligen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus dem
Einflussbereich der Sowjetunion kam, ist nicht bekannt. Aus der britischen
Besatzungszone ist bekannt, dass in dieser Personengruppe vor der
Zwangsrückführung die Selbstmordrate teilweise zehn Prozent betrug, was
unter anderem daran lag, dass sowjetische Kriegsgefangene, die in deutsche
Gefangenschaft gerieten, als Überläufer und Kollaborateure nach dem
sowjetischen Militärrecht mit der Todesstrafe rechnen mussten.547
Noch im September 1945 waren „ganze Teile der Stadt abgesperrt. Im
Sperrgebiet befinden sich Zivilserben, Jugoslawen usw.“, meldete die
Stadtverwaltung Forst.548 Dieses eingezäunte Auffanglager befand sich nach
Zeitzeugenangaben549 vom Bahnhof aus die Bahnhofstraße entlang bis zur
damaligen Lothringer Straße (heute Nagelstraße) und umfasste offenbar auch
Teile der Moltkestraße (jetzt: August-Bebel-Straße), der Leipziger Straße und
der Blumenstraße. Während die Ausländer diesen Bereich verlassen durften,
543 Hübner, Peter: „Durchhalten“ und „Durchkommen“ – Niederlausitzer Industriearbeiter im Jahre 1945; in:
Stang, Werner (Hg.) und Arlt, Kurt: Brandenburg im Jahr 1945, Potsdam, 1995, S. 158
544 ebenda, S. 159
545 ebenda, S. 159, mit Verweis auf SAPMO-BA, ZPA, NL 182/853, Bl. 95ff.
546 Jacobmeyer, Wolfgang: Die vergessenen DPs, in: Journal für Geschichte, November 1983, S. 18
547 ebenda, S. 18
548 StadtA Forst, N 400/P131, Bl. 37, Fragebogen für die Erfassung der Bevölkerung
549 Alle Angaben aus dem Zeitzeugenbericht Nummer 1, der im Anhang beigefügt ist. Die Absperrung wird auch
im Zeitzeugenbericht Nummer 2, im Anhang, erwähnt. Dort wird die Lage beschrieben, dass in der Cottbuser
Straße Ausländer gewohnt hätten und von der Bahnhofstraße aus ein Zaun stand, mit dem die Deutschen
ausgesperrt wurden.
waren die ehemaligen Bewohner ausgesperrt. Die Zahl der dort vorläufig
untergebrachten Ausländer ist nicht bekannt. Zeitweise sollen fast täglich Züge
über Cottbus nach Frankreich, Italien und die Sowjetunion gefahren sein. In
dem Auffanglager waren offenbar nicht nur Zwangsarbeiter, die im Raum
Forst eingesetzt waren.550 Das Lager wurde offenbar noch im Jahr 1945
geräumt, viele Wohnungen „von den Ausländern geplündert“.551 Das Gefühl
der „Freiheit zum Anfassen und zum Mitnehmen“552 gab es offenbar auch in
Forst. Am 1. März 1946 befanden sich in der Stadt Forst noch 21 Ausländer.553
Mehrere Ausländer blieben aber in Forst. Der Italiener P. heiratete eine
Frau aus Keune, reiste nach einigen Jahren aber nach Westdeutschland aus.554
5. Konzeption, Analyse und Erstellung eines journalistischen Produkts zum Thema
Ausgehend von Demps These, dass es zwar in den 1980er-Jahren ein
intensive wissenschaftliche Bearbeitung des Zwangsarbeitereinsatzes in der
DDR, aber keine die breite Öffentlichkeit erreichende Diskussion gegeben
habe,555 spricht im Fallbeispiel Forst vieles für eine multimediale Behandlung
des Themas, die der Ausdifferenzierung des Mediensystems gerecht wird.556
Sie bietet die Vorteile, generationsübergreifend wirksam zu werden und
größtmögliche Teile der Öffentlichkeit zu erreichen. Die interaktiven
Möglichkeiten des Internets können dabei im Rahmen einer allgemein
zugänglichen „Geschichtswerkstatt“ genutzt werden, um Informationen zu
verdichten und zu ergänzen sowie ein Diskussionsforum zu eröffnen. Im
Idealfall wäre dies eine mindestens zweisprachige Internetplattform, die
sowohl der deutschen wie der polnischen Öffentlichkeit in der Euroregion
Spree-Neiße-Bober offen steht. Die multimediale Konzeption eines solchen
550 Zeitzeugenbericht 1, Ergänzung vom 24.9.2002, im Anhang: Eine Russin, die im Forster Auffanglager war,
wurde zuvor als Hausmädchen bei einer Leipziger Familie eingesetzt.
551 Zeitzeugenbericht Nummer 2, im Anhang
552 Jacobmeyer, Wolfgang: Die vergessenen DPs, in: Journal für Geschichte, November 1983, S. 18
553 StadtA Forst, N400/P131, Bl. 102, Fragebogen zur Sondererhebung für die SMA, betr. Bevölkerung,
Ausländer usw. Die Gesamteinwohnerzahl betrug per 1.3.1946 insgesamt 26.850. Unter den Ausländern waren
ein Amerikaner, zwei Engländer, zwei Franzosen, ein Italiener, fünf Jugoslawen, ein Norweger, eine vierköpfige
österreichische Familie, ein Schweizer, ein Ungar, zwei Schweden und ein Bulgare.
554 Zeitzeugenbericht Nummer 1, Ergänzung vom 24.9.2002, im Anhang
555 Demps, Laurenz: Das Thema Zwangs- und Fremdarbeit in der DDR-Historiographie – Eine Skizze, in:
Scholze-Irrlitz, Leonore und Noack, Karoline (Hg.): Arbeit für den Feind – Zwangsarbeiter-Alltag in Berlin und
Brandenburg (1939 – 1945), Berlin, 1998, S. 143
556 Jarren, Ottfried: Medien, Mediensystem und politische Öffentlichkeit im Wandel; aus: Sarcinelli, Ulrich (Hg):
Politikvermittlung und Demokratie in der Mediengesellschaft, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn,
1998, S. 83. Jarren nennt die Programmmedien, die Sparten- und Zielgruppenmedien sowie die Informations-
und Kommunikationsnetzwerke.
Diskussionsanstoßes könnte in fünf Teilbereiche gegliedert werden, die sich
ergänzen.
5.1 Artikel in Tageszeitung(en)
Als Auftakt könnte ein Beitrag dienen, der die Ergebnisse der
vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit zusammenfasst und
allgemeinverständlich vermittelt. Schwerpunkte des journalistischen Ansatzes
wären vor allem Umfang und Umstände des Ausländereinsatzes im Kontext
des historischen Umfeldes. Dabei wäre der Bezug zu einem symbolischen
Datum wünschenswert. Anbieten würden sich in diesem Zusammenhang der
Beitritt Polens in die Europäische Union am 1. Mai 2004, der Jahrestag der
„Polen-Erlasse“ am 8. März 1940, der Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai
oder der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar.
Den Anforderungen des journalistischen Produktes entsprechend wären
die Zeitzeugenzitate im Zeitungsbeitrag größere Bedeutung beizumessen,
wobei die teilweise nicht gegebenen Einverständniserklärungen zur Nennung
des Namens zu berücksichtigen sind. Die Veröffentlichung kann aber
gleichzeitig verbunden sein mit einem wiederholten Aufruf an Zeitzeugen, ihre
Erinnerungen mitzuteilen. Vor diesem Hintergrund wäre eine ähnliche
Veröffentlichung in einer polnischen Tageszeitung begrüßenswert, da so
möglicherweise der Erkenntnisstand um die Opferperspektive erweitert werden
könnte. Ein Aspekt mit kommunalpolitischer Relevanz ist die Frage, ob und in
welcher Form auf die in Forst während des Zwangsarbeitseinsatzes
verstorbenen Ausländer hingewiesen werden sollte. Ein weiterer Aspekt könnte
die Frage sein, in wie vielen Fällen die örtlichen Archive überhaupt ehemaligen
Zwangsarbeitern bei Entschädigungsnachweisen weiterhelfen konnten, und wie
es die Stadt Forst als ehemaliger Nutznießer der Zwangsarbeit mit der
Entschädigung hielt.
Das Medium Tageszeitung kann gleichzeitig für Cross-Media-Ansätze
genutzt werden, indem auf andere Beiträge, die Internetplattform und sonstige
Kommunikations-Varianten verwiesen wird. Nicht zuletzt könnten Reaktionen
in Form von Leserzuschriften eine traditionelle interaktive Variante darstellen,
die sich auch in anderen Bereichen niederschlägt (Internet, Ausstellungen,
sonstige Publikationen).
5.2 Beiträge in Fach- oder Special-Interest-Publika
Eine historisch interessierte Teilöffentlichkeit kann über einen
entsprechend tiefergehenden Beitrag im seit 2004 erscheinenden „Forster
Jahrbuch“ erreicht werden. Im Vergleich zum Tageszeitungsartikel ist der
Betrag im Jahrbuch wesentlich stärker auf die Dokumentation und
Nachvollziehbarkeit des Ausländereinsatzes auszurichten, um damit auch
wissenschaftlichen Anforderungen der Verifizier- und Falsifizierbarkeit zu
entsprechen. Das ist umso mehr anzustreben, da die mangelnde Offenlegung
und klare Benennung vor allem der archivalischen Quellen in anderen
Veröffentlichungen (zum Beispiel Majchrzak) als deutliches Manko zu
bewerten ist, das eine geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit
dem Thema bisher eher behindert als befördert hat. Eben diese Diskussion
einer interessierten Teilöffentlichkeit – und sei es durch Berichtigungen oder
andere Formen konstruktiver Kritik – ist zur historischen Reflektion als
wünschens- und erstrebenswertes Ziel zu betrachten.
5.3 Sonstige Publikationen
Teilaspekte des Ausländereinsatzes in Forst können Themen in anderen
Publika sein. Das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen berührt
beispielsweise die Interessen innerhalb der Euroregion Spree-Neiße-Bober,
wurde aus der regionalen Sicht bisher kaum oder überhaupt nicht reflektiert. In
Frage kämen unter anderem dazu Nischenmedien, die sich speziell mit diesem
binationalen Aspekt befassen.
5.4 Ausstellungen als Ort der direkten Begegnung und Diskussion
Falls sich museal verwendbare Dokumente oder Alltags-Objekte finden,
wäre eine kleinere Ausstellung vorstellbar. Dies hätte auch den Vorteil, dass
bei punktuellen Anlässen (zum Beispiel Eröffnungsveranstaltung, Fachforen,
Vorträge) eine direkte persönliche Kommunikation verbunden ist. Das könnte
weitere Erkenntnisse kanalisieren und die öffentliche Diskussion befördern.
Als Teil einer Ausstellung ist vor allem ein Zugangspunktes zum
multimedialen Angebot wünschenswert, auf dessen Besucherplattform eine
elektronisch gestützte Diskussion und Ergänzung der Ausstellungsbeiträge
stattfinden kann.
5.5 Multimediale Angebote
Zentrales Element einer modernen Erkenntnisvermittlung und
Diskussion ist eine auf den Möglichkeiten des Internets aufbauende
Angebotsform auf HTML-Basis, die sowohl über eine feste Internetadresse wie
auch stationär in Form eines Zugangsbereichs (Laptop oder Touchscreen)
erreichbar ist. Elementar ist dabei die Voraussetzung, dass dem Nutzer über
eigene Aktionsmöglichkeiten eine Form der Interaktivität ermöglicht wird, die
neben einem Erlebniseffekt auch die Variante offen lässt, seine Eindrücke,
Meinungen, Ergänzungen zu artikulieren. Dieses Angebot ist auf zwei Ebenen
zu verteilen. Ein leichtes Auffinden wäre beispielsweise über eine Verlinkung
auf den Seiten der Stadt Forst (Lausitz),557 des Geschichtsspeichers des
Museumsvereins der Stadt Forst (Lausitz)558 sowie der berichtenden Medien
denkbar.
5.5.1 Lager- und Arbeitsstandortkarte
Als Grundstruktur dient eine Karte der Stadt Forst mit den relevanten
außerstädtischen Randbereichen (Sacro, Berge/Zasieki, Scheuno/Brozek,
Keune, Noßdorf und Simmersdorf). Durch Anklicken verschiedener Symbole
(für Lagerstandorte, Arbeitsorte von Zwangsarbeitern, Begräbnisstätten,
Krankenbaracken, „Schaltstellen“ des Ausländereinsatzes wie Rathaus,
Arbeitsamt, DAF und dergleichen) öffnen sich Fenster mit weiteren
Informationen zum jeweiligen Objekt. Das können beispielsweise – soweit
bekannt – Zahl der beschäftigten oder untergebrachten Ausländer und deren
Herkunft ebenso sein wie Angaben zu Lagerträger oder Arbeitgeber sein.
Durch eine Mehrebenenstruktur wären weitere Ergänzungen zu Art der
Tätigkeit, Lebensverhältnissen und dergleichen möglich.
5.5.2 Geschichtswerkstatt
Die flexible Ausbaufähigkeit würde es auch ermöglichen, das Angebot
um Erlebnisberichte, Zeitzeugenaussagen sowie weitere Erkenntnisse aus
557 www.forst-lausitz.de
558 www.museumsverein-forst.de/speicher.htm
anderen Forschungen zu ergänzen, die bei Bedarf auch wieder in gedruckter
Form veröffentlicht werden können. So könnten beispielsweise Ergebnisse aus
weiterführenden Projekten mit einfließen. Schülerprojekte, Ergebnisse von
weiteren heimatkundlichen Forschungen, Ergänzungen zu Wirtschaftsangaben
(Produktionspalette, Stilllegung von Betrieben und ähnliches) oder schlicht und
einfach Erkenntnisse, die im Gespräch zwischen Kriegs- und Enkelgeneration
kommuniziert und über das gemeinsame Erlebnis Internet für die
Öffentlichkeit festgehalten werden. Voraussetzung muss allerdings sein, dass
Quellen nachprüfbar und transparent bleiben. Der Vorteil einer solchen
virtuellen Geschichtswerkstatt könnte darin liegen, dass mit der Zeit zwar das
eigentliche Thema gesprengt wird, sich aber ein umfassendes und
vielschichtiges Bild von Forst während des Zweiten Weltkrieges entwickelt,
das nicht nur Aspekte wie Alltagsleben, Flucht und Vertreibung sowie
Wiederaufbau erfasst, sondern vielleicht noch ganz andere Themenbereich für
die lokalhistorische Forschung eröffnet.
