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DSC Forst „Wald“ · verborgenes Industrieerbe in der Natur
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Montan Industrie GmbH - WASAG, DSC und Karinhallplan

Das System MONTAN-WASAG-Deutsche Sprengchemie, das Montan-Schema, der Karinhallplan von 1938 und die Stellung des DSC-Werks Forst-Scheuno.

1916 Gründung MONTAN
1934 DSC / militärische Nutzung des MONTAN-Mantels
12.07.1938 Karinhallplan
1941 Werk I Forst produziert
1942 Werk II läuft an
Organisationsstruktur

Keine einfache Pyramide, sondern mehrere übereinanderliegende Ebenen

Das G.E.O.S.-Gutachten von 1995 zeigt für Forst eine klare Produktionslinie: Oberkommando des Heeres → WASAG → Deutsche Sprengchemie GmbH → Zweigwerke Dreetz, Forst und Klietz. Diese Grafik ist für die lokale Geschichte besonders wertvoll, beantwortet aber nicht die Eigentumsfrage.

Diese Lücke füllt die Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie GmbH. Nach dem sogenannten Montan-Schema konnten vom Reich finanzierte Werke in MONTAN-Vermögen überführt und anschließend an Betreiber verpachtet werden. Der Staat behielt damit die Kontrolle über Grundstücke und Anlagen; die Industrie stellte Know-how, Fachkräfte und Organisation.

Merksatz: OKH/HWA bestellt und finanziert → MONTAN hält und verpachtet → der Industriekonzern organisiert → die Betriebsgesellschaft produziert.
OKH / Heereswaffenamt
Aufträge, Planung, Finanzierung
↓
MONTAN
Eigentum, Treuhand, Pacht, Kontrolle
↕
WASAG
Technologie, Bau, industrielle Organisation
↓
Deutsche Sprengchemie
Betrieb des Werksnetzes, darunter Forst-Scheuno
Originalschema der DSC-Unterordnung im G.E.O.S.-Gutachten 1995
Originalquelle: G.E.O.S. 1995 - OKH, WASAG, DSC und die Werke Dreetz, Forst, Klietz.

Bundesarchiv

BArch R 8135/7252, die Prüfung des DSC-Jahresabschlusses zum 31. März 1941, nennt MONTAN, die Verbindung zur WASAG und Zweigwerke in Torgelow, Klietz, Kraiburg, Moschwig, Oderberg, Forst, Dreetz und Wolfratshausen. Damit wird Forst als Teil eines Netzes und nicht als isolierte Geheimfabrik greifbar.

Montan-Schema

Eine Gesellschaft von 1916 als Instrument verdeckter Rüstung

MONTAN wurde am 3. Februar 1916 in München gegründet. Der ursprüngliche Gesellschaftszweck betraf Bergwerksrechte und Beteiligungen. In den 1930er Jahren wurde der Firmenmantel jedoch von Strukturen des Heereswaffenamtes genutzt. Der Staat konnte dadurch im Rechts- und Wirtschaftsverkehr über eine formal zivile Gesellschaft auftreten.

Das Modell reduzierte das Investitionsrisiko privater Unternehmen, erleichterte die Priorisierung von Rohstoffen, Energie und Arbeitskräften und verschleierte zugleich den Umfang staatlicher Kontrolle. Forschungen zu vergleichbaren Rüstungswerken gehen von 119 Betrieben aus, die bis Kriegsende nach diesem oder einem eng verwandten Schema eingerichtet wurden.

Auch in Ostdeutschland sind Eigentumsspuren erhalten. Das Staatsarchiv Zielona Góra verzeichnet eine Grundakte Grünberg Neustadt, Blatt 139, für die Verwertungsgesellschaft für Montanindustrie GmbH München. Sie betrifft nicht Forst-Scheuno, belegt aber konkret, dass MONTAN als Grundstücks- und Vermögensträger im östlichen Reichsgebiet auftrat.

WASAG und DSC

Die industrielle Seite des Systems

Die 1891 gegründete WASAG entwickelte sich mit Werken in Sinsen, Coswig und Reinsdorf zu einem bedeutenden Hersteller von Sprengstoffen, Nitrocellulose und Pulver. Im Ersten Weltkrieg wuchs die Rüstungsproduktion stark. Nach Versailles behielt Reinsdorf eine Sonderstellung bei der zulässigen militärischen Produktion. Dieses Wissen und die technische Infrastruktur bildeten in den 1930er Jahren eine wichtige Grundlage für die erneute Aufrüstung.

1934 entstand die Deutsche Sprengchemie GmbH. Für Forst erscheint sie als mit der WASAG verbundene Betriebsgesellschaft. Gleichzeitig nennen Akten und Nürnberger Unterlagen DSC als im Besitz des Deutschen Reiches. Das ist kein Widerspruch, sondern kennzeichnet das System: private industrielle Führung konnte mit staatlicher Kapital- oder Vermögenskontrolle verbunden sein.