6
Schlussfolgerungen
Für seine Randlage innerhalb der Provinz Mark Brandenburg hatte der
Bereich des Arbeitsamtes Forst einen relativ hohen Anteil an eingesetzten
ausländischen Arbeitskräften. Zwischen Januar 1942 und September 1944
wurden durchschnittlich 4,2 Prozent der Ausländer im Bereich des
Landesarbeitsamtes Brandenburg (ohne Berlin) im Bereich des Arbeitsamtes
Forst eingesetzt.559 Die anderen Arbeitsämter in der südlichen Provinz Mark
Brandenburg lagen unter diesem Schnitt (Guben: 2,5 Prozent, Cottbus: 3,5
Prozent). Eine Ausnahme bildet der Bereich des Arbeitsamtes Senftenberg (5,5
Prozent), was vermutlich auf den Bergbau zurückzuführen ist.
Schlussfolgerungen für den Stadtkreis Forst sind anhand fehlender Daten
unterhalb der Arbeitsbezirksebene nicht möglich. Wesentliche Schwerpunkte
dürften aber angesichts der erwähnten Zahlen der Arbeitseinsatz in den
Munitionsbetrieben in Christianstadt (Kreis Sorau) und Forst (Deutsche
Sprengchemie) gewesen sein. Im Vergleich zu den Nachbar-
Arbeitsamtsbezirken war Forst (mit dem Kreis Sorau) also durchaus als ein
Zentrum in der südöstlichen Mark. Detaillierte Vergleichszahlen, die
559 Berechnung auf Grundlage der Zahlen aus: Der Arbeitseinsatz im (Groß)Deutschen Reich 1942 -1944
beispielsweise den Stadtkreis Forst mit Cottbus (ohne den damaligen Kreis
Cottbus) in Relation setzen könnten, fehlen allerdings, so dass die erste
Arbeitsthese nicht in dieser Form belegt werden kann.
Wegen fehlender empirischer Daten für den Anteil ausländischer
Arbeiter im Stadtkreis Forst560 ist mit dem jetzigen Kenntnisstand auch keine
Aussage möglich, ob der Ausländereinsatz in Forst dem deutschen
Durchschnitt entsprach.561
Dagegen konnte die zweite These bestätigt werden. Es gab bis 1990
keine wissenschaftliche Aufarbeitung des Ausländereinsatzes in Forst, weil
offenbar weder Forschungsauftrag noch Forschungsinteresse vorhanden waren.
Selbst dann wären vermutlich keine (politischen) Voraussetzungen für eine
Publikation vorhanden gewesen. Die genannten Beispiele für Publikationen
zum Zwangsarbeitereinsatz im heutigen südwestlichen Brandenburg sowie in
Cottbus und Guben zeigen, dass in diesen Bereichen zumindest eine
Aufarbeitung nach dem politischen Umbruch 1989 versucht wurde. Der
mögliche Auslöser dafür dürfte unter anderem die Debatte um die
Zwangsarbeiterentschädigung gewesen sein. Warum ähnliche Ansätze in der
Stadt Forst und weiten Teilen des Landkreises Spree-Neiße unterblieben sind,
lässt sich bei vergleichbaren Ausgangsbedingungen eigentlich nur mit der
weiter bestehenden passiven Einstellung zum Thema erklären, für das keine
Relevanz gesehen wird. Möglicherweise liegt es auch an einem wesentlichen
Unterschied gegenüber dem Westen Deutschlands: Die Betriebe, die bis 1945
bestanden haben und Ausländer beschäftigten, existieren zum größten Teil seit
Jahrzehnten nicht mehr. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema vor dem
Hintergrund der Entschädigungsdebatte schien so eventuell nicht nötig. Der
Unternehmer als Arbeitgeber für Ausländer und Zwangsarbeiter war nicht
560 Die aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 1939 weisen für den Bereich des Arbeitsamtsbezirks Forst eine
Bevölkerungszahl von 129.074 (Stadtkreis Forst: 37.975, Kreis Sorau: 91.099) sowie 88.554 Erwerbstätige und
selbstständige Berufslose aus (Stadtkreis Forst: 26.532; Kreis Sorau: 62.022). Mit diesen Vergleichszahlen
betrüge der Ausländeranteil per 31. Mai 1943 nur 11,6 Prozent und per 30. September 1944 nur 16 Prozent, ohne
dass aber die Zahl der Einberufenen zur Wehrmacht u.a. berücksichtigt werden könnte. Demzufolge ist eine
reelle Vergleichsrechnung nicht möglich. Als Basis gelten die Angaben aus: Statistik des Deutschen Reiches,
Band 557, 4/5, Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom 17. Mai 1939: Die Berufstätigkeit der Bevölkerung in
den Reichsteilen, Heft 4; Provinz Mark Brandenburg, S. 4/68 und 4/72 sowie die Angaben aus: Der
Arbeitseinsatz im (Groß)Deutschen Reich 1942 -1944
561 Im Februar/März 1943 lag der Anteil ausländischer Kriegsgefangener und Zivilarbeiter in der gesamten
Wirtschaft bei 21 Prozent, im August 1944 bei 25 Prozent, nach: Spoerer, Mark: Zwangsarbeit unter dem
Hakenkreuz – Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten
Europa 1939- 1945, Stuttgart/München, 2001, S. 226
mehr vorhanden. Aber auch einer der wenigen verbliebenen Arbeitgeber, die
Stadt selbst, hat keine tiefergehenden Forschungen zum Thema in Auftrag
gegeben oder selbst vorangebracht.562 Oftmals bildeten aber auch die
personellen Ausstattungen der Archive keinen ausreichenden Voraussetzungen
für eine Aufarbeitung der vorhandenen Bestände und insbesondere der
Zwangsarbeit während des Krieges. Die Ausnahme bilden die Bemühungen
zum Zwangsarbeitereinsatz bei Rumsch & Hammer, die auf eine private
Initiative zurückgehen.563 Es liegt also eher der Schluss nahe, dass mit dem
Verschwinden der DDR weniger die ideologischen Einstellungen als die
fehlende Relevanz ursächlich dafür ist, dass das Thema des Ausländereinsatzes
in Forst bisher weder wissenschaftlich noch publizistisch betrachtet wurde, und
eine öffentliche Diskussion nicht stattfand.
Zwar wurde die dritte These bestätigt, dass fehlende Primärquellen
eine Aufarbeitung erschweren. Allerdings konnte im Laufe der Recherchen zu
dieser Arbeit auch belegt werden, dass es noch Quellen gibt, die zumindest
Aufschluss über Lagerstandorte und Arbeitseinsatz geben: Insgesamt konnten
24 Lagerstandorte oder sonstige Unterkünfte benannt und/oder lokalisiert
werden, wobei in Einzelfällen Doppelnennungen nicht auszuschließen sind.
Die Aufzählung kann aber auch keinesfalls einen Anspruch auf Vollständigkeit
haben. Beispielsweise ist das Zwangsarbeiterlager für Juden in der Deutschen
Sprengchemie bisher nicht lokalisiert worden und müsste als 25. Lager gelten.
Nimmt man das Lager Simmersdorf hinzu, da dessen Kriegsgefangene auch im
heutigen Forster Stadtgebiet eingesetzt wurden, muss von mindestens 26
Lagern ausgegangenen werden. Kein Zweifel dürfte es aber geben, dass in
mindestens 80 Forster Betrieben und öffentlichen Einrichtungen Ausländer
eingesetzt wurden, von denen viele eventuell schon unter Zwang kamen, auf
jeden Fall aber bleiben mussten. Die Spanne reicht vom tageweisen Einsatz in
Handel- und Handwerksbetrieben bis hin zum Masseneinsatz in der Deutschen
Sprengchemie. Die in dieser Arbeit genannten Zahlen dürften als Untergrenze
angesehen werden können. Dabei nicht berücksichtigt sind die in der
562 Die Recherche zu dieser Arbeit wurde aber dahingehend unterstützt, dass bei der zweiten Sichtung des
Stadtarchivs Forst auf Gebühren verzichtet wurde, wenn die Ergebnisse der Stadt zur Verfügung gestellt würden.
563 Ein Nachkomme, Jonas Ploettner, erforschte auf eigene Initiative den Zwangsarbeitereinsatz bei Rumsch &
Hammer und stieß dabei unter anderem auf den Einsatz von französischen Kriegsgefangenen. Die Ergebnisse
mündeten in einer schriftlichen Entschuldigung, die an den französischen Staatspräsidenten gerichtet war.
Landwirtschaft eingesetzten Ausländer. Auf jeden Fall bestätigt dies die
Annahme eines umfassenden Ausländereinsatzes im Bereich der Stadt Forst.
Tatsächlich erschwert vor allem das Fehlen von Zeitzeugenberichten
aus der Perspektive ausländischer Arbeiter eine annähernd objektive
Einschätzung der Lebensbedingungen sowie des Verhältnisses zwischen
Ausländern und Forstern. Ob diese Fragen nach fast sechs Jahrzehnten
überhaupt noch zufriedenstellend beantwortet werden können, muss offen
bleiben. Da gleichzeitig auch nur noch wenige Primärquellen zum
Forschungsgegenstand existieren, fehlen die empirischen Grundlagen zu einer
Behandlung der vierten These zu den vermeintlich besseren Lebensumständen
von Ausländern unter den genannten Voraussetzungen.
Angesichts der aufgeführten Hinweise kann die fünfte These des
Widerstands über den Selbsterhaltungstrieb hinaus als belegt gelten. Eine
weitergehende Untersuchung, inwiefern die Zusammenarbeit zwischen
Deutschen und Ausländern auf soziopolitische Faktoren („Klassen“- oder
politische Zugehörigkeit) zurückführbar ist, wäre ein weiterführendes
Forschungsthema.
Als nicht verifizierbar muss die sechste These unbeantwortet bleiben,
solange nicht die Quellen für die Behauptung, dass im Bereich der Deutschen
Sprengchemie 2000 Ausländer starben, offengelegt werden.
Dagegen scheinen die angeführten schriftlichen und mündlichen
Quellen die Existenz eines zentralen Sammelpunktes für Displaced Persons in
Forst (These 7) zu bestätigen. Da insbesondere zum Schicksal der Ausländer in
der sowjetischen Besatzungszone nach Kriegsende keine wissenschaftlichen
Untersuchungen vorliegen, könnte die tiefergehende Untersuchung des Forster
DP-Lagers ein wichtiges Fallbeispiel für eine derartige Grundlagenarbeit
darstellen.
Warum sollte die Aufarbeitung in einer breiten Öffentlichkeit weiter
verfolgt werden? Als Prämisse gilt dabei, dass ein Verständnis für die
gemeinsame Geschichte in der deutsch-polnischen Euroregion Spree-Neiße-
Bober als erstrebenswertes Ziel gilt. Diese gemeinsame Geschichte wird
letztlich von zwei, auf beiden Seiten der Lausitzer Neiße, als Unrecht
aufgefassten Ereignissen beherrscht. Auf polnischer Seite ist es der Überfall
auf Polen mit all seinen Auswirkungen, darunter der Zwangsarbeit; auf
deutscher Seite ist es die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem
östlich der Neiße gelegenen Teil der Niederlausitz beziehungsweise des
Kreises Sorau, in diesem konkreten Fall der Verlust der Heimat. Die Tendenz
zur gegenseitigen Verrechnung von Leid läuft dabei ins Leere. Vielmehr geht
es darum, zu vermitteln, dass in Zeiten des Krieges der einzelne Mensch das
Opfer ist; sei es der Soldat, der Zwangsarbeiter oder der Heimatvertriebene.
Dies könnte eine Basis für eine offene Diskussion sein, die geeignet ist, eine
Position der gegenseitigen Akzeptanz aufzubauen. Da in Polen die
Aufarbeitung der Zwangsarbeit viel früher und intensiver stattgefunden hat,
könnte ein grenzüberschreitendes Vorgehen neben vielleicht noch verborgenen
Hinweisen und Quellen eine wichtige Erkenntnis bringen: Dass Geschichte
auch verbindet – so trennend die Ereignisse auch gewesen sein mögen.
Im Zuge der Recherchen wurden weitere Fragestellungen aufgeworfen,
die im Rahmen dieser Arbeit nicht mehr behandelt oder nicht geklärt werden
konnten:
1. Für die Deutsche Sprengchemie Forst fehlt eine wissenschaftlich fundierte
Betrachtung. Es ist beispielsweise weiterhin ungeklärt, wie viele ausländische
Arbeitskräfte eingesetzt wurden und eventuell verstarben. Generell ist über die
Genesis des Werkes und dessen Arbeit noch relativ wenig bekannt. In diesem
Zusammenhang fällt auf, dass es offenbar noch keine wissenschaftliche
Aufarbeitung der kurzen Geschichte der Deutschen Sprengchemie gegeben hat,
obwohl sie während der Kriegsjahre eine beachtliche Größe annahm. Bisher
geab es m.E. nur Forschungen und Publikationen zu einzelnen Werken, aber
keine Gesamtübersicht.
2. Das Auffanglager für DP in Forst stellt einen weiteren Forschungsansatz dar.
Bisher ist keine grundlegende wissenschaftliche Betrachtung des DP-
Schicksals in der damaligen SBZ bekannt. Das Auffanglager in Forst könnte
insofern ein wichtiges Fallbeispiel für diesen noch wenig bearbeiteten Aspekt
bieten.
3. Da diese Arbeit die erste ist, die sich grundlegend mit dem Ausländereinsatz in
Forst (Lausitz) befasste, wurden manche Punkte noch nicht so tiefgreifend
betrachtet, wie sie es verdient hätten. Das betrifft neben der DSC auch einzelne
Lager- und Einsatzstandorte wie Das Kr.Gef.Arb.-Kommando Sacro, zu dem
eine ausführliche Akte im Forster Stadtarchiv besteht. Aber auch die anderen
einzelnen bekannten und vielleicht noch/wieder unbekannten Lagerstandorte
könnten beispielsweise über Schülerprojekte vertiefend dokumentiert werden.
4. Wie stark waren die Nationalsozialisten tatsächlich in Forst? Diese Frage
stellte sich unter anderem durch Archivalien, in denen Nazis Vorwürfe
gegenüber dem Braunen Haus in München aufwarfen, dass einige Vertreter des
bürgerlichen Forst über ihre Kreditpolitik sich Einfluss und Macht innerhalb
der Forster NSDAP verschafften. Da es auf der anderen Seite auch eine stark
sozialdemokratisch und kommunistisch orientiere Arbeiterschaft in Forst gab,
die sich offenbar (siehe Ihlo/Scholze) auch in Formen des Widerstands
versuchte, wäre dies eine ein interessanter sozio-historischer Forschungsansatz.
These: Es gab einen bürgerlichen Infiltrationsversuch der NSDAP in Forst.
5. Das Bild des letzten NS-Oberbürgermeisters Friedrich ist im heutigen Forst
vor allem durch seine eigenen Erinnerungen an die letzten Kriegstage geprägt
und dürften – da erst nach Kriegsende in Schleswig-Holstein geschrieben –
nicht in allen Punkten objektiv sein. Was die Person Friedrich zusätzlich
interessant macht: Er war zeitweise aber auch parallel Verwaltungs-Chef in der
wesentlich größeren Stadt Frankfurt/Oder. Der Versuch, Friedrichs Handeln
und Leben aufzuarbeiten , steht meines Wissens noch aus.
Quellenverzeichnis
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- Meier, Uwe, „Forst/Lausitz“, aus: Engel, Evamaria / Enders, Lieselott / Heinrich, Gerd /
Schlich, Winfried (Hg.): Städtebuch Brandenburg und Berlin, Berlin, 2000, S. 156 – 163
- Statistik des Deutschen Reiches, Band 557, 4/5, Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom
17. Mai 1939: Die Berufstätigkeit der Bevölkerung in den Reichsteilen, Heft 4; Provinz Mark
Brandenburg
Genutzte Archive
BArch B-Li
Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde
BArch-MA
Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg
BLHA
Brandenburgisches Landehauptarchiv Potsdam
KreisA Spree-Neiße Kreisarchiv des Landkreises Spree-Neiße Forst
KreisA Zary
Kreisarchiv des Kreises Zary (ehemals Sorau)
StadtA Forst
Archiv der Stadt Forst (Lausitz)
Sonstige Quellen
Kommunale Bestände
- Beerdigungsregister für den Hauptfriedhof (Friedhof II) der Stadt Forst
- Sterberegister der Stadt Forst
sonstige Publikationen
- „Friedrich“:
Lose-Blatt-Sammlung mit den Erinnerungen des ehemaligen Forster
Oberbürgermeisters Friedrich über seine letzten Tage 1945 in Forst. Die
Veröffentlichungen wurden in den 1990-er-Jahren als kopierte
Sammlung vertrieben
private Sammlungen
-
Hagen Pusch, Forst
-
Hans-Joachim Schulz, Forst
-
Reinhard Natusch, Forst-Sacro
Internet
- DDR-Justiz
Abstract von der Internetseite DDR-Justiz und NS-Verbrechen vom 26.
Januar 2004, www.1.jur.uva.nl/junsv/ddr/files/ddr1172.htm,
Veröffentlichung in Vorbereitung
- „USSBS“
U.S. Stratetig Bombing Survey: European Theater of Operations,
Second Edition, January 1947, über
www.angelfire.com/super/ussbs/index.html am 12.5.2002
Anlage A
Regionale Einordnung und Karten
Der Stadtkreis Forst (Lausitz) lag im Südosten der Provinz Mark Brandenburg an der
Lausitzer Neiße und gehörte zum Regierungsbezirk Frankfurt (Oder). Bei der Reichtagswahl
1933 erhielt die NSDAP 41 Prozent der Stimmen, die SPD 32 Prozent, die KPD 13 Prozent
und die KSWR acht Prozent.564 Laut Volkszählung 1939 hatte Forst 37.532 Einwohner.
Insbesondere der östlich der Neiße gelegene Stadtteil Berge wurde ab den 1920er-Jahren als
Wohn- und Verwaltungsort entwickelt, so dass bei Kriegsende allein dort etwa 8000 bis 9000
Einwohner lebten. Der die Stadt umgebende Kreis Sorau hatte 1939 insgesamt 91.099
Einwohner. Forst galt als das Zentrum der Textilindustrie in der Niederlausitz. Im Jahr 1938
waren in etwa 300 Betrieben rund 14.000 Beschäftigte tätig.565
Im Jahr 1940 wurden die Ortschaften Eulo, Noßdorf, Keune, Domsdorf und Scheuno
in die Stadt Forst eingemeindet, die auf 44.635 Einwohner anwuchs; Sacro kam 1945 dazu.
564 Meier, Uwe, „Forst/Lausitz“, aus: Engel, Evamaria / Enders, Lieselott / Heinrich, Gerd / Schlich, Winfried
(Hg.): Städtebuch Brandenburg und Berlin, Berlin, 2000, S. 160
565 Ritschel, Hartmut: Zeitreise durch die Geschichte der Stadt Forst (Lausitz) – Eine Chronik in Daten, Forst,
1999, S. 27
Die höchste Einwohnerzahl wurde 1943 mit 47.201 Menschen registriert.566 Bei den Kämpfen
um Forst wurde die Stadt zu 85 Prozent zerstört.567
Rot: Der Stadtkreis Forst vor 1940; Blau: Forst nach 1940; Grün: Forst heute
Heute umfasst das Stadtgebiet auch die Ortsteile Bohrau, Briesnig, Mulknitz,
Naundorf, Groß Bademeusel und Klein Bademeusel sowie Groß Jamno und Klein Jamno. Die
Ortsteile Berge und Scheuno liegen heute auf polnischem Territorium und heißen nun Zasieki
und Brozek und gehören zur Gemeinde Brody (ehemals Pförten). Forst, Kreisstadt des
Landkreises Spree-Neiße, hat noch etwa 24.000 Einwohner, Tendenz sinkend. Die
Textilindustrie hat so gut wie keine Bedeutung mehr, der Transformationsprozess nach dem
politischen Systemwechsel ist noch nicht abgeschlossen. Die Arbeitslosenquote beträgt im
Schnitt der vergangenen Jahre über 20 Prozent.
566 Ritschel, Hartmut: Zeitreise durch die Geschichte der Stadt Forst (Lausitz) – Eine Chronik in Daten, Forst,
1999, S. 27
567 ebenda, S. 28 sowie Meier, Uwe, „Forst/Lausitz“, aus: Engel, Evamaria / Enders, Lieselott / Heinrich, Gerd /
Schlich, Winfried (Hg.): Städtebuch Brandenburg und Berlin, Berlin, 2000, S. 161
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage A
Karten
Lagerstandorte
Auf dem alten Stadtplan von Forst sind die größeren nachweisbaren Ausländerlager
gekennzeichnet. Die Kästen am Rand entsprechen nicht der genauen Lage, da die Standorte
zum Teil nicht mehr vom Kartenbereich erfasst werden:
Rote Kästen:
1 Ostarbeiterlager Eulo
2
Lager Noßdorf
3
Lager Muskauer Straße
4
Lager Domsdorf
5
Lager Simmersdorf
6
Lagere Scheuno-Ost
7
Lager Pförtener Straße
8
Hänselhalle
9
Lager Sacro
Schwarz:
1 Hauptfriedhof, Ostarbeitergräber
Rosa:
1 ehem. RAD-Lager H.Groeschke-Platz
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage A
Karten
Hänselhalle
Im Stadtarchiv Forst gibt eine Zeichnung Aufschluss über Standort und Aufbau der Halle. Der
Plan wurde für den nie umgesetzten Ausbau für die SS entworfen. In den Nebenbereichen
wurden später Kriegsgefangene und Italienische Militärinternierte untergebracht.
Heute befindet sich in diesem Bereich eine Kleingartenanlage. Gebäudereste sind in einem
zugewachsenen Waldstück noch zu sehen. Die dort befindliche Gaststätte erinnert mit ihrem
Namen noch an den Standort der Reithalle. (Quelle: Stadtarchiv Forst)
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage A
Karten
RAD-Lager Eulo (heute Kleingartenanlage Am Schafdamm)
Deutlich zu erkennen sind die Baracken, die Umzäunung von Lager, Schießstand, Sportplatz
und Rasenfläche. Eines der rechts stehenden Gebäude existiert noch.
Quelle: Topographische Karte 4253, Reichsamt für Landesaufnahme, 1940 (Auszug)
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage B
Fotografien
Originalaufnahmen waren nicht mehr verfügbar. Aktuelle Fotografien zeigen, dass die
meisten Lager nicht mehr existieren oder in Vergessenheit geraten sind.
Lager Bahnmeisterei
Diese Baracke dürfte das Lager Bahnmeisterei gewesen sein. Sie befindet sich an der
Bahnunterführung an der Euloer Straße.
Das Lager Scheuno-Ost
An das wahrscheinlich größte Forster Ausländerlager am Werk der Deutschen Sprengchemie
erinnern nur noch Fundamente und nicht demontierbare Bauten in Skelettbetonbauweise.
Pläne über den Aufbau des Lagers, das während des Krieges offenbar weiter ausgebaut
wurde, existieren nicht. Da ein Großteil der Baracken mittlerweile vom Wald überwuchert
wird, ist auch eine Schätzung über die Anzahl der Baracken und tatsächliche Ausmaße des
Lagers schwer abschätzbar.
Teilweise ragen nur noch Fundamente aus dem Waldboden.
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage B
Fotografien
Scheuno-Ost
Der Eingang zum Lager mit dem Wachhäuschen. Auf der Hügelkuppe beginnt ein etwa 300
Meter langer, asphaltierter Weg.
Die unterkellerten Barackenfundamente, im Hintergrund ein Gebäude in Skelettbetonweise.
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage B
Fotografien
Lager Noßdorf
Anhand einer Rechnungsanschrift konnte der Standort des Lagers Noßdorf lokalisiert werden.
Es war eine Turnhalle, die mittlerweile nicht mehr steht. Die Hausnummer „Spremberger
Straße 109“ ist noch auf einer alten Torsäule vorhanden. Mehrere Zaunpfosten sind ebenfalls
noch vorhanden, da sie für einen Grundstückszaun genutzt wurden.
Die Hausnummer ist noch vorhanden.
Alte Pfosten des Lagerzauns stehen noch.
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage B
Fotografien
Ehemaliges RAD-Lager am Hammer-Groeschke-Platz
Das RAD-Lager entstand bereits 1931 bei der Einrichtung des Freiwilligen Arbeitsdienstes
(damals wurden auch Lager in Skurum und der Baderschen Fabrik eingerichtet).568 Ob es für
die Unterbringung von Ausländern genutzt wurde, ist bisher nicht belegt.
Im Rahmen der Forschungen zum Stalag IIIB Fürstenberg wurden Hinweise auf
mehrere Arbeitskommandos mit der Bezeichnung „Rosengarten“ gefunden; eine
Ortsbezeichnung fehlt. Zwar befindet sich das ehemalige RAD-Lager auf dem TV-Sportplatz
direkt neben dem Forster Rosengarten und ist an einigen Stellen ist auch heute noch die
Lagerumzäunung teilweise erhalten. Die Besuchsprotokolle des IKRK bezeihen sich
allerdings eher auf den Bereich der heutigen Kreise Dahme-Spreewald und Oder-Spreewald.
Lagerzaunreste zwischen TV-Sportplatz, Wehrinselstraße und dem dahinter liegenden
Rosengarten.
568 Adressbuch der Stadt Forst, bzw.: „Forster Stadtbuch, Adressbuch der Industrie-
und Handelsstadt Forst-Lausitz, 1935“, S. XVI
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage B
Fotografien
Vom ehemaligen RAD-Lager in Keune (alte Schreibweise: Koyne) sind zwei Fotografien
bekannt, die vom Forster Wochenblatt in der Ausgabe vom 21. November 2003 veröffentlicht
wurden.
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage B
Fotografien
Gubener Straße 40
Das Wohnhaus und der Stall auf dem Grundstück Gubener Straße 40 waren schon zu
Kriegsbeginn baufällig und sollten 1942 abgerissen werden. Der Antrag der Firma Hänsel &
Co wurde aber abgelehnt mit dem Verweis, dass eine Unterbringung für ausländische
Arbeitskräfte geprüft werden sollte. Zwei Jahre später wurde die Adresse für einen polnischen
Hilfsarbeiter der Firma Hänsel & Co angegeben. Das Haus steht nicht mehr.
Muskauer Straße / Waldgürtel
Die gemauerten Gebäude entstanden in den Jahren 1943/1944 und dürften in erster Linie für
die Unterbringung von Ostarbeiterfamilien genutzt worden sein.
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage B
Fotografien
Frankfurter Straße 23
Das ehemalige Mädchenwaisenhaus in der Frankfurter Straße wurde zur Unterbringung von
polnischen Arbeitern genutzt.
Simmersdorf
In einer stillgelegten Fabrik in Simmersdorf wurden Teile für Focke-Wulf produziert. Bereits
vorher hat sich dort ein Kr.Gef.Arb.-Kommando befunden.
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage B
Fotografien
Eulo, Standort des ehemaligen RAD-Lagers
Wo sich heute die Gartenanlage „Am Schafdamm“ befindet war früher das RAD-Lager Eulo
(siehe auch entsprechende Karte in der Anlage). Später wurde es für die Unterbringung von
Ostarbeitern genutzt.
Rumsch & Hammer
Auf dem Firmengelände von Rumsch & Hammer in der Weststraße befand sich das
Kr.Gef.Arb.-Kdo 930.
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage C Zeitzeugenberichte
Alle folgenden Zeitzeugeninterviews entstanden im Herbst 2002 und wurden auf Band
mitgeschnitten. Da nicht alle Gesprächspartner mit der Veröffentlichung ihres Namens
einverstanden gewesen sind, werden die Interviews anonymisiert wiedergegeben, da über
Belegexemplare in diversen Archiven ein Zugriff Dritter nicht ausgeschlossen werden kann.
Die Originalmitschnitte liegen noch vor und können von den Prüfern auf Wunsch auf
Richtigkeit gehört und die Identität der Zeitzeugen vertraulich mitgeteilt werden. Die
Abschriften wurden nur unwesentlich im Ausdruck korrigiert. Stellen, die nicht das Thema
der Arbeit betrafen, wurden teilweise gekürzt. Das betraf unter anderem Darstellungen des
Kriegsendes in Forst, Erlebnisse an anderen Orten während der Kriegsendphase sowie die
Nachkriegszeit.
Zeitzeuge 1
Im Krieg wurden [an der] Straße am Waldgürtel [...] zirka drei bis vier Baracken
gebaut [...] für Zwangsarbeiter. Wir hatten dann gesehen, dass dort viele einquartiert waren,
Männer und Frauen. Einige Häuser hatten den Ausgang von draußen, Treppe hoch zur
Veranda. Von dieser Veranda zugänglich waren die Zimmer aber auch irgendwie vom
Hauseingang. Ich kann nicht sagen, wo die Zwangsarbeiter gearbeitet haben. Sie sind hier in
einigen Betrieben eingesetzt worden. Wir hatten hier einen Rüstungsbetrieb „Deutsche
Vergaser“. Dort wurden Ersatzteile hergestellt für Panzer und wahrscheinlich war auch ein
Teil in Scheuno in der Munitionsfabrik tätig.
Die Zwangsarbeiter waren stets erkenntlich von der anderen Bevölkerung, jedenfalls
waren sie immer zu erkennen durch ihre Kleidung: Filzstiefel, ganz dicke Wattejacken. Die
Männer hatten diese Militärkappen auf im Winter, mit Fell gearbeitet, die Frauen trugen auch
diese Mützen und Kopftücher.