Archivischer Hinweis: Der Bestand I 417 WASAG Coswig im Landesarchiv Sachsen-Anhalt umfasst 15,5 laufende Meter. Neben technischen Unterlagen enthält er Fremdarbeiter- und Ostarbeiterkarteien 1939-1945. Unternehmensgeschichte und Zwangsarbeit sind daher archivisch unmittelbar miteinander verbunden.
Kriegsvorbereitung

Karinhall: von Görings Besprechungen zum Plan vom 12. Juli 1938

Carinhall, Görings Landsitz in der Schorfheide, war 1938 auch ein Ort politisch-industrieller Besprechungen. Das Harvard Nuremberg Project veröffentlicht das Protokoll einer Konferenz Görings mit Vertretern der Flugzeugindustrie vom 8. Juli 1938. Die wirtschaftshistorische Forschung beschreibt außerdem eine „dramatische Aussprache“ Görings mit Paul Körner, Wilhelm Löb und Carl Krauch, in der Krauch eine grundlegende Revision der Vierjahresplanung durchsetzte.

Am 12. Juli 1938 entstand der „Wehrwirtschaftliche neue Erzeugungsplan“, der als Krauch- oder Karinhallplan bekannt wurde. Er umfasste Mineralöl, Buna, Leichtmetalle, Stahl, Pulver, Sprengstoffe und chemische Kampfstoffe. Für Oktober 1940 waren monatlich etwa 12.000 Tonnen Pulver, 19.000 Tonnen Sprengstoff und 4.000 Tonnen chemische Kampfstoffe vorgesehen. Nürnberger Quellen zeigen zugleich, dass Maschinen-, Devisen-, Rohstoff- und Arbeitskräftemangel die Zielerreichung verzögerte.

Für Forst ist die zeitliche Nähe entscheidend. Die hydrogeologischen Untersuchungen und Planungen begannen 1938, also genau in der Phase, in der der chemische Rüstungsausbau beschleunigt wurde. Das G.E.O.S.-Gutachten nennt für Forst zunächst rund 1.000 Tonnen Pulver monatlich und später Planwerte von 600 Tonnen für Werk I und 650 Tonnen für Werk II. Diese lokalen Werte dürfen nicht mit den reichsweiten Karinhall-Zielen verwechselt werden.

Originalausschnitt des G.E.O.S.-Gutachtens zum Karinhallplan
G.E.O.S. 1995: Forst-Planung und Karinhallplan.
Hermann Göring in Carinhall am 7. Juli 1938
Carinhall, 7. Juli 1938. NAC / Wikimedia Commons, Public Domain.
DSC Forst-Scheuno

Wie das System im Wald an der Neiße Gestalt annahm

1938: Wasser- und Baugrunduntersuchungen.
1939: Hauptphase des Baus von Straßen, Brunnen, Bahnanlagen und Produktionszonen.
1941: Werk I produziert; G.E.O.S. nennt in einer Betriebskarte 2.398 Beschäftigte.
1942: Werk II nimmt die Produktion auf.

Forst war keine einzelne Fabrikhalle, sondern eine weitläufige Industrielandschaft: zwei Produktionskomplexe, vier Nitrierbereiche, eigene Wassergewinnung, Energieversorgung, Werkstätten, Labore, Schießstand, Lager, Abwasseranlagen, Werkbahn und Straßennetz. Die verstreute Bauweise begrenzte Explosionsschäden und erschwerte die Luftaufklärung.

Die technische Struktur war zugleich von Arbeitskräftemangel und Zwangsarbeit geprägt. Bereits 1940 vermerkten Kriegstagebücher erhebliche Personaldefizite. Später arbeiteten ausländische Zwangsarbeiter und Häftlinge im Umfeld des Werks. Die Unternehmensstruktur ist deshalb nicht nur eine Geschichte von Eigentum und Verträgen, sondern auch eine Geschichte der erzwungenen Mobilisierung von Menschen.

Originaldaten des G.E.O.S.-Gutachtens zu DSC Forst
G.E.O.S. 1995: Versorgungsdaten und Reichsbetriebskarte Forst.
Recherche 2026

Deutsche, polnische und russische Archive

Bundesarchiv / DDB

R 121/5408 MONTAN 1939-1943; R 3112/88 Karinhallplan; R 8135/7252 DSC; R 154/10673 Werke Forst 1938-1944.

Landesarchiv Sachsen-Anhalt

I 417 WASAG Coswig 1914-1947, einschließlich Zeichnungen und Fremdarbeiterkarteien.

Archiwum Państwowe Zielona Góra

89/1299/0 DSC Forst sowie Grundakte 89/45/0/4.5.21/1519 für MONTAN München.

Russische Digitalbestände

In „Память народа“ und der Elektronischen Bibliothek historischer Dokumente wurde keine direkte Firmenakte MONTAN-WASAG-DSC Forst gefunden. Diese Leerstelle wird ausdrücklich als solche markiert.

Quellen

  1. G.E.O.S. Ingenieurgesellschaft mbH, Forst-Gutachten, 30.11.1995.
  2. BArch R 121/5408.
  3. BArch R 3112/88.
  4. BArch R 8135/7252.
  5. Landesarchiv Sachsen-Anhalt I 417.
  6. Nürnberger Dokument 2353-PS.
  7. Karinhall-Konferenz vom 8.07.1938.