Die Bevölkerung durfte mit keinem dieser Zwangsarbeiter reden, sie nicht ansprechen
und schon gar nicht ihnen etwas geben, dann wurden sie bestraft. Uns taten die Leute
manchmal Leid, aber wir konnten keinen Kontakt zu denen aufnehmen.
Hier in der Straße, wo diese Baracken aufgebaut waren, war ein Lebensmittelladen.
Dort sind die Zwangsarbeiter mitunter einkaufen gegangen. Wie bei uns in der Stadt bekannt
wurde, kauften sie dort grün eingelegte Tomaten in Essig [...]. Der Kaufmann wurde bestraft.
Sein Laden wurde zugemacht. Und dadurch haben sich auch alle anderen Geschäfte
ferngehalten, diese Zwangsarbeiter zu unterstützen.
Große Aufregung war unter der Bevölkerung, als sie erfuhren, dass eine
Zwangsarbeiterin, die hoch schwanger war, ins Forster Krankenhaus kam. Sie kam nicht auf
die Entbindungsstation, sie hat in einer Badewanne entbunden. [...] Es gab doch etwas Ärger
unter der Bevölkerung, dass diese Menschen so schlecht, so minderwertig behandelt worden
sind. Laut durfte auch nichts geäußert werden, denn dann hätte jeder damit rechnen müssen,
dass er von der Gestapo kassiert worden wäre.
Es gab dann noch in Forst französische Gefangene, die in ihren Uniformen
herumlaufen konnten. Sie waren bei der Stadtreinigung beschäftigt, sie fuhren dann die
Sprengwagen und Müllwagen und machten immer einen sehr freundlichen und auch einen
sehr selbstbewussten Eindruck. Aber auch mit ihnen durfte offiziell kein Einwohner Kontakt
aufnehmen.
Desgleichen hatten wir einen Betrieb, in dem Watte und Verbandsstoffe hergestellt
wurden. Auch dort waren Franzosen beschäftigt und da war nun doch ein kleiner Kontakt
zwischen den Beschäftigten und den Deutschen – das waren ausschließlich Frauen dort, die
auch zwangsverpflichtet worden sind – und zwischen den französischen Arbeitern. Und da
fand dann mitunter solch kleiner Austausch statt: Lebensmittel gegen Parfum und Seife aus
Frankreich. Diese Artikel kamen per Päckchen, mit der Post. Die deutschen Frauen, die dort
beschäftigt waren, haben sie dann eingetauscht oder haben sie sich selbst gekauft. Dadurch
hatten die Gefangenen etwas mehr Geld und sie waren auch nicht so streng bewacht, wie die
Deportierten aus Russland.
Der Wattebetrieb war in der Frankfurter Straße, ich kann nicht sagen, wo der sich
befand. Meine Muter war dort beschäftigt, aber ich habe nie genau danach gefragt, wo sie dort
arbeitete.
[...]
In diesen Baracken „Am Waldgürtel“ waren nur russische Menschen [...], Männer und
Frauen aus Russland. Sie sind zur Arbeit gegangen und von der Arbeit wieder unmittelbar
dorthin zurückgekehrt. Sonst hatten sie weiter keine Freiräume. Sie waren auch unter
Bewachung und außerdem war das ganze Gelände eingezäunt. Sie konnten nicht raus, wann
sie wollten, nur zur Arbeit und wieder zurück. Die französischen Kriegsgefangenen hatten
etwas mehr Freiraum, man hat sie auch nach der Arbeit durch die Stadt laufen sehen. Sie
hatten es wohl wesentlich besser gehabt, waren nicht so sehr in ihrer Freiheit eingeschränkt.
Kontakte durfte die Bevölkerung auch nicht mit ihnen aufnehmen.
Wenn Frauen Kontakte zu irgendwelchen Ausländern aufgenommen haben und es
kam raus – und es ist auch hier mal rausgekommen – da wurden den Frauen die Haare
abgeschnitten, der Kopf kahl geschoren, Teer draufgestrichen und Hühnerfedern. Das war
eine Frau aus einem Dorf hier in der näheren Umgebung. Sie wurde dann durch die Stadt
geführt von der NSDAP. Keiner hat sich dagegen aufgelehnt. Man hat versucht, sich das
Ganze erst mal nicht anzusehen, um nicht irgendwie in Verdacht zu kommen, dass man nicht
eventuell noch Mitleid mit den Frauen hatte. Das wäre wieder verdächtig geworden.
Ich habe dann später erfahren, dass auch andere Frauen, junge Mädchen, Kontakt
besonders zu den französischen Gefangenen hatten und nach dem Krieg dann mit diesen
französischen Gefangenen in ihr Heimatland zurückgegangen sind, dort geheiratet haben und
dort in Frankreich geblieben sind.
Meine Schwester war im Lohnbüro der „Vergaser“ und dort war ein angeblich
italienischer Gefangener, der einen engen Kontakt zu allen anderen Gefangenen hatte, die dort
beschäftigt waren. Die waren in der ehemaligen Reithalle untergebracht, in der Nähe der
Neiße. Nach 1945 trafen wir [...] den Kriegsgefangenen wieder. Er war uns unter dem Namen
Forlani bekannt. Ich selbst hatte ihn öfter [...] in der Krankenkasse am Schalter gesehen und
wusste, dass er kranke Gefangene betreute. Er kam regelmäßig und brachte die
Krankschreibungen. Von meiner Schwester hatte ich dann erfahren, dass er als Vertreter der
Gefangenen eingesetzt [war], weil er gut deutsch sprach. Meine Schwester selbst hatte ihm
öfter mal Mittagessen gegeben, dort aus dem Betrieb. Das wurde von einigen leitenden
Angestellten bemerkt. Sie wurde dann von ihrer Abteilungsleiterin gewarnt, dass sie sich da
zurückhalten soll, sonst würde das für sie unangenehm werden. Sie hielt sich dann auch
dementsprechend zurück.
Nach dem Zusammenbruch trafen wir den italienischen Gefangenen Forlani wieder.
Wir waren erstmal sehr erstaunt, wie er aussah. Wir kannten ihn ja nur in der schmutzigen
Uniform, die die Gefangenen trugen. Er war nun sehr gut angezogen, ich kann mich noch
genau entsinnen: hellblaues Hemd, kurze Hosen, und vor allen Dingen, die Haare sah man
jetzt - sie waren blond. Die Gefangenen waren ja vorher kurz geschoren. Er rief meine
Schwester und wir sahen uns um, wir erkannten ihn erst gar nicht. Dann kam er [...] zu uns
auf die andere Straßenseite, sagte dann: „Frau [...], erkennen sie mich nicht?“ Nein, sagte sie.
„Ich bin Forlani.“ Und wir waren darüber sehr erstaunt. Wir sind dann in die Hofstraße
gegangen, in die jetzige Grundschule 6. Das war damals die Handelsschule. Wir haben uns
dort lange Zeit in der einen Schulklasse unterhalten. Er sagte uns, er ist gar nicht ein
italienischer Soldat gewesen, sondern ein jugoslawischer Offizier. Da er eben auch perfekt
italienisch konnte, hatte er sich aus besonderen Gründen als Italiener ausgegeben. Er hatte uns
dann erzählt, wie er regelmäßig Krankschreibungen veranlasst hat unter den Gefangenen und
dass dadurch immer ein Arbeitsausfall entstanden ist. Das hat diesem Vergaser-Betrieb
geschadet. Es ist sehr gut durchorganisiert gewesen. Er selbst war dann danach hier im
Auffanglager in Forst. Hier sind erst mal auch aus der näheren Umgebung alle Deportierten,
alle Gefangenen und alle Zwangsarbeiter gesammelt worden. Sie wurden dann nachher in ihre
Heimatländer mit dem Zug abtransportiert. Dieses Sammellager war vom Bahnhof aus die
Bahnhofstraße hoch, die jetzige August-Bebel-Straße, die Blumenstraße, Leipziger Straße, wo
die Häuser noch standen, bis zur Nagelstraße – damals Lothringer Straße. Diese Straßen
waren mit Zäunen auch abgesperrt, also nicht zugänglich für die heimkehrenden Forster
Leute. Die rückzuführenden ehemaligen Deportierten konnten aus dem Lager raus, konnten
frei durch die Stadt gehen. Nur für die Forster war diese Zone nicht begehbar. Dort durfte
man nicht hinein. Es waren weit über hundert Menschen in diesem Sammellager. Genau kann
ich das nicht abschätzen. Es waren ja sehr viele Häuser kaputt, es waren auch zwischendurch
wieder eine ganze Menge bewohnbar. Es waren schon eine ganz schöne Menge Menschen
dort. Es sind [...] nachher täglich von Forst Züge weggefahren; jeweils über Cottbus und dann
entweder nach Russland oder Italien oder Frankreich. [...]
Andere Lager sind mir nicht bekannt. [...]
In der Verwandtschaft meiner Mutter ist mir ein Fall bekannt: Er wohnte hier auf dem
Dorf in der Nähe von Forst und hatte eine Landwirtschaft. Er hatte eine russische Hilfskraft
bekommen. Alle Bauern hatten Anweisungen, wenn sie Arbeitskräfte [...] aus der
Sowjetunion auf ihrem Hof hatten, dass sie keinen persönlichen Kontakt zu ihnen aufnehmen
durften. Der Cousin meiner Mutter hatte ein Verhältnis mit der Russin. Die eigene Mutter hat
ihn angezeigt und er wurde sofort nach Berlin-Moabit gebracht. Es war ein großer, kräftiger
Mann und innerhalb von acht Tagen war er tot. Die Mutter bekam die Nachricht, er wäre an
einer Lungenentzündung gestorben. Nachdem, was wir später erfahren haben, wie mit solchen
Leuten umgegangen wurde, nahmen wir auch an, dass er von der Gestapo in Moabit
umgebracht wurde. [...] Die Russin ist von dem Hof entfernt worden, wohin, das ist mir nicht
bekannt. [...]
Der Kolonialwarenhändler, er hatte ein Lebensmittelgeschäft mit Obst und Gemüse,
das war das Ehepaar Kuhlisch. Sie sind nach 1945 nur ganz kurz in Forst aufgetaucht. Die
Eltern und der Sohn, als er aus dem Krieg zurückkam, sind dann nach dem Westen gegangen.
Sie haben gar nicht mehr hier in Forst angefangen.
Die Zwangsarbeiter und auch die Gefangenen müssen ja versichert gewesen sein. Die
waren in Großbetrieben, die eine Großabrechnung über die Beschäftigten hatten, aber da der
angebliche italienische Gefangene dort die Krankenscheine hingebracht hat, waren also auch
die Kriegsgefangenen versichert.
In Forst waren keine Revancheversuche der ausländischen Gefangenen nach dem
Krieg bekannt. Forst ist ja total geräumt worden, wir sind auch zwangsevakuiert worden, wir
mussten alle raus. Bis auf diese Rückführung der Gefangenen, die hier sozusagen auch in
einem Ghetto gehalten wurden, die sich aber frei bewegen konnten in der Stadt, ist mir nicht
bekannt, dass irgendwelche Übergriffe stattgefunden haben.
Es sind in Forst einige Italiener nach dem Krieg geblieben, sie haben hier geheiratet
und haben hier auch Familien gegründet. Die Namen sind mir leider entfallen.
Todesfälle bei den Zwangsarbeiter sind nicht bekannt geworden. Über das ganze
Leben, das sich dort in den Baracken abgespielt hatte, haben wir nie etwas erfahren. Bis auf
diese Geburtssache, die hatte sich in der Stadt durch das Krankenhauspersonal
rumgesprochen.
Hauptorganisator bei den italienischen Arbeitern im Vergaser-Werk war Forlani, der
sich als italienischer Gefangener ausgegeben hat. Sie haben sogar in den Reitstall ein Loch
gebuddelt, um nachts dort auszubrechen und von den Feldern Kartoffeln und andere
Nahrungsmittel zu beschaffen. Ansonsten durften sie sich nicht in der Stadt sehen lassen. Das,
was sie bekommen haben, war nur sehr begrenzt und nicht ausreichend. Sie mussten arbeiten
und sie waren praktisch unterernährt. Das ist alles ganz stark organisiert gewesen, mit dem
Besorgen der Lebensmittel, mit den Krankschreibungen und mit dem Ausfall dann im
Betrieb. Und das hat hauptsächlich dieser Forlani gemacht. Es wurde genau festgelegt, wann
jemand krank war, wer arbeiten ging. Dann war wieder eine andere Gruppe dran, damit alles
nicht so auffiel. So hatte er es berichtet.
Wann die Reithalle abgerissen wurde, kann ich nicht sagen. Wir hatten alle andere
Sorgen, als nachzuschauen, ob die Reithalle noch steht. Die Reithalle war eingezäunt, das war
schon vorher, als es noch als Reithalle von den Fabrikanten genutzt wurde, ein eingezäuntes
Gelände.
Andere Einrichtungen waren für die Gefangenen nicht zugänglich. Forlani hat er alle
Angelegenheiten für die anderen Gefangenen erledigt, weil er sehr gut deutsch konnte.
Er kam immer alleine und ist auch immer alleine wieder gegangen. Er hatte niemanden dabei,
der ihn bewacht hat. [...]
Wo die Franzosen unterbracht waren, weiß ich überhaupt nicht. [...]
Polnische Zwangsarbeiter waren mir nicht bekannt.
[...]
Angriffe auf Forst gab es nicht und Scheuno war aus der Luft überhaupt nicht erkennbar.
[.../Angriff auf Sorau/Tätigkeit als Ersthelfer/...]
Es ist mir nicht bekannt, dass in den späteren Kriegsjahren auch eine ausländische Ärztin im
Krankenhaus gearbeitet hat.
[...]
Vom Verbot, nicht mit den Gefangenen in Kontakt zu kommen, haben wir durch
Artikel in der Zeitung erfahren und durch Mundpropaganda. Es wurde weitergegeben und
man hat auch erfahren, dass verschiedene dafür bestraft [und] eingesperrt wurden. Da hat man
sich daran gehalten. Es wurde ganz allgemein in der Zeitung bekannt gegeben, dass die
Bevölkerung keinen Kontakt zu Kriegsgefangenen oder zu Deportierten aufzunehmen hat.
Aber es ist doch passiert, wie wir später festgestellt haben. Einige Forster Mädchen sind mit
den französischen Gefangenen nach Frankreich gegangen.
[...]
Als wir aus Finsterwalde nach Forst zurückkehrten, natürlich zu Fuß, da wurden wir
kurz vor Groß Jamno von russischen Soldaten aufgehalten. Das waren die Kommissare,
gekennzeichnet durch die Armbinde. Wir sollten seitwärts an den Rand gehen, auf die Wiese.
Da kam ein ganzer Trupp polnischer Männer vorbei, in Begleitung von russischen Soldaten.
Die wollten übergreifen zu unseren Sachen. Von den russischen Soldaten sind sie daran
gehindert worden. Wo diese Truppe hingekommen ist, kann ich nicht sagen. Sie sind in
Richtung Cottbus gebracht worden.
[...]
Ergänzung vom 24.6.2002
Ergänzend [....] möchte ich Ihnen noch mitteilen, dass meine Schwester und, ich nach
Kriegsende, im Mai 1945, Kontakt zu Zwangsarbeiterinnen hatten, die auch in dem Forster
Auffanglager waren. Wir trafen uns in einer Forster Tuchfabrik Tür und Tore waren offen und
die Forster versorgten sich mit Garnen zum Verarbeiten für Unterwäsche und Bekleidung
(„Mausiwolle!“). Einigen Mädchen begegneten wir, die aus Rußland waren, die sich ebenfalls
mit den Garnen versorgten. Ein Mädchen erzählte uns, sie sprach ein gutes Deutsch, dass sie
in Leipzig im Haushalt bei einer Familie mit Kindern war, als Hausmädchen. Sie sagte, es war
scheen. Frau gut, ging mit ihr zum Frisör. Haare scheen gemacht und scheene Sachen
bekommen. Wäre gern geblieben. Rußland sehr dreckig. Mal eine andere Variante!
Zu der Geburt eines Kindes einer Deportierten im Forster Krankenhaus hatte ich mich
wohl nicht richtig ausgedrückt. Ich wollte sagen, dass diese Entbindung unter äußerst
primitiven Umständen erfolgte. Die gusseiserne Badewanne stand in einem Raum in dem
Steckbecken, Urinflaschen, Abfalleimer und Reinigungsmaterialien abgestellt waren, sowie
schmutzige Bettwäsche, die bis zum Abtransport in die Wäscherei dort abgelegt wurde.
Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene wurden im Februar 1945 auch zum Bau von
Panzersperren und Schützengräben eingesetzt. Italienische Zwangsarbeiter wurden auch zur
Evakuierung der alten Leute aus dem Siechenheim in Berge (jetzt Polen) eingesetzt. Mit
Tragen mußten sie über eine Pontonbrücke über die Neiße die Gebrechlichen in die
Rüdigerstr. (jetzt Dr.-Otto-Nuschke-Str.) transportieren und in Güterloren der Stadtbahn
einladen. Die Lange Brücke war schon gesprengt. Der Einsatz der Italiener dauerte 6
Stunden.
Der in Forst verbliebene Italiener hieß P.[...]. Er hatte ein schönes Mädchen aus Forst-
Keune geheiratet. Er hatte 6 Kinder. Alle hatten die italienische Staatsbürgerschaft. Er konnte
sein Heimatland auch zu DDR-Zeiten besuchen. Er beantragte die Ausreise nach einigen
Jahren nach Westdeutschland. Mit seiner Frau, den Söhnen und einem Mädchen reiste er aus.
Die Frau und das Mädchen kamen aus Heimweh wieder zurück. [...]
Ergänzung vom 24.6.2002
Ergänzend [....] möchte ich Ihnen noch mitteilen, dass meine Schwester und, ich nach
Kriegsende, im Mai 1945, Kontakt zu Zwangsarbeiterinnen hatten, die auch in dem Forster
Auffanglager waren. Wir trafen uns in einer Forster Tuchfabrik Tür und Tore waren offen und
die Forster versorgten sich mit Garnen zum Verarbeiten für Unterwäsche und Bekleidung
(„Mausiwolle!“). Einigen Mädchen begegneten wir, die aus Rußland waren, die sich ebenfalls
mit den Garnen versorgten. Ein Mädchen erzählte uns, sie sprach ein gutes Deutsch, dass sie
in Leipzig im Haushalt bei einer Familie mit Kindern war, als Hausmädchen. Sie sagte, es war
scheen. Frau gut, ging mit ihr zum Frisör. Haare scheen gemacht und scheene Sachen
bekommen. Wäre gern geblieben. Rußland sehr dreckig. Mal eine andere Variante!
Zu der Geburt eines Kindes einer Deportierten im Forster Krankenhaus hatte ich mich
wohl nicht richtig ausgedrückt. Ich wollte sagen, dass diese Entbindung unter äußerst
primitiven Umständen erfolgte. Die gusseiserne Badewanne stand in einem Raum in dem
Steckbecken, Urinflaschen, Abfalleimer und Reinigungsmaterialien abgestellt waren, sowie
schmutzige Bettwäsche, die bis zum Abtransport in die Wäscherei dort abgelegt wurde.
Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene wurden im Februar 1945 auch zum Bau von
Panzersperren und Schützengräben eingesetzt. Italienische Zwangsarbeiter wurden auch zur
Evakuierung der alten Leute aus dem Siechenheim in Berge (jetzt Polen) eingesetzt. Mit
Tragen mußten sie über eine Pontonbrücke über die Neiße die Gebrechlichen in die
Rüdigerstr. (jetzt Dr.-Otto-Nuschke-Str.) transportieren und in Güterloren der Stadtbahn
einladen. Die Lange Brücke war schon gesprengt. Der Einsatz der Italiener dauerte 6
Stunden.
Der in Forst verbliebene Italiener hieß P.[...]. Er hatte ein schönes Mädchen aus Forst-
Keune geheiratet. Er hatte 6 Kinder. Alle hatten die italienische Staatsbürgerschaft. Er konnte
sein Heimatland auch zu DDR-Zeiten besuchen. Er beantragte die Ausreise nach einigen
Jahren nach Westdeutschland. Mit seiner Frau, den Söhnen und einem Mädchen reiste er aus.
Die Frau und das Mädchen kamen aus Heimweh wieder zurück. [...]
Zeitzeuge 2
Wir wohnten am Ausgang von Berge. Dort begann die Pförtener Chaussee. [...] Mein Sohn
wurde 1944 geboren, im März. Meine Schulfreundin hatte zu gleicher Zeit ein Baby [...]. Da
trafen wir uns Nachmittag immer und fuhren die Chaussee mit unseren Kinderwagen lang.
Wir mussten an den Baracken vorbei, die standen zwar ein Stück weiter drin, ungefähr 50 bis
100 Meter, eingezäunt. Es waren Familien da. Wir schoben unsere Kinderwagen, und da ist es
uns passiert, dass eine junge Frau kam, ihr Baby auf dem Arm – wir konnten uns ja nicht
verständigen und es durfte ja auch keiner merken – die kam an den Fahrradweg (es ging an
der Seite ein Fahrradweg nach Pförten) und hat uns zu verstehen [gegeben], sie hätte für ihr
Kind nichts, keine Flasche zu trinken, nichts zu essen. Wir haben gedacht, wir dürfen das
nicht, wir dürfen keinen Kontakt haben und sind immer wieder weiter gegangen, dann wieder
zurück. Dann haben wir gedacht, unsere Kinder waren ja auch neu geboren, waren ja klein.
Da gab es hier in Forst in der Beethovenstraße eine Bäckerei Seifert. Die backte Zwieback für
die Kinder. Wir hatten Karten, zum Beispiel Kuchenkarten, so konnten wir Zwieback holen
für unsere Kinder und das haben wir getan. Pfundpackungen, eine Flasche, ein bisschen
Trockenmilch, haben wir uns irgendwie mit der Frau verständigt. Damit niemand etwas
[merkte...] haben wir alles am Wegrand fallen lassen. Die junge Frau passte schon auf. Wir
sind dann weitergefahren und als wir zurückkamen, war es weg. Das haben wir zweimal
probiert. Dan kam sie auch nicht mehr. Ob sie das Baby durchgekriegt hat, wissen wir nicht.
[...] Das waren Familien, die da in den Baracken wohnten. Die Männer wurden zur Arbeit
weggeholt und sicher abends wieder nach Hause gebracht. [...] die Baracken standen im
Wald. [...] Wie viele Baracken dort standen, weiß ich nicht, denn wir hatten ja überhaupt
keine Einsicht. [...] Auch wann die Holzbaracken aufgebaut wurden, weiß ich nicht mehr.
[...] Man durfte keinen Kontakt mit den Ausländern haben. [...] Im Lager waren
Ukrainer untergebracht, ganze Familien. Wie viele es waren, weiß ich nicht. [...] Die Frauen
waren wohl im Lager, weil man gesehen hat, dass dort Leute waren. [...] Ob das Lager
bewacht war, ob der Zaun durchgängig war, kann ich nicht sagen, weil wir nicht
rangekommen sind. [...] Ich weiß nicht, wie die verpflegt wurden, ob die einkaufen durften.
Uns tat das Leid, weil wir ja auch die Babys hatten.[...] Die Frau war zirka 25 bis 30 Jahre alt.
Älter als wir war sie auf jeden Fall.
Wie lange das Lager bestand, weiß ich nicht mehr. Als die Front kam, sind die
Flüchtlinge mit ihren Trecks gekommen, man kam die Straße gar nicht mehr entlang. Ich
weiß nicht, ob das Lager vorher aufgelöst wurde, ob die Gefangenen umgekommen oder
rausgekommen sind, kann ich nicht sagen.
[...] In der Cottbuser Straße, von der Bahnhofstraße aus war ein Zaun, es war abgesperrt, da
waren Ausländer drin. Die lebten da und wir durften dort nicht rein. Dann hieß es, die
Ausländer gehen weg. Die haben ja auch allerhand mitgenommen, was sie hier noch kriegten.
Wir sind dann zum Bahnhof gegangen, die haben ja Handwagen gehabt, da hab ich mir einen
geschnappt. Den Handwagen haben wir benutzt, um Feuerung ranzuholen. [...]
Die Ausländer haben abgegrenzt gewohnt, wir waren aus Berge. Ich wohnte am
Bahnhof, wir sind dort gar nicht hingekommen. Die Wohnungen wurden von den Ausländern
geplündert. 1945 wurde das Lager wieder geräumt, die Ausländer durften zurück.
Wir haben nicht erfahren, was in dem Lager [an der Pförtener Chaussee] vor sich ging.
Die Baracken waren wahrscheinlich nur für diese Ausländer aufgebaut worden. Ein
Arbeitsdienstlager war in Scheuno, an der Skurumer Brücke, die Schäferei. Auch in Keune
soll ein Arbeitslager gewesen sein.
Ich weiß von einem Franzosen, der in Scheuno gearbeitet hat, der hat eine Deutsche
[...] geheiratet und mit nach Frankreich genommen. [...] Ob diese Beziehung erst nach dem
Krieg entstand, weiß ich nicht, sie haben sich aber beide in Scheuno im Werk kennen gelernt.
[...]
Zeitzeuge 3
Ich bin [...] bei Kriegsbeginn 14 Jahre alt gewesen. Ich kann mich noch genau
erinnern, als der Polenkrieg begann, es war an einem Sonntag, da bekam einer unserer
Gesellen schon ein Einberufungsbefehl. Die ersten Jahre waren nicht so sehr schlimm. Aber
als dann, wieder an einem Sonntag, 1941 der Russlandfeldzug begann, war mein Vater schon
in Russland und meine Mutter stand mit einem älteren Gesellen und einem zweiten allein da.
Der Erstgeselle wurde dann auch eingezogen und wir bekamen einen französischen
Kriegsgefangenen. Es war doch für uns alle etwas merkwürdig, und für ihn sicher auch, als er
in unsere familiäre Atmosphäre eintrat. Es war für uns selbstverständlich, dass er an unseren
Mahlzeiten teilnahm. Die Sache wurde dadurch erleichtert, dass ich von der Schule einige
französische Sprachkenntnisse hatte. Er stellte sich recht fleißig an, die Kollegen verstanden
sich mit ihm, und es gab eigentlich keine Probleme. Er war besonders, so war mein Eindruck,
mit seinen Angehörigen verbunden. Lange haben sie nichts voneinander gehört, aber die
Verbindung muss sich dann gebessert haben. Er erzählte oft von Briefen, die er von zu Hause
bekam. Er hatte eine Verlobte. Es dauerte gar nicht lange, es begann die Umwandlung der
französischen Kriegsgefangenen in Zivilarbeiter. Das bedeutete dann, dass sie Post und auch
Pakete von zu Hause bekamen. Sachen wurde geschickt, damit sie was anzuziehen hatten und
ich vermute auch, dass sie gar keine bestimmten Lagerzeiten hatten. Wenn sie um 22 Uhr
nicht da waren, wurden sie zwar gesucht, aber so direkt wie im Gefangenenlager war die
Hänselhalle nicht.
1943 bin ich dann nach Christianenstadt verpflichtet worden. Mein Vater ist
inzwischen aus Russland zurückgekommen, weil auch noch der letzte Geselle eingezogen
wurde und meine Mutter mit dem französischen Kriegsgefangenen und einem Lehrling allein
da stand. Drei Jahre (1942-1945) war der Franzose in der Fleischerei des Vaters beschäftigt,
lebet erst in der Hänselhalle und dann ab zirka 1943 in Noßdorf. Die Hänselhalle war die
ehemalige Reithalle. Ich selbst war nie dort. In Noßdorf waren dann Fremdarbeiter, auch
Holländer, Belgier. Sie waren nicht zu unterscheiden. Die Polen und die Russen war
Zwangsarbeiter. Mein Vater bekam dann auch noch einen Polen (zirka 1944), der ist dann
irgendwann Schlachthofdirektor geworden. Der war ein paar Mal hier. Wo der Pole
untergebracht war, weiß ich nicht.
In Noßdorf war der Franzose vor der Rennbahn in einer Unterkunft untergebracht,
direkt an der Hauptstraße. Das war eine größerer Raum, der ist jetzt ausgebrannt.
Früh ist der Franzose, gegen fünf Uhr, in den Laden gekommen, in einem Raum hinter dem
Laden wurde gefrühstückt. Mittag wurde 12.30 Uhr gegessen. Von 12.30 Uhr bis 14.30 Uhr
war der Laden immer zu. Mutter machte ein Päckchen für den Franzosen fertig, das er zum
Feierabend mitnehmen durfte. Während der Pausen saß der Franzose immer mit am Tisch.
Eigentlich war das nicht gestattet, sie sollten extra essen. Es hat aber niemand was gesagt. Das
Verhältnis zu ihm war rein arbeitsmäßig geprägt. Mutter machte hin und wieder einen Spaß.
Die Verständigung war gut, meist auf französisch. Er konnte auch ein paar Worte deutsch.
Von der Hänselhalle bis zu uns musste er laufen. Später hatte er wohl auch ein Fahrrad, als er
in Noßdorf war.
Da in den Betrieben die meisten Gesellen zwischen 25 und 30 Jahre alt waren, waren
sie alle eingezogen. Deshalb gab es in den meisten Betrieben auch Fremdarbeiter. Auch
kleinere Geschäfte hatten welche. Viele Geschäfte haben aber auch zugemacht. Die
Arbeitskräfte fehlten.
Im Straßenbild waren die Ausländer nicht zu sehen. Auffallend waren sie nicht.
Alle Frauen, die [im Lager] Am Waldgürtel waren, mussten nach Scheuno. Sie konnten ja
nicht laufen, da fuhr eine Bahn. Sie sind früh zum Bahnhof gegangen und sind dann rüber
gefahren. Hinter der Neiße war gleich die erste Station.
Familienfeste wurden mit den Ausländern nicht gemeinsam gefeiert. Aber zum
Beispiel Weihnachten kam der Franzose dann zu uns und wir feierten gemeinsam. Wir saßen
zusammen am Baum, sangen Lieder und auch bei der Bescherung war er dabei. Auch er
bekam kleine Geschenke. Mutter hatte für jeden was da.
[...]
Im Februar 1945 wohnte der Franzose ganz bei uns, im Hinterhaus hatte er seine
Stube. Eines Tages war er weg, hatte nur einen Zettel hinterlassen. Auf dem stand, dass er mit
einem Kollegen von seiner Truppe in Jocksdorf versteckt war. Die Ausländer waren ja bei der
Gestapo registriert und die kümmerten sich jetzt darum, wo sie abgeblieben sind. Die hatten
sicher auch Angst vor Sabotage, dass die Ausländer mit den Russen zusammenarbeiten. Bei
uns war mal einer von der Gestapo. Der fragte, wie es geht und so weiter. Er sah auch, dass
der Franzose mit bei uns saß. Es war aber alles in der Auflösung, so dass der Gestapo-Mann
nichts dazu sagte. Sie wollten nur, dass die Ausländer sich nicht irgendwie zusammenrotten –
drüben waren die Russen. Weil es dem Franzosen aber alles zu heiß wurde, da haben die sich
versteckt. Wir haben nie mehr was von ihm gehört. Ich dachte immer, dass er sich nochmal
melden würde.
Unser polnischer Mitarbeiter war schon weg, als ich [...] zurückkam. Die haben sich
still und leise aus dem Staub gemacht, weil es ja auch gefährlich hier für ihn war. Die Russen
hätten ja auch ganz schnell über die Neiße kommen können. Er wollte sicher ganz schnell aus
dem Kampffeld fort und ist „Nach Hause zu“ gegangen.
[...]
Der Franzose kam damals 1941 im Sommer zu uns in den Betrieb. Da wird meine
Mutter beim Arbeitsamt einen Antrag gestellt haben, und die haben ihn dann hergeschickt.
Wie die Bezahlung ablief, weiß ich nicht, da hatte ich keinen Einblick. Ich denke, wer damals
das Glück hatte, in einer Fleischerei zu sein, hatte erst mal keine Not, hatte zu essen.
Mittagbrot, Wurst, keine Delikatessen, aber es war alles da. Wenn sie hier ein bisschen
Fleisch und Wurst hatten, hat der Bäcker auch nicht so geguckt. Tauschhandel war
allgegenwärtig.
[...]
In Christianstadt (DAG-Werk) hatten wir keinen Kontakt zu Ausländern. Außer in den
Büros in der Baracke. In einem Büro haben Ukrainerinnen gesessen. Die waren recht putzig,
lustig und normal angezogen. Die waren für die Verteilung der Essenmarken zuständig. Das
war ein großes Glück für sie, sie saßen im Warmen und hatten mit den Deutschen auch
Kontakt. Sie konnten auch meist Deutsch. Wenn die Arbeiterinnen kamen und mal ein
Anliegen hatten, lief alles normal ab. Je höher der Bildungsstand war, desto weniger wurden
sie schlecht behandelt. Es gab eben auch die „Kleinen Nazis“, die sich sicher mehr hervortun
wollten, während Dr. Rahts [Lautschrift] mit den Franzosen anders sprach, es ihnen besser
erklären konnten. So war das auch bei den Chemikern, das war eben anders. Dort gab es keine
Gewalt.
[...]
Von Ausländern, abgesehen von der Fleischerei, hab ich wirklich nichts
mitbekommen. [...] Italiener habe ich auch in Christianstadt welche gesehen, 1944. Die waren
sehr elend. Sie haben überall nach Essen gewühlt. Auch das andere Klima, die sehe ich noch
oft leiden. Mit denen sind sie nicht so besonders gut umgegangen. Das waren ja Feinde. Sie
kamen mir unterernährt vor, es gab ja auch für viele Deutsche kaum noch was zu essen. Für
sie war wohl alles zu viel. [...]
Vielleicht finde ich noch irgendwelche Eintragungen, was meine Mutter damals ans
Stammlager gezahlt hat. Sie kamen vom Stammlager und wurden vom Stammlager bezahlt.
[...]
Zeitzeuge 4
Es waren manchmal sehr heiße Sommer. Die Jahre, wenn man zurück denkt, 1942, 43, 44.
Und mein Vater war krank geworden [...]. Wir waren vier Kinder. Es [...] durfte keiner
Kontakt zu diesen Ostarbeitern haben. Aber der Sinn, dass da was passieren kann, das gab es
für ein Kind nicht, [...] Mutter hat auch mit uns nicht darüber gesprochen. Ich kann mich
erinnern, im Sommer, wenn wir Kohlen bekommen haben. [...] Dann wurden die Kohlen
abgekippt. An dem Haus, wo wir gewohnt haben, in der Triebeler Straße, war dann immer,
wenn ich aus der Schule kam, so ein richtiger große Kohlehaufen. Und dann wurden sie in
den Keller geschippt. Nachmittags habe ich mich immer gewundert, ich wollte mithelfen, die
Kohlen reinschippen. Meine Mutter sagte, ach lass mal. Ich brauchte das nicht. Dann kamen,
manchmal eine, manchmal zwei Frauen, das waren Ostarbeiter. Ich glaube Ukrainerinnen. Die
müssen gesehen haben, dass meine Mutter dort geschippt hat und haben dann gesagt, dass sie
das machen wollen. Nachdem sie sich förmlich aufgedrängt hatten, hat sie meine Mutter dann
schippen gelassen. Als Kind denkt man nicht drüber nach. Aber heute weiß ich, das war ja
eine große Gefahr für sie und für uns, weil ja die Kontakte wirklich verboten waren. Und
dann hat sich das mit den Jahren so eingepegelt, dass diese Frauen (es waren wohl immer die
gleichen) Kohlen reingeschippt haben. In der Zeit ist meine Mutter dann immer schnell rein
ins Haus, meine Mutter war ja ein guter Mensch, und hat dann Kartoffeln geschält. Einen
großen Topf, ich musste mitschälen. Immer, wenn die Frauen kamen, gab es dann
grundsätzlich Rührkartoffeln, Rührei drauf und Buttermilch. Dann wurde in der Zeit im
Waschhaus, in der Zinkwanne, wurde der Kessel geheizt. Das Wasser wurde so warm
gemacht, dass sie baden konnten. Baden war ja für diese Frauen Luxus. Wenn die Frauen
fertig waren, konnte sie baden. Das war für die das Schönste. Dann haben sie das Essen
bekommen. Wenn sie ein bisschen gegessen hatten, wollten sie sich den Rest einpacken. Da
hat meine Mutter immer gesagt, sie sollen weiter essen, sie hätte noch genug da. Da haben sie
mit großem Hunger gegessen. Es war ja Krieg, deshalb hatten wir ja auch nicht viel. Wenn sie
dann fertig waren, hat meine Mutter in einen großen Tonkrug die Rührkartoffeln reingemacht,
sie hat ihnen Eier mitgegeben für die anderen Ostarbeiter, die draußen in der Triebeler Straße,
wo die Turnhalle ist [...] wohnten. Da war das Lager.[...]
Dann haben die Frauen am nächsten Tag die Tonkrüge wieder abgewaschen in die
Hausecke gestellt. Da war 100-prozentig Verlass drauf. Das war wie eine stumme Absprache.
[...]. Im Sommer 1944 waren die Arbeiter noch da, man hat nicht mitbekommen, wann die
Lager tatsächlich aufgelöst wurden. Das war der letzte Sommer, den wir in Forst waren. Als
Kind tat mir immer sehr weh: Die Frauen hatten solche komischen Schuhe an. Wir hatten ja
auch nicht viel. Das waren Schuhe wie bessere Holzpantoffeln, nur zu bis oben hin, mit
Segeltuch und Lederschnallen. Und unten hatten sie eine richtig dicke Holzsohle, die sich gar
nicht bewegt hat, die steif war, beim Laufen. Ein Leid, für uns unvorstellbar. Sie hatten keine
richtige Wäsche.
Heute weiß ich erst, was passieren hätte können, wenn uns einer verraten hätte. Als
Kind ist es uns nie bewusst gewesen. Sie hatten keine Schlüpfer, keine Hemde. Es gab ja im
Krieg alles auf Punktkarte. Alles, was man gekauft hatte wurde berechnet, dann wurden
Abschnitte ausgeschnitten. Das weiß ich noch ganz genau, weil meine Schwester gestorben
ist und meine Mutter mir die Punktkarte gab. Ich wollte mir ein Nachthemd kaufen [...] mit
dieser Punktkarte. Meine Tante hat alles, was sie abgeben konnte, den Frauen gegeben. Und
wenn die gebadet hatten, haben sie die saubere Wäsche bekommen. Die Frauen haben
geweint vor Freude und dass sie was sauberes hatten. Sie hatten ja den ganzen Tag gearbeitet.
Früh in ihren komischen Schuhen sind sie in die Stadt gelaufen. Und ich würde
denken, die haben in der Kirchstraße bei der Firma Mix und Genest, da war eine Pulverfabrik.
Dort haben sie für Geschosse oder so gearbeitet. Mein Großvater musste als alter Mann auch
seine Arbeit aufgeben und dort in der Rüstung arbeiten gehen. Dort waren eben auch solche
Frauen. Dann sind sie nachmittags noch Kohlen schippen gegangen. Den ganzen Tag haben
sie gearbeitet mit wenig Essen.
Es war für sie aber ein Segen, dass sie ein Mensch annimmt, dass sie was zu essen
bekommen haben, dass sie satt waren, dass sie sich mal baden konnten. Das war ja was ganz
Großes gewesen. Und dass sie mal Wäschestücke bekommen haben. Ich weiß noch genau,
wie mich einmal eine Ukrainerin gedrückt hat, mir war das richtig fremd und unheimlich. Sie
hat dabei so geweint und hat uns erzählt, sie hätte fünf Kinder. Mit der Hand hat sie die Größe
gezeigt, die Kinder waren größer, wurden immer kleiner. Sie wurde von den Kindern getrennt
und hat nie gewusst, wo ihre Kinder sind. Was muss in so einer Mutter vorgegangen sein. Ich
glaube, ich hätte nicht weiterleben können. Das ist Leid gewesen.
Ich würde sagen, die Menschen, die ein Herz hatten, die haben die Ostarbeiter nicht
vergessen. Aber wie es natürlich die große Masse gesehen hat, dafür war ich zu klein. Wenn
ich 14 oder 15 gewesen wäre, hätte ich ja schon andere Gedanken gehabt, aber ich war ja erst
zehn. Ich wird das nie vergessen.
In Keune waren die Frauen alleine, ohne Familien, denn sonst hätte die Frau nicht
erzählt, dass sie Kinder hatte und sie wurde schon bei dem Transport von den Kindern
getrennt, wie sie erzählt hat. Die hat mich gar nicht mehr aus dem Arm gelassen. Es war mir
bald unheimlich, [...]. Mutter hatte uns zwar auch mal gedrückt, aber sie konnte uns ja nicht
alle paar Minuten drücken, und die Ukrainerin hat mich gar nicht mehr losgelassen. Vielleicht
hab ich ja auch ihrem Kind geähnelt, ich weiß es nicht. Daran denke ich heute noch oft. Vor
allem, wo sind sie geblieben. Ich könnte mir vorstellen, sie sind jetzt schon tot. Vielleicht war
ja die Frau auch schon Ende 30 damals, darüber macht man sich ja als Kind keine Gedanken.
Das sind so Dinge, die haben einen schon geprägt.
(...) gegenüber [...] war ein Bauer, der hat auch zwei Ostarbeiterinnen bekommen. Ich
würde sagen, die waren auch aus der Ukraine. Kann ich mich noch erinnern, die eine hatte
schwarze Zöpfe. Ich kann mich noch an die Namen erinnern, eine hatte ich besonders lieb
gehabt. Die eine hieß Nastja, die andere hieß Marussja. [...] Die waren wohl nicht älter als 16,
höchstens 17. Die saßen immer im Sommer abends am Rinnstein an der Straße und haben
immer diese Kerne geknackt, die Sonnenblumenkerne, oder so. Da haben wir uns als Kinder
immer gewundert, wir haben mitgepult. Da hat keiner was gesagt, wenn wir dann mit da
draußen waren, wenn wir dann so um die rumstanden.
[...]
Wenn wir draußen mit den Mädchen am Rinnstein gehockt haben, hat keiner was
gesagt. Kam ja auch vielleicht keiner von diesen Ortsgruppenführer vorbei [...]. Die beiden
Ukrainerinnen hatte ich gern gehabt, sie mussten aber letztendlich ja arbeiten. Ich kann eben
nur erzählen von den Frauen, die immer kamen. Das hatte sich so eingebürgert und es ist ja
nichts passiert. Es hätte uns ja jemand anzeigen können, wenn die richtigen Leute da gewesen
wären. Denn die haben auch Leute abgeholt, 100-prozentig. Man durfte nicht „mau“ sagen zu
der Zeit.
Ich kann aber weder aus Erfahrungen noch aus Erzählungen sagen, dass die Leute
abgeholt wurden. Mutter hat nicht mit uns darüber gesprochen. Vielleicht hat sie es gewusst
und wollte es uns nicht erzählen, damit wir uns nicht mal verplappern.
Ich kann mich auch noch an Ausländer erinnern, dort wo der „Waldgürtel“ war. Dort
waren auch Ausländer, das weiß ich auch noch sicher. Ganz sicher weiß ich aber vom Lager
in Keune, weil ich in Keune Verwandte hatte. Das Lager selbst hab ich von außen gesehen,
rein sind wir nicht gekommen. Ich kann mich auch noch an die Turnhalle erinnern, da drin
hatten die wohl die Betten. Reden konnten wir mit den Ukrainerinnen ja nicht, die haben ja
nicht Deutsch gesprochen. Die eine hat eben nur mal angedeutet die Sache mit ihren Kindern.
Die haben sich auch gar nicht getraut, auf uns zuzugehen. Ich denke doch, dass die so
eingeschüchtert waren, dass die sich das gar nicht gewagt haben. Aber es war ja schon eine
Solidarität von den Deutschen zu spüren. Sie haben ja dafür gearbeitet, den ganzen Tag. [...]
Zeitzeugen 5
Ich hab in Forst gearbeitet, 1939. Dann bin ich nach Scheuno gekommen. Da haben sie Leute
gesucht zum Kartoffelschälen. [...] Vom Kartoffelschälen habe ich mich hochgearbeitet, habe
dann in der Küche gearbeitet. Es ging alles etappenweise. Die Arbeit konnte ich ja und die
hatten ja auch viele Köche gehabt. Ich habe für die dann alles mögliche gekocht, Gemüse und
so weiter. Später wurde der Verkauf noch erweitert, da bin ich in den Verkauf gegangen[...].
Zuerst kamen immer unsere Leute essen und einkaufen. Dann kamen die ganzen Ausländer,
Italiener, Franzosen, alle Sorten waren ja da gewesen. Wir hatten mit denen ein gutes
Verhältnis. Die hatten alle ihre Marmeladengläser gehabt. Dann haben wir mit meiner Mutter
dort im Lager gewohnt. [...] Ich habe in der Schälküche angefangen, bin dann in die Küche,
den Verkauf, an die Kasse und da kamen sie ja dann alle. Also drinnen haben wir nicht
mitbekommen, dass es zwischen ihnen Kämpfe gegeben hat, die haben sich gegenseitig
geholfen. Das Schlimmste hat sich ja immer draußen abgespielt.
Die [...] Italiener, die Belgier, die Holländer, die haben ja auch bei uns gekauft.
Genauso wie unsere deutschen Arbeiter [...] Es lief alles friedlich und ruhig ab. Es soll einiges
vorgefallen sein, wenn die ins Werk gelaufen sind. Aber darauf haben wir ja keinen Einfluss
mehr gehabt. Die russische und polnische Bevölkerung waren innerhalb des Objektes noch
einmal hinter einem großen Tor abgeteilt. Das stand aber auch immer offen, es war nicht so,
dass sie immer ganz weggeriegelt waren. Das kann man so nicht sagen.
Vorn war die Mannschaft, das große Tor, dort war die Wache drin. Ringsrum war alles
eingezäunt. [...] Im Hof haben die Baracken gestanden. Quer rüber stand die Baracke, wo
gegessen wurde. Dort war die Kantine drin, wo sie eingekauft haben. Überall standen
Baracken. Zwischendurch war eine große, mit Küche, Verkaufsstand, Kantine. Dann war dort
ein großes Tor und dort waren die Polnischen und die Russischen drin. Die hatten dort auch
eine Küche, wo deutsche Köche kochten. Einmal im Monat durften sie auch selbst kochen.
Viele Lebensmittel hatten sie in Pförten gekauft. [...] Wie viele Baracken es insgesamt waren,
kann ich nicht genau sagen, es waren etliche. Die Polen und die Russen hatten in ihrer großen
Baracke auch eine Art Aufenthaltsraum, da drin haben sie auch gefeiert, wie Weihnachten.
Sie hatten ja später „Väterchen Frost“. Wir waren da oft gucken. Da hat uns niemand, keine
Wachmannschaft weggeschickt. Es ist erstaunlich, wie sie eigentlich von Nichts etwas
organisiert haben. Sie haben ja auch oft in Gärtnereien und bei Familien, wo die Männer nicht
da waren, gearbeitet und so etwas dazu verdient, Rasen gemäht, umgegraben. Dazu was
verdient. Der Unterlagerleiter war manchmal so gemein und hat ihnen schon mal einen
Krautkopf oder etwas anderes, was sie für ihre Arbeit bekommen haben, weggenommen. Der
Unterlagerleiter war für das gesamte Lager zuständig. [...] Wir hatten einen Oberlagerleiter
Bernhardt und einen Unterlagerleiter Frischke. Der Bernhardt war sehr menschlich, ein sehr
humaner. [...] Er hat meiner Mutter gesagt: „Ihr habt doch auch eine kleine Enkeltochter. Wir
haben da ein russisches Mädchen, ungefähr 12, 13 Jahre alt. Stellt euch mal vor, wenn die
dort im Werk arbeiten gehen müsste, die ist so alt wie meine Tochter.“ Sie hieß Nellie. Über
die haben wir dann oft Brot mitgegeben und Brötchen. Oder wir haben es draußen hingestellt.
Die Straße war etwas niedriger, die Baracken standen etwas höher. Da waren auch etliche
Stufen hoch in den Gemeinschaftsraum [...].
Wo der ganze Zusammenbruch war, waren die ganzen Oberen da, die Chefs waren alle
weggewesen. Wir hatten den Befehl bekommen, Marschverpflegung zusammenzustellen. Als
wir dann nicht mehr einig wurden, hat meine Mutter gemeint, wir machen alles auf, sollen sie
sich einfach rausnehmen. Es hat sich keiner mehr um die Ausländer gekümmert, die mussten
doch was essen. Bäcker Jahn hatten ja noch die Brote geliefert. Manchmal auch mehr. Die
Ausländer haben in Pförten auf dem Gut Sonnenblumenöl und sehr viele
Sonnenblumenkörner gekauft. Sie haben das ja gerne gekaut.
Das russische Ukrainermädchen hat meine Mutter immer angefordert. Sie hatten
immer das Magazin wischen müssen, dafür haben sie dann mal einen Sack mit
Sonnenblumenkernen bekommen. Der wurde dann gelagert. So war die stille Zusammenarbeit
zwischen den Menschen gewesen. Viele Deutsche, die hinten im Werk mit den Ausländern
gearbeitet haben, haben dann auch Brote mitgenommen. Handwerker die im Lager geschlafen
haben, haben uns das auch erzählt.
Die Marschverpflegung, die wir bei der Auflösung des Lagers ausgegeben haben,
haben sowohl Deutsche als auch Ausländer bekommen. Alle haben etwas bekommen, die
gekommen sind. Da hat keiner den anderen weggeschubst. Die Auflösung ging Hals über
Kopf. Das war kein organisierter Abmarsch. Panzer waren vorgestoßen, bis zum Werk. Eh
wir das mitbekommen haben, da war schon ein großer Teil weg. Ich hab mir oft die Frage
gestellt, wo die ganzen Menschen geblieben sind, die Ausländer. Die waren ja plötzlich
vogelfrei. Sie sind ja auch überall in der Stadt rumgelaufen, die hätten alles mitnehmen
können: Geld, Stoffe, Nähmaschinen. Sie hatten aber nur Angst um ihr Leben. Als wir dann
nach Hause kamen, da kamen sie mit einem großen Handwagen, haben uns dann auch
gesehen und kamen zu uns rum. Wir hatten Angst, aber sehr sagte nur: Nix Angst haben. Wir
tun euch nichts. Wir wollen weiter. Wo die alle hingezogen sind, weiß ich nicht. Die haben
hier in der Stadt erst mal Halt gemacht. Sie haben hier kurz gewohnt, gegessen. Wir mussten
wirklich keine Angst haben. Einige waren dabei, die gut Deutsch sprechen konnten. Sie haben
alles gelassen. Viele haben dann noch in Forst gearbeitet. Ob überhaupt alle rübergekommen
sind? Oder sie sind dann über die Brücken. Wir waren die letzten. Wir waren kaum zu Hause,
da haben sie die letzte Holzbrücke bei Scheuno gesprengt [...]. Viele sind dann wahrscheinlich
drüben geblieben. Sind vielleicht auch gar nicht alle aus dem Lager rausgekommen. Sie dann
wohl auch zurücktransportiert worden. Meine Schwägerin auch.
Aber da brauchte man aber keine Angst haben, man hat auch keine Angst gehabt. Weil
die ja auch menschlich waren. Man kann auch nicht sagen, dass da mal irgendwas passiert
war. Die Italiener waren wohl in der ersten Zeit etwas isoliert, aber dann wurde freigegeben,
dass sie bei uns genauso einkaufen können. Und die Belgier und die Holländer auch. Da
wurde kein Unterschied gemacht. Die Kampeleien untereinander waren ja ihre Sache. Die
haben sich manchmal in den Haaren gehabt. Aber nur untereinander, von uns haben sie nie
jemand angegriffen.
[...] Weil meine Eltern früher in der Kommunistischen Partei waren, wussten wir über
die stille Zusammenarbeit zwischen den Ausländern und den Deutschen im Lager. Das
funktionierte so: Da hat eben mal einer eine Papiertüte mit Brötchen hingestellt, oder mal ein
paar Brötchen hingelegt. Es funktionierte ohne Worte. Manch einer hat mal was zum Essen
mit in den Betrieb genommen und es dann den Ausländern zugeschoben. Die sind ja nicht alle
gleich gewesen. Es gab gute und solche Menschen.
[...] Wir wurden nicht zwangsverpflichtet, im Werk zu arbeiten. Wir haben freiwillig
dort gearbeitet. Wir haben auch Lohn dafür bekommen, von der Sprengchemie. Die
Sprengchemie hatte ja auch das Lager gebaut. Ich [Schwester 2] bin auch wieder nur durch
einen Zufall ins Werk gekommen. Der Oberlagerleiter Bernhardt wollte nicht, dass meine
Mutter mich zum Arbeitsdienst einziehen ließ, die Front rückt doch immer näher, wir
brauchen sie hier. Dadurch bin ich dann ins Werk gekommen in die Verkaufsstelle. Ich war ja
in dem Alter, wo sie angefangen haben, uns einzuziehen. Sie haben ja auch viele zur Flak
gezogen.
[...] Meine Tochter ging in die Krippe. Im Lager gab es keine Kinderkrippe, sie war in
der Biebersteinstraße in Forst untergebracht. Für die Ausländer wurde dann im Lager eine
Kinderkrippe gebaut, weil ja auch viele Frauen schwanger waren. Weil diese Frauen dann
wieder gebraucht wurden, hatten sie direkt bei den Polen und Ukrainern dann eine
Krippenstation gebaut. Jede Woche einmal ist eine Ärztin gekommen. Meine Mutter hat
erzählt, dass die Ärztin oft Gespräche mit den Frauen machte, weil die schon manchmal die
zweite Schwangerschaftsunterbrechung machten wollten. Die Ärztin meinte, das wäre nicht
gesund, und ob denn die Frauen nicht lieber das Kind austragen wollten. Die ausländischen
Frauen sagten nur immer: Nicht vom deutschen Mann! Die Frauen wurden ja immer
geschlossen vom Lager ins Werk und wieder zurückgebracht. Wie viele Kinder genau im
Lager lebten, wissen wir nicht. Sie hatten dort einige Bettchen, damit sie die Kinder zurecht
machen konnten. Es kam auch oft eine russische Ärztin. Um die Kinder wurde sich wirklich
richtig gekümmert, da kann man nichts sagen. Das hat auch alles der Oberlagerleiter
Bernhardt organisiert. Wenn sie die Arbeitskräfte brauchten, mussten sie ja auch versorgt
werden. Es haben sich ja da auch viele kennen gelernt und dann zusammengeblieben. Unter
den Polen und Russen. Das bleibt ja auch nicht aus. Diese Paarbildung war nicht verboten,
sonst hätten sie ja auch diese Säuglingsstation nicht ausgebaut. Sie haben ja auch gut
gearbeitet. Sie waren freundlich. Wir kannten uns ja schon. Durch die Nellie haben wir ja
auch einiges erfahren, es sprach sich ja rum. Sie haben sich untereinander geholfen, haben alle
sehr zusammen gehalten.
Manchmal, wenn wir in den großen Räumen dort gewaschen haben, war die Wäsche
am nächsten Tag weg, die Leine durchgeschnitten. Wir konnten uns ja neue kaufen und hatten
zu Hause noch welche. Manchmal haben wir auch so kleine Teile Wäsche mitgebracht und an
die Stufen oder an die Seite gelegt, die dann schnell jemand genommen hat. Wo sollten die
auch was zum Anziehen herbekommen? Sie brauchten ja auch was. Es tut mir heute noch
Leid, dass wir nie wieder etwas von der Nellie gehört haben. Ihre Schwester war Lehrerin, der
Bruder Ingenieur, sie war 13 Jahre alt. Die ganze Familie von Nellie war dort im Lager, sie
kamen aus der Ukraine. Hübsche, intelligente Menschen.
Im Laden wurde Marmelade, Brot, Wurst, Quark, Zucker und so weiter verkauft.
Bezahlt wurde mit Bons, eine Art Lebensmittelkarten. Die Bons wurden abgeben, es wurde
mit unserem Geld bezahlt. Die Belgier und Italiener hatten richtig unser Geld gehabt. Sie
haben dort ja auch Lohn bekommen und genauso bezahlt wie unsere Arbeiter. Die volle Kasse
hat man da ja auch mit nach Hause genommen. Man hatte nicht einmal Angst gehabt, dass
einen jemand überfallen könnte und die Geldkasse wegnehmen könnte.
Die Polen und die Russen durften nicht in dem Laden einkaufen. Die haben auch keine
Sonderverpflegung, zum Beispiel zu Weihnachten, bekommen. Denen ging es am
schlechtesten. Dann wurden mal kurze Zeit Juden durchs Lager getrieben. Die waren aber
nicht lange da. Judenkinder waren auch dabei. Ich erinnere mich noch an die halbgemauerten
Abfallecken. Da lagen dann die Schalen und so und dort sind die Juden rumgekrochen und
haben sich dort was rausgeholt. Sie haben sie dann wahrscheinlich weiter rein getrieben. Hier
war ja noch nicht die Grenze. Sie wurden wohl in andere Orte getrieben. Vielleicht wurden sie
irgendwo hingebracht und vergast.
[...]
In dem Laden im Lager arbeitete einer alleine. Extra jemand für die Obrigkeit war
auch noch da, die bekamen ja bessere Sachen. Ich hatte ja da wirklich noch Glück. Die Chefin
vom Arbeitsdienst hat alles mitbekommen, hat mich manchmal nach Forst gefahren. Sie
bekam ihren Schnaps, ihre Zigarren. Sie kam extra von Sonneberg nach Forst. Es haben eben
immer alle zusammen gehalten. Die Italiener haben sich mal untereinander gehauen oder
gestochen, das war kurz ihre Sache gewesen. Ansonsten wurde niemand angegriffen. Was wir
konnten, haben wir gemacht. Essen gab es ja. Viele sind ja auch zur Kommandantur gerufen
wurden und hatten dann Angst, dass sie verhaftet werden, als sie das dicke Buch da sahen.
Aber wir hatten ja mit dem Lager nichts zu tun. Wir sind da ja nicht hingekommen. Es gab
viele, die sie besucht haben.
Am Eingang vom Lager saß immer eine Wachmannschaft. Das Haupttor, wo alle
durchgingen, war rund um die Uhr besetzt. Ohne Ausweis kam da niemand ins Wohnlager.
Die Wachmänner waren direkt vom Werkschutz, Wachschutz. Ich glaube, die waren von der
Sprengchemie angestellt. Eine Uniform hatten sie an, dunkelgrau. Der Werkschutz hat ja auch
die Leute ins Werk reingebracht. Die Ausländer sind ja gelaufen. Wie weit die Sprengchemie
vom Lager entfernt war, keine Ahnung. [...] Ich glaube, die Wachmänner hatten Pistolen. Sie
waren nur am Tor und haben nicht am Zaun patrouilliert. Es lief alles ruhig ab. Man hat auch
keine Angst gehabt, weder vor den Russen, den Polen oder den Belgiern. Sie haben auch viel
von zu Hause erzählt, sie konnten ja auch Deutsch. Wie es drinnen im Werk war, was sich da
abgespielt hat, wissen wir nicht. Manchmal hat man von zu Hause aus einen Feuerschein
gesehen, da ist dann wieder was hochgegangen im Werk. Todesfälle und Verletzte wird es im
Zusammenhang mit diesen Explosionen gegeben haben, aber man hat nicht viel gehört. Das
haben die doch alle vertuscht. Wir gehen davon aus, aber es war kein Gesprächsthema [...] Im
Lager ist es nicht aufgefallen, dass es Verletzte gab. Einen Friedhof gab es in Scheuno, im
Lager gab es keinen. Wenn wirklich mal jemand im Lager verstorben ist, das kam ja vor,
wurde er auf dem Hauptfriedhof in Forst beerdigt. Ob tatsächlich jemand aus dem Lager dort
liegt, weiß man nicht genau. Vor dem Russischen Friedhof war so eine Begräbnisstätte. Es
kann sein, dass durch die private Unterbringung, da jemand gestorben ist und beerdigt wurde.
Wir haben dort in Holzbaracken gewohnt. Dort war eine Heizung drin. Es waren
einzelne Zimmer drin. Es gab größere und kleinere Zimmer. Die Christel und die Nellie
waren immer in dem Kinderzimmer, das war etwas kleiner. Nellie kam früh und nachmittags
ging sie wieder. Die Zimmer hatten Schränke und Betten, waren zirka 12 bis 15
Quadratmeter. Auch die Ausländer hatten Betten und Schränke.
Ich hab ja oft was ins Lager gebracht, was zu essen und so. Sie waren ja alle menschlich, es
gab nur ein oder zwei „Lumpen“ [...] In manchen Zimmern haben bestimmt bis zehn Personen
geschlafen bei den Ausländern. Jedes Zimmer hatte Zentralheizung, Ofen waren wohl nicht
drin. Dort im Lager war ja auch eine richtig große Küche mit großen Kesseln. Dort hat ein
deutscher Koch gearbeitet. Wenn der frei hatte, konnten die Ausländer kochen, wie sie
wollten. Da wurde eingekauft, Kohl und Weißkohl und dann wurde gekocht. Der Bernhardt
hat immer gesagt, das sind genau solche Menschen wie wir. Wenn die Leistung bringen
sollen, wenn sie arbeiten, dann müssen sie auch was zu essen bekommen und satt werden.
Oberlagerleiter Bernhardt war von der Sprengchemie angestellt und trug keine Uniform. Er
wohnte in einem Wohnhäuschen im Lager drin. Woher er stammt, wissen wir nicht. Er kam
von weiter her. Wir wissen heute, dass er tot ist. [...] Gleich nach 1945 hat sich rausgestellt,
dass Bernhardt tot ist. Meine Mutter hat das erfahren. Er war wohl zu menschlich, dann haben
sie ihn abgeholt, der war weg.
Die Lagerinsassen haben ausgesagt und da ist wohl was verwechselt worden mit dem
Unterlagerleiter und dem Oberlagerleiter. Der Unterlagerlager war nicht so
menschenfreundlich. Der hat meistens an der Wache immer alles wegnehmen lassen, was sich
die Ausländer zu essen gekauft hatten, wenn er da war. Unsere Mutter hat oft mit dem
Oberlagerleiter zusammengearbeitet und hat dann oft gehört, wie er gesagt hat: „Guck doch
auf die andere Seite! Was stört dich denn Krautkopf, den haben sie sich doch erarbeitet.“ [...]
Der Unterlagerleiter Fritschke (?) war auch nicht von hier. Den haben sie wohl auch nachher
abgeholt. Als meine Mutter mal abgeholt wurde, glaubte keiner, dass sie niemanden kannte.
Bis einer sagte, dass das Werk und das Lager ja extra waren. In einem dicken Buch in der
Kommandantur standen wohl alle Namen von denen, die im Lager gearbeitet haben. Dann
sollte meine Mutter sagen, ob sie jemand kannte. Sie sagte nur, dass sie ja im Magazin
gearbeitet hat und niemanden kannte. Sie kannte wohl welche, sagte es aber nicht. Sie war fix
und fertig. Man kannte zwar nicht jeden, aber doch einige.
[...]
Zwischen Lager und Werk gab es aber eine organisatorische Trennung.
Die Lagerleitung hatte extra ein ausgebautes Haus. Wo das Büro, die Buchhaltung, war,
wissen wir nicht. [...] In die Wäscherei sind wir gar nicht reingekommen. Wir haben ja beide
im Laden gearbeitet. In der Küche waren nur Deutsche. Mutter arbeitete im Magazin, sie hat
immer Reinigungskräfte angefordert. Das hat sie absichtlich gemacht, damit sie wieder mal
zum Beispiel Sonnenblumenkerne bekommen.
Es wohnten auch viele auswärtige Deutsche im Lager. Die Ausländer wurden erst wie
eingesperrt behandelt und später konnten sie sich doch frei bewegen. Die Russen, Ukrainer
und Polen hatten diese Vergünstigung, auch zu Weihnachten mit Verpflegung, jedoch nicht.
An Esten, Litauer können wir uns nicht erinnern, die sind nicht weiter aufgefallen.
Einige Hundert wohnten im Lager insgesamt. Viele von den Ausländern und Auswärtigen
sind auch hier geblieben. Auch ein Italiener, der hat in der Schneiderei in der Albertstraße
gearbeitet[...]. Der war schon in Scheuno, hat dann hier ein Häuschen gebaut. [...] Die
Holländer, Belgier und Italiener konnten sich auch in der Stadt frei bewegen. Es haben auch
oft die Ukrainer bei den Leuten gearbeitet. Durch die Schichtarbeit im Werk konnten sie in
der Stadt noch bei Leuten arbeiten. Sie hatten auch nie das Gefühl, dass sie im Lager
eingesperrt waren. Es war eben der Posten, der sie kontrolliert hat beim Rein- und Rausgehen.
Uns kannten ja die Posten schon.
[...]
Ob Bernhardt verurteilt wurde, weiß kein Mensch. Es hieß nur, er sei weg. Er war bis
zuletzt im Lager. Er ist nicht weggerannt wie die anderen alle. Die Schneider und die
Fleischer zum Beispiel, die im Lager waren, sind alle weggerannt. Die hatten ja das Geld und
die Nähmaschinen, alles, stehen und liegen lassen. Das waren alle deutsche Angestellte.
Manchmal sind Polen ausgerissen aus Steinwerken und so, die haben sie dann in Scheuno
wieder geschnappt und geschlagen, das war 1945.
[...]
Dass das Lager Scheuno-Ost hieß, kann schon sein. Andere Bezeichnungen gab es nicht.
Anlage D
Originaldokumente
Eine Übersicht der polnischen Kriegsgefangenenarbeitskommandos im Bereich des Kreises
Sorau wurde vom Stalag IIIB Fürstenberg angefertigt, als es um die Überstellung in zivile
Arbeitsverhältnisse ging. Das Dokument ist im BLHA vorhanden.
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage D
Originaldokumente
Bereits mit der Vorbereitung der Überführung der polnischen Kriegsgefangenen in
Zivilarbeiterverhältnis wurde begonnen, den Einsatz von „Westgefangenen“ im Kreis Sorau
zu planen. Weiter genutzt werden sollten unter anderem die Lager in Sacro und Simmersdorf
mit Arbeitsbereichen im heutigen Forster Stadtgebiet. (Stadtarchiv Forst)
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage D
Originaldokumente
Eine, wenn nicht die einzig auffindbare, Liste über Ausländerlager in der Stadt Forst blieb
erhalten, weil es um eine Sonderzuweisung von 20 Gramm Hefe für sowjetische
Kriegsgefangene, Italienische Militärinternierte und Ostarbeiter ging. Auffällig ist allerdings,
dass das Lager in Scheuno nicht auftaucht. Es ist also davon auszugehen, das die Liste
unvollständig ist. Außerdem fehlt Sacro, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Stadt Forst
angehörte. (Archiv Forst, Anm.: Der handschriftliche Vermerk „Weststr.“ auf der zweiten
Kopie stammt vom Autor)
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage D
Originaldokumente
In einem Schreiben an den Oberbürgermeister der Stadt Forst beklagte sich das
Ostministerium über die unzureichende Ernährung der Kinder in seinem Lager. Dort sei es
bereits zu Todesfällen bei Klein- und Kleinstkindern gekommen. (Stadtarchiv Forst)
Reproduktion der Seite aus dem deutschen Original.
Anlage D
Originaldokumente
Per E-Mail von Axel Drieschner / Barbara Schulz, Berlin, 6.3.2004
Abschrift
Französische Arbeitskommandos in Rosengarten:
Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, R 40991, unpag.
„Bericht über die Besichtigung des Stalag III B Fürstenberg“,
Besuch von Arbeitskommandos am 15. u. 16.1.1942:
S. 9:
„Kommando 748 - Rosengarten.-
Vertrauensmann: Gefreiter FAVELIER
Bestand: 21 Mann
Die Gefangenen arbeiten in einem Sägewerk, in einem Bauernhof und in einem
Bauunternehmen.
Der Lohn sch[w]ankt zwischen 13.50 und 18 Mark pro Monat.
Die mit Zentralheizung ausgestattete Unterkunft ist gut.
Die Verpflegung ist ausreichend.
Die Kleider, die vor kurzem ausgewechselt wurden, sind in gutem Zustand.
Die Schuhe sind schlecht.
Die Waschräume sind gut eingerichtet und die Gefangenen verfügen über beliebig
viel warmes und kaltes Wasser.
Die Post kommt unregelmäßig an.“
S. 15:
„Liste der Kommandos, die am 15. und 16. Januar 1942 besichtigt wurden oder
deren Vertrauensmänner mit dem Delegierten sprechen konnten“
Nr.d.Komm
Bestand [*] Beschaffenh. d. Arbeit Bes. Bemerk.
[...]
609 Rosengarten
26
Betonierungsarbeiten
kalte Unterkunft
728 “
85
Beschotterungsarbeiten
Verpfl. ein wenig
knapp
924
“
20
Holzfällen
94
“
10
Landwirtsch.
748
“
21
Sägewerk
[...]“
[* die Spalte „Vertrauensmann“ weggelassen; ausschl. franz. Namen]
Ergänzung per Mail vom 26.3.2004 (zusammengefasst):
Die vom IKRK am 15./16.1.1942 besuchten Arbeitskommandos lagen in Fürstenwalde,
Jänickendorf, Guelsdorf, Ketschendorf, Frankfurt/Oder, Rosengarten, Lieberose, Holbrunn,
Sta[a ]kow, Leeskow [Beeskow?], Gamlitz [Jamlitz?], Ullersdorf und Lübben. Teilweise sind
die Ortsnamen offensichtlich falsch geschrieben.
Fazit d.A.: Da fast alle Ort im Bereich der heutigen Landkreise Daghme Spreewald (LDS)
und Oder-Spreewald (LOS) liegen, dürfte die Lage der Kommandos Rosengarten für Forst als
unwahrscheinlich gelten.
Übersicht der bekannten Arbeitskommandos in Forst
Kriegsgefangenenarbeitskommandos in Forst und Umgebung
Nr.
Bezeichnung
Ort
168
Simmersdorf
Simmersdorf
438
Sacro
Sacro
619
Scheuno DSC
Forst-Scheuno
634
unbekannt
unbekannt
863
Forst-Domsdorf
Forst-Domsdorf
930
Mix & Genest
Forst
Übersicht der Italienischen-Militärinternierten-Arbeitskommandos in Forst
Nr.
Bezeichnung
Ort
105
Hänselhalle
Forst
135
Hammer & Haebler
Forst
Ausländerliste
Folgende 228 Ausländer arbeiteten während des Zweiten Weltkrieges nachweislich in Forst
oder sind dort begraben. Wo aus den Unterlagen (Fundort, Signatur, Blatt; StadtA in diesem
Fall Stadtarchiv Forst) die Schreibweise des Namens nicht klar ersichtlich, unterschiedlich
oder unlesbar war, wurde dies berücksichtigt. * geben an, wo abgekürzt oder die Schrift
unleserlich wurde, ein Fragezeichen steht für einen unbekannten Namen.
Name
Vorname
Nationalität
Status
Quelle
Andrezak
Eugen
PL
StadtA 3037, 91
Antoniadi
Wladimir
Ostarbeiter
Friedhofsliste
Asselin
Albert
F
Zivilarbeiter
StadtA 2707, 29
Audibert
Henri
StadtA 3230
Babescha
Wassily
RUS
Landarbeiter
Friedhofsliste
Baday
Louis
StadtA 3230
Bakkal
Annatll.
StadtA 3230
Balatzyk
Peter
Ostarbeiter
Friedhofsliste
Baran
Stefan
Ostarbeiter
StadtA 1980
Barrier
Jean
StadtA 1984, 37
Bednarek
Wawz*
PL
StadtA A2020, 66
Bekarodow
Fedor
Ausländer
StadtA 3037, 100
Berko
Iwan
SU
Ostarbeiter
StadtA 5307, 4
Bernatzki
Illia
Ostarbeiter
Friedhofsliste
Betrand
Constand
F
Zivilarbeiter
StadtA 2707, 29
StadtA 3230
Bloesch
Antoine
F
Zivilarbeiter
StadtA 2707, 29
StadtA 3230
Bodarenko
Iwa.
StadtA 3230
Boiko
Wasilij
SU
Ostarbeiter
StadtA 5307, 4
auch Wasily
Boismartel
Raphael
F
Kgf
StadtA 314
Bokowski
Iwan
Ostarbeiter
Friedhofsliste
Bondar
Nikolai
Ostarbeiter
StadtA 1980, 7,10
Bondarenko Iwan
Ostarbeiter
StadtA 1980, 7
Bos
Januar
NL
StadtA 3037, 100
Bouillon
Georges
Ausländer
StadtA 3037, 100
Boulva
André (Andree) F
Zivilarbeiter
StadtA 2707, 29
StadtA 3